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Zu kalt und zu nass für den Umzug

Den „großen“ Mai-Festzug verlegten die Nazis

Der Tübinger Gerhard Bader übergab kürzlich einen von seinem Vater Erich gedrehten Privatfilm über einen Mai-Umzug der Nazis in Tübingen dem Projekt Zeitzeugnisse. Jetzt kann der Film zeitlich eingeordnet werden. Am 1. Mai 1938 war es den Nazis zu kalt und zu nass. So verlegten sie ihren Festzug auf den 22. Mai.

16.07.2011
  • Manfred Hantke

Tübingen. Der damals 28-jährige Tübinger Erich Bader hat den Mai-Festzug der Nationalsozialisten 1938 aus privaten Gründen im Film festgehalten. Laut der gleichgeschalteten Tübinger Chronik sollte der Umzug aber bereits am 1. Mai zum „Tag der Nationalen Arbeit“ durch die Straßen ziehen.

Umzug der Nationalsozialisten am 22. Mai 1938 in Tübingen

Umzug der Nationalsozialisten am 22. Mai 1938 in Tübingen --

03:28 min

Tage zuvor hatten die Nazis das Volk per Tübinger Chronik auf diesen Tag eingestimmt. Denn es war kein gewöhnlicher Mai-Feiertag, es war der erste Feiertag des „Großdeutschen Volkes“. Zwei Monate zuvor hatte Adolf Hitler den „Anschluss Österreichs“ vollzogen. Zum „Sinnbild für das Wiedererwachen der menschlichen Arbeitskraft“ kam die „Heimkehr der Ostmark ins Deutsche Reich“, der den 1. Mai zu einem „Freudentag“ machen sollte. So die Chronik.

Zur Feier in Tübingen war sogar ein Auswahllehrgang österreichischer „Pimpfe“ (die zehn bis 14-Jährigen) für die Adolf-Hitler-Schulen angereist. Auch hatte sich Ministerpräsident und Kultusminister Christian Mergenthaler für den Umzug am Sonntag angesagt. Damit komme am besten zum Ausdruck, welche Bedeutung diesem Festzug zukommt, stellte die Chronik klar. Um die noch zu unterstreichen, sollte der Aufmarsch von einer Münchener Filmgesellschaft auf Zelluloid gebannt werden, damit die „Tübinger Volksgenossen“ diese „gewaltige künstlerische Schau“ nach Tagen nochmals im Film erleben können.

Wochen- oder gar monatelange Vorbereitungen hatten die Organisatoren hinter sich. Über 3000 Teilnehmer sollten sich in den Nazi-Propagandazug einreihen. Doch das Wetter hatten die Organisatoren nicht auf ihrer Rechnung. „Für die Jahreszeit zu kühl“, schrieb die Chronik am 26. April, ohne die genaue Temperatur anzugeben. Einen Tag später meldete sie zehn Zentimeter Schnee in Südbayern. Und am 30. April seufzte sie: „Für die Jahreszeit immer noch zu kühl“.

Wie „kühl“ es in Tübingen genau war, schreibt die Chronik nicht. Doch der Deutsche Wetterdienst hat auf Anfrage des TAGBLATTs die Daten vom 1. Mai 1938 für Stuttgart / Böblingen herausgesucht (Tübingen wurde damals nicht notiert). Danach war der Himmel bewölkt, die Temperatur lag bei 7 Grad Celsius, teils war es neblig trüb, es wehte ein schwacher Wind aus westlichen Richtungen. Sprühregen fiel in der Nacht zum 1. Mai. Nicht außergewöhnlich kalt und nass also.

So machten sich noch am 1. Mai frühmorgens die Arbeiter ans Werk und stellten den Maibaum auf dem Tübinger Marktplatz auf, natürlich den „stolzesten“, wie die Chronik am 2. Mai verkündete. Dann rückten gegen 8 Uhr die Jugendlichen „zu einer imponierenden Kundgebung“ an. Die aktuelle Wetterprogose verhieß nichts Gutes: Im Allgäu hatte es in den höheren Lagen wieder geschneit, die Vorhersage für Tübingen war „niederschmetternd“.

Den „großen“ Mai-Festzug verlegten die Nazis
Ein Einzelbild aus dem Film über den Umzug der Nationalsozialisten am 22. Mai 1938. Rechts der damalige Erste Beigeordnete (ab 1939 Tübinger OB) Ernst Weinmann, der sich im Wagen durch die Straßen kutschieren ließ. Weinmann („Henker von Belgrad“) wurde 1947 als Kriegsverbrecher in Jugoslawien hingerichtet.

So steckten NSDAP-Kreisleitung und Gaugeschäftsführer Helmut Baumert ihre Köpfe zusammen und entschieden am Mai-Feiertag gegen 11 Uhr, den Festzug um 16 Uhr abzusagen. Denn „auf dem Spiele stand einmal die Gesundheit von hunderten von Jugendlichen“, deren Kostüme laut Chronik „keine warme Unterkleidung geduldet hätten“. Zudem hätte der Regen die Kostüme sowie die Festwagen „ungeheuer“ beschädigen können. Das Risiko schien den Verantwortlichen „zu groß“. Mit Lautsprecherwagen ließen sie die Tübinger über die Absage des Festzugs informieren.

