Geschichte

„Denkmäler sind eine überlebte Form“

Überall in der Welt werden Statuen von Kolonialisten und Rassisten angegriffen. Aber Bismarck, Churchill und sogar Gandhi? Historikerin Gesine Krüger ruft zu einem differenzierten Umgang auf.

08.07.2020

Von MARCUS GOLLING

Gesine Krüger. Foto: Simon Tanner

Ulm. Aus den „Black Lives Matter“-Demonstrationen wurde in vielen Ländern der Welt ein Sturm auf Denkmäler von historischen Persönlichkeiten, die mit Rassismus und kolonialen Verbrechen in Verbindung gebracht werden. Die einen kämpfen dafür, alle fragwürdigen Gestalten zu entfernen, selbst Kolumbus und Churchill, andere kritisieren den Denkmalsturm als jakobinischen Eifer. Gesine Krüger, Professorin für Neuere Geschichte an der Universität Zürich, plädiert für eine differenzierte Sichtweise.

Weltweit werden derzeit Denkmäler von den Sockeln gestürzt, in Hamburg hat kürzlich Bismarck rote Farbe abbekommen. Warum ziehen Statuen so viel Wut auf sich?

Gesine Krüger: Statuen verkörpern Personen, dadurch haben sie etwas Magisches an sich. Man hat bei den Bildern und Handyvideos zudem gesehen, dass diese Denkmalstürze Happening-Charakter haben – was in den Medien besonders gegeißelt wird. Ich war in Kapstadt dabei, als Cecil Rhodes vom Sockel geholt wurde. Es war sehr beeindruckend, wie die jungen Menschen singend zu der Statue gezogen sind und sich selbst ermächtigt haben. Vielleicht kommt auch noch ein Gefühl der Ohnmacht in der Gegenwart hinzu: Die „alten weißen Männer“ auf den Sockeln sind Stellvertreter für populistische Politiker, gegen die man nichts machen kann.

Die Denkmalstürze sind auch eine Abrechnung mit der eigenen Kolonialgeschichte. Wie steht es in Deutschland um den Umgang mit diesem Kapitel der Vergangenheit?

In den Universitäten existiert seit den 60er Jahren eine kritische Forschung, in Ost und West. Es gab auch schon in den 60er Jahren einen Angriff auf Kolonialdenkmäler vor der Universität Hamburg. Von der Historikerzunft ist aber das Thema in seiner Bedeutung für die deutsche Geschichte wenig ernst genommen worden. Für die Geschichte Afrikas aber war der Kolonialismus sehr wohl bedeutsam. Die – übrigens erst relativ spät einsetzende – Auseinandersetzung mit der Shoah hat das Thema in gewisser Weise in den Hintergrund treten lassen, aber zugleich auch den Weg dafür vorbereitet, dass es wichtig ist, sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen.

Wie präsent ist denn in Deutschland der Kolonialismus im öffentlichen Raum – und bemerken die Menschen diese Präsenz überhaupt?

Die Denkmalsturzbewegung erzeugt zum ersten Mal ein großes Interesse für das Thema. Die ganze Topografie unserer Städte und Dörfer ist wie von einem Unterstrom auch vom Kolonialismus geprägt. Und zwar nicht, weil überall Denkmäler herumstehen, sondern weil Kolonialismus und zuvor Sklaverei globale Vernetzungen hergestellt haben. Die Baumwollindustrie, Kolonialwarenhandlungen, Kaffee und Schokolade, jedes Handy verweist durch die in Afrika abgebauten Rohstoffe auf die Kolonialzeit. Anhand der einzelnen Figuren wird die Verflechtung mit dieser Zeit sichtbar. Dabei geht es nicht nur um Verbrechen und Schuld, sondern auch um die globale Zirkulation von Ideen, Waren, Wissen und Menschen.

Nicht alle Denkmäler zeigen Kolonialverbrecher, das ebenfalls seit langem umstrittene Bremer Kolonialdenkmal stellt einen Elefanten dar. Bietet so ein Ort, bei aller Fragwürdigkeit seiner Symbolik, nicht sogar die Möglichkeit, das Thema langfristig sichtbar zu erhalten?

