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Siebzig Glocken-Melodien

Demnächst klingen auch Kirchenlieder über Tübingens Dächern

Vorbei mit immer nur „Dingdong“. Dank einzigartiger Computertechnik in der Tübinger Stiftskirche läuten nun neun Glocken jeweils passend zur Tages- und Jahreszeit neue Melodien.

24.11.2015
  • Martin Brunner

Tübingen. „Ach, du heiliger Bimbam“, wird sich mancher gedacht und ungläubig auf die Uhr und in den Himmel geschaut haben, als die Glocken der Stiftskirche am Montag kurz vor zwölf Uhr mittags „Der Mond ist aufgegangen“ läuteten. Da war allerdings kein zu Scherzen aufgelegter Glöckner am Werk, sondern Stiftsmusikdirektor Prof. Hans-Peter Braun, der zum ersten Mal ausprobierte, ob die Handy-Fernsteuerung für das neue Hammerwerk der Glocken funktionierte.

Braun war Initiator des „Jahrtausendprojekts“ der Stiftskirche. Erstmals zum neuen Jahr in der Nacht auf den 1. Januar 2000 ließ er die Glocken der Stiftskirche eine Melodie spielen, in welche die Geläute der anderen Kirchen dann einstimmten. Braun wuchs mit dem Läuten der Kirchenglocken auf: „Das war schon als kleiner Bub mein Traum, dass die Glocken Melodien spielen.“

Aus diesem Erstversuch heraus entwickelte Braun die Idee, ein Hammerschlagwerk im Geläut zu installieren, was das Spielen von Melodien vereinfachen sollte, da es sehr kompliziert war, die Schwingzeiten der Glocken so in eine Komposition einzukalkulieren, dass ein Stück erkennbar wurde. „Zudem waren mit den vorhandenen sieben Glocken nur 15 Lieder aus dem Evangelischen Gesangbuch realisierbar. Mit neun Glocken waren siebzig möglich.“ So wurde ab 2009 für ein Hammerschlagwerk und zwei neue Glocken gesammelt. Dank vieler kleiner und einer sehr großzügigen Spende konnte das 55 000 Euro teure Projekt schließlich realisiert werden.

2014 installierte die Glockenfirma Rincker das bisher einzigartige computergesteuerte Hammerwerk. Braun spielte mit einem Keyboard die siebzig möglichen Melodien aus dem Evangelischen Gesangbuch in den Spezialcomputer ein. „Hier mussten wir sehr auf das Tempo achten, damit die Töne nicht zu einem ‚Brei‘ verschmolzen“, erklärt der Kirchenmusiker. Nun kann man direkt am Keyboard „frei“ auf den Glocken spielen, den Computer manuell bedienen, um eine bestimmte einprogrammierte Melodie erklingen oder den Computer automatisch das eingestellte Programm wiedergeben zu lassen. Zehn Melodien können auch mit dem speziellen Handy per Funk ausgelöst werden, wie sich am Montag bestätigte. Die Programmierung einer täglichen Läuteordnung für viele Jahre erwies sich wegen der wechselnden Festtermine von Ostern, Pfingsten und Advent und wegen der turnusmäßigen Zeitumstellungen als besonders schwierig.

Zum ersten Advent ist es jetzt – dank entscheidender Mithilfe des Computerspezialisten und Mitglieds der Stiftskirchengemeinde Markus Baur – gelungen, auch die vom Kirchengemeinderat beschlossene, wöchentliche Läuteordnung für das ganze Jahr umzusetzen.

Zum Beginn des neuen Kirchenjahres am ersten Advent 2015 läuten die neun großen Glocken der Stiftskirche Tübingen nun dreimal an den Wochentagen verschiedene Melodien. Damit dadurch die vorgegebenen Geräuschemissionswerte nicht überschritten werden, wurden das Mittags- und Abendläuten zugunsten der zuvor erklingenden neuen Melodien jeweils etwas verkürzt. Über „noch mehr Gebimmel“ kann sich also niemand beklagen.

Zum Mittagsläuten um 11.55 Uhr erklingt nun die Friedensbitte „Verleih uns Frieden gnädiglich“, zum Feierabendläuten um 17.55 Uhr eine wechselnde, der Kirchenjahreszeit entsprechende Melodie. Das Läuten zum Abendgebet – je nach Jahreszeit um 18.10 Uhr, 19.10 Uhr, oder 20.10 Uhr kommt entweder „Weißt du, wieviel Sternlein stehen“ oder „Der Mond ist aufgegangen“.

Demnächst klingen auch Kirchenlieder über Tübingens Dächern
Diese Glocken hier dürfen nur klingen, aber nicht schwingen: Zwei der neuen Glocken der Stiftskirche sind aus Statikgründen starr verbaut, die älteren „Geschwister“ sind jedoch weiterhin beweglich.Archivbild: Metz

Zum Abschluss und zur Feier des seit 2009 laufenden und nun abgeschlossenen Glockenprojekts lädt die Stiftskirchengemeinde Tübingen zu folgenden Terminen ein: Mittwoch, 25. November, 16 Uhr, Glockenführung mit Stiftsmusikdirektor a. D. Hans-Peter Braun, Mesner Rolf Kern, Treffpunkt: Vorhalle der Stiftskirche.
Samstag, 28. November, 19.15 Uhr, Stiftskirche: Einführung in das „Choralbuch der Stiftskirchenglocken“, die Läuteordnung für das Kirchenjahr und die „Zukunftsmusik“ (Hans-Peter Braun).
Anschließend, um 20 Uhr, Motette zum 1. Advent „Macht hoch die Tür“mit dem Tübinger Posaunenchor und dem Posaunenchor der Christuskirche Stuttgart,
Leitung: Kathrin Schlecht.
Nach der Motette: Zugabe auf dem Platz vor der Stiftskirche: Glocken und Bläser spielen zusammen Melodien zum Advent aus dem Gesangbuch in Sätzen von Hans-Peter Braun.

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24.11.2015, 12:00 Uhr

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