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Bestattung

Den Tod vor Augen

Jennifer Schmidt ist jung und hat doch täglich mit dem Tod zu tun. Ihr Beruf sei ein Dienst an den Verstorbenen und an den Lebenden.

27.11.2019

Von LSW

Jennifer Schmid ist glücklich mit ihrem Beruf als Bestatterin. Foto: Tom Weller/dpa

Stuttgart. Dienst den Lebenden, Ehre den Toten.“ Diesem Motto hat sich die Bestatterin Jennifer Schmid verschrieben – jedenfalls beruflich. Die 22-Jährige hat den diesjährigen Bundeswettbewerb für Nachwuchsbestatter für sich entschieden. Davor war sie Landessiegerin in Baden-Württemberg geworden. Im Bestatterhandwerk gebe es keine Nachwuchsprobleme, heißt es in einer Mitteilung des Deutschen Bestatterverbandes. Der Anteil der Frauen unter den Auszubildenden, die in diesem Jahr begonnen haben, liegt mit knapp über 50 Prozent für einen Handwerksberuf hoch. Was reizt junge Menschen, Bestatter zu werden?

Bei Jennifer Schmid wurde das Interesse in der neunten Klasse beim Thema „Leben und Tod“ geweckt. „Das hat mich da schon ziemlich fasziniert und auch beeindruckt, was alles im menschlichen Körper passiert, gerade beim Sterbeprozess“, sagt die 22-Jährige. Danach hat sie viele Bücher zum Thema gelesen. Ihre Mutter habe ihr mehr aus Spaß geraten, sie solle Bestatter werden, nach dem Motto „dich interessiert der Tod ja sowieso“.

So kam es, dass Schmid 2016 ihre Ausbildung begann, die sie dieses Jahr abschloss. In ihrem derzeitigen Betrieb kümmert sie sich vor allem um Trauerfeiern. Sie führt Beratungsgespräche, sorgt für Blumenschmuck, gestaltet die Zeitungsanzeige oder bestellt Musiker. In den Aufgabenbereich eines Bestatters zählt je nach Unternehmen aber auch die Abholung und Pflege der Toten, der Sargbau oder der Grabaushub. „Also so einen typischen Tagesablauf habe ich nicht, wir wissen nie, was auf uns zukommt“, sagt die Bestatterin.

Wie viele Sterbefälle in Bestattungsunternehmen wöchentlich anfallen, könne man pauschal nicht sagen, das geschehe phasenweise. „Jetzt beispielsweise haben wir recht wenig Sterbefälle“, sagt Schmid Mitte November. „Aber dann kann es wieder sein, dass fünf oder gar zehn Anrufe mit Sterbefällen pro Tag reinkommen.“ Im Schnitt rechne man damit, dass jährlich gut ein Prozent der Bevölkerung verstirbt. Das spiegelt auch eine Aufstellung des Statistischen Landesamts zu den Sterbefällen in Baden-Württemberg wider. So sind 2018 mit 111 134 Menschen 1,01 Prozent der Bevölkerung verstorben.

„Alle 33 Sekunden stirbt ein Mensch in Deutschland“, sagt Elke Herrnberger, Pressesprecherin des Bundesverbands deutscher Bestatter, und bezieht sich damit auf die Zahlen des Statistischen Bundesamts. In ganz Deutschland sind 2018 rund 954 900 Menschen verstorben. Aus dem Erfahrungsschatz des Bestatterverbands könne sie berichten, dass Menschen im näheren familiären Umfeld nur alle 17 Jahre mit dem Thema Tod in Berührung kommen. Die sterbereichsten Monate seien der Januar, Februar und der März.

Im Allgemeinen findet Jennifer Schmid ihren Beruf nicht deprimierend. Es sei der natürliche Weg, dass jeder irgendwann stirbt. Ein paar Extremfälle nimmt sie aber trotzdem mit nach Hause – verunglückte Kinder oder Verkehrsunfälle. Dann hilft es ihr, mit ihrem Partner, der auch als Bestatter arbeitet, darüber zu reden. „Der Beruf ist eigentlich ein sehr schöner, nicht unbedingt fröhlicher, aber glücklicher Beruf.“

So gut wie alle Angehörigen seien sehr dankbar über die Begleitung und Unterstützung. Wenn es um Partner, Eltern oder gar Kinder gehe, „vertrauen sie uns den wertvollsten Menschen ihres Lebens an“. Den Beginn des Trauerprozesses könnten Bestatter erleichtern „und das finde ich so wertvoll an unserer Arbeit“, sagt Schmid.

Derzeit gibt es in Deutschland 552 Auszubildende im Bestatterberuf, 284 sind Frauen, also mehr als die Hälfte. Mittlerweile sei das normal, sagt Schmid. Als Bestatterin werde man gut angenommen. Angehörige würden teils auch ausdrücklich wünschen, von einer Frau beraten zu werden. Ihre Arbeit spiele sich vor allem mit den Lebenden, nicht mit den Toten ab, sagt Schmid. Angst vor dem Tod hat die 22-Jährige nicht – nur „vorm Sterben vielleicht, weil wir ja alle nicht wissen, wie wir sterben, wann und wo“.

Beim Bundeswettbewerb, den Schmid für sich entscheiden konnte, galt es, einen fiktiven Sterbefall zu bearbeiten. Trauerfeier und Beerdigung sollten geplant werden, die Angehörigen trauerpsychologisch begleitet werden. Jennifer Schmid möchte jetzt erst einmal ihren Meister machen und später auch irgendwann ausbilden, um ihr Wissen weiterzugeben. „Und dann bin ich bereit für das, was das Schicksal mir bringt.“ dpa

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Erstellt:
27. November 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
27. November 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 27. November 2019, 06:00 Uhr

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