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Balken für den Bauboom

Denkmaltag zeigt karge und gut gestaltete Bauten

„Kultur in Bewegung –Reisen, Handel und Verkehr“ war das Motto des gestrigen Tag des offenen Denkmals. Mehrere hundert Besucher ließen sich die politische, wirtschaftliche und technische Dynamik erklären, die hinter der idyllischen Tübingen Fassaden steckt.

13.09.2010
  • Fred Keicher

Tübingen. Nach einem halben Jahrhundert ging die Diva wieder auf Jungfernfahrt. Die Dampfwalze der „Stadtgemeinde Tübingen“, Baujahr 1898 wurde im Hof des Heizwerks in der Brunnenstraße angeheizt. Umlagert von weit über hundert Zuschauern, bewaffnet mit allem, was Bilder macht. Ein Sattelschlepper hat sie aus dem Oldtimermuseum in Ebrach an der Donau am Morgen herangekarrt.

18 Monate haben der Besitzer Michael Frankenhauser und der Maschinist Richard Planitz an der Restaurierung gearbeitet. Jetzt ist sie TÜV-abgenommen und darf mit einer Höchstgeschwindigkeit vom sechs Stundenkilometer am Straßenverkehr teilnehmen.

Denkmaltag zeigt karge und gut gestaltete Bauten
Die Stadtgemeinde Tübingen hat sie 1899 gekauft, gestern durfte die Dampfwalze vorübergehend wieder am Verkehr teilnehmen und war der Star des Tages. Bild: Metz

Ein Loch hat Tilmann Marstaller in einem Balken in der Münzgasse entdeckt. Für den Bauhistoriker der Ausgangspunkt, die Bedeutung der Flößerei für die Tübinger Baugeschichte zu erforschen. 40 Zuhörer folgten ihm vom Georgsbrunnen zum Schloss Hohentübingen, ein Stück weg vom „erstaunlichen Verkehrsweg Neckar“, der die Baugeschichte der Tübinger Altstadt entscheidend geprägt hat.

Der Bruch war 1476 eine unscheinbare Verlängerung eines Flößerei-Vertrags. Bauholzflöße konnten demnach zollfrei von der Einwurfstelle in Sulz am Neckar durch vorderösterreichisches Gebiet gelangen. Das Ausland endete damals für Tübingen erst in Hirschau.

Eine „Mutter-Sohn-Wirtschaft“ nannte Marstaller das. Lieselotte von der Pfalz, die Mutter von Eberhard im Bart, war nämlich mit Albrecht dem VI, dem Statthalter Österreichs in Freiburg verheiratet. Von ihr stammte auch das