Der 1. Mai „wieder ein Tag der Freude“

So gab es an diesem 1. Mai ein Konzert auf dem Marktplatz, eine Kundgebung für die Jugend und einen „frohen Ausklang“ am Abend. Dennoch war der Tag „wieder ein Tag der Freude“, schrieb die Nazi-Postille. Er sei „zu einem echten Volksfeiertag im nationalsozialistischen Sinne“ geworden.

Den „großen“ Mai-Festzug verlegten die Nazis
Links im Bild als Zuschauer des Umzugs der damalige Tübinger OB Adolf Scheef.

Tage später versuchte das NS-Blatt zwar den Frühling herbei zuschreiben, der ließ sich aber in jenem Jahr viel Zeit. Auch drei Wochen später, am Sonntag, 22. Mai, war das Wetter nur wenig besser. Doch der Höhepunkt „des Tübinger Maifestes“ sollte „bei jeder Witterung“ am jubelnden Volk vorüberziehen, wie die Tübinger Chronik drohte. Dazu hatte sich auch „eine große Zahl auswärtiger Besucher“ angesagt. Wie viele und wer da kommen sollte, verschwieg sie. Sie wies aber die Bevölkerung darauf hin, Fahnen aufzuhängen.

Nach nationalsozialistischen Ritualen am Vor- und Nachmittag setzte sich der Propaganda-Festzug kurz nach 16 Uhr trotz leichten Regens in Bewegung. Er schlängelte sich über die Eberhardsbrücke durch die Mühlstraße (die damalige Adolf-Hitler-Straße), Wilhelmstraße, an der Neuen Aula vorbei zurück über die Hölderlinstraße, Rümelinstraße, Ammerbrücke, Grabenstraße und zum Lustnauer Tor (damals Hindenburg Platz) durch die Mühlstraße zur Eber hardsbrücke.

Hetze gegen die „Systemzeit“

Der Himmel voller Wolken, standen laut Tübinger Chronik etwa 15 000 Schaulustige an den Straßen und Gassen (Tübingen hatte zu der Zeit rund 30 000 Einwohner). Viele hatten ihren Regenschirm aufgespannt. Rund zwei Kilometer lang war der Umzug. Etwa 3300 Tübinger wirkten mit, darunter Kindergruppen, Weingärtner, Wehrmacht, Handwerker, Musiker, das Stadtreiterkorps, die NS-Volkswohlfahrt und Belegschaften Tübinger Betriebe.

Den „großen“ Mai-Festzug verlegten die Nazis
Der Bolschewismus als Spinne. Er spinnt seine Fäden über den gesamten Erdball.

Thematisch sollte der Umzug das „Frühlingserwachen des Volkes und des Staates“ ins rechte Bild rücken, so die Tübinger Chronik. In einer „einzigartigen und künstlerischen Form“ wollten die Nazis der Bevölkerung den „Wiederaufbau des Reiches anschaulich vor Augen“ führen.

Unterschiedlich kostümierte Gruppen mit Schildern und Wagen zogen durch die Straßen und Gassen. Sie repräsentierten jeweils einen Teil der jüngeren Geschichte – ideologisch verzerrt aus Sicht der Nazis. Zunächst prangerten sie die Zerrissenheit Deutschlands in der Weimarer Republik an – die „Systemzeit“, wie sie verächtlich formulierten.

Sie sahen Klassenkampf und vermeintliche „Judenherrschaft“ sowie drohenden Bolschewismus, symbolisiert in einer Spinne, die ihre Fäden rund um den Erdball zieht. Wie so oft bei solchen Anlässen, übten sich die Nazis in Heldenverehrung: Hitler habe die Arbeitslosigkeit wie auch den Parlamentarismus und die Parteien beseitigt, das Vaterland vor Zusammenbruch und Tod gerettet – so ihre Interpretation.

Tags darauf brachte die Tübinger Chronik, mehrere Bilder vom Festzug und lobte ihn in den höchsten Tönen. Die Erwartungen an ihn seien „weit übertroffen“ worden – trotz trüben Regenwetters ein „ungeahnter Erfolg“.

Besonders zu danken sei den Organisatoren, Propagandachef Alfred Göhner und Universitätszeichenlehrer Walter Lehner. Im Aufbau und in künstlerischer Gestaltung habe der Umzug völlig neue Wege beschritten und die „Beschauer zu heller Begeisterung entfacht.“ Davon sieht der Betrachter allerdings wenig. Jubel oder gar „helle Begeisterung“ ist auf dem Film nicht festzustellen. Nur hin und wieder reckte ein sogenannter Volksgenosse seinen rechten Arm.

Info: Wenn Sie den Zeitzeugnissen auch Bilder oder Filmmaterial aus der Geschichte der Kreise Tübingen und Reutlingen zur Verfügung stellen wollen, wenden Sie sich bitte an die jeweiligen Stadtarchive oder ans TAGBLATT-Archiv.

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16.07.2011, 12:00 Uhr

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