Denkmäler sind Orte der Erinnerung, nicht der Geschichtsforschung und auch nicht unbedingt der Geschichtsvermittlung. So könnten auch der Hafen von Bremen und der Hafen von Hamburg zu Kolonialdenkmälern werden, wenn hier zum Beispiel mit Geschichts- oder Kunstprojekten die kolonialen Verbindungen sichtbar gemacht werden. Oder man schafft temporäre Denkmäler als Schulprojekt: Wo gibt es Spuren des Kolonialismus meiner Stadt, von Schokoladengeschäften bis zu den Häusern von Kaufleuten? Die Geschichte des Kolonialismus ist nicht nur die Geschichte kolonialer Gewaltherrschaft, sondern auch von Weltentdeckung.

Wenn man nun also eine „Inventur“ des öffentlichen Raumes anstreben würde, könnte diese also einen doppelten Charakter haben: Man entscheidet sich, was weg kann oder sollte, man beschreibt aber auch das, was man vorfindet, neu?

Es wird jetzt viel davon gesprochen, Denkmäler von den Sockeln zu holen und die verbliebenen Sockel beispielsweise zu bemalen. Man könnte auch anders vorgehen, die Sockel entfernen und die Statuen sozusagen „tieferlegen“, so dass man ihnen in die Augen schauen kann. Aber man sollte die Wirkung von Denkmälern nicht überschätzen. Es ist ja nicht so, dass die NS-Zeit ausgelöscht ist, weil es kein Hitler-Denkmal gibt. Manchmal stehen solche Orte auch für eine symbolische Umschreibung von Geschichte: Der verurteilte und unehrenhaft entlassene Carl Peters, ein Mörder und Sadist, dessen Verbrechen in Ostafrika die SPD im Reichstag thematisierte, wurde von den Nationalsozialisten zum Helden stilisiert. Möchte man an ihn weiter mit Straßennamen und Denkmälern aus der NS-Zeit erinnern?

Peters ist weitgehend aus dem öffentlichen Raum verschwunden, ganz anders als Bismarck. Ist eine komplexe Figur wie der „Eiserne Kanzler“, der viel mehr war als nur ein Kolonialist, der richtige Adressat für die Bilderstürmer der Gegenwart?

Dass Bismarck Gastgeber der Kongo-Konferenz in Berlin war und etwas mit der Kolonialgeschichte zu tun hat, gerät überhaupt erst jetzt in den Blick. Es ist interessant, wo uns die Angriffe auf Denkmäler wirklich weh tun: bei Bismarck, bei Churchill und bei Gandhi. Da wo Geschichte uneindeutig wird. Peters kann natürlich weg, aber Bismarck? Hier werden eigene historische Überzeugungen in Frage gestellt.

Das Problem ist also, dass wir die Perspektive anderer nicht bedenken?

Ja, genau. Was wissen diejenigen, die Churchill sofort beschützen wollen, über seine Rolle im Mau-Mau-Krieg im kolonisierten Kenia? In der globalisierten Welt geht uns Kenia aber plötzlich etwas an. Ein Angriff auf eine Gandhi-Statue in London ist aus deutscher Sicht absurd, nicht aber aus südafrikanischer: Gandhi hat sich als junger Rechtsanwalt in Südafrika dagegen gewehrt, mit Schwarzen im Zugabteil zu sitzen, weil er sich als überlegen empfand. Es geht um die Komplexität dieser Figuren – wenn wir uns überhaupt noch an Figuren abarbeiten wollen.

Fehlen in Deutschland Erinnerungsorte, die den Blick auf die Opfer von Kolonialismus, Imperialismus und Rassismus richten?

Ja, aber in anderer Gestalt. Denkmäler sind eine überlebte ästhetische Form. Es geht heute darum, wie man Geschichte im öffentlichen Raum verhandeln kann, auch partizipativ. Wenn man an ein bestehendes Denkmal eine neue Plakette heftet, bemerkt diese nach ein paar Jahren vielleicht auch niemand mehr. Durch den derzeitigen Denkmalsturm wird vielleicht die Idee des Denkmals insgesamt infrage gestellt, und mit den Statuen auch eine bestimmte Form der Geschichtspolitik zu Grabe getragen, die sich vor allem an große Männer erinnert.

Spuren der Gegenwart: Unbekannte haben eine Bismarck-Statue im Schleepark in Hamburg-Altona mit roter Farbe bespritzt. Foto: Jonas Klüter/dpa

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Erstellt:
8. Juli 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
8. Juli 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 8. Juli 2020, 06:00 Uhr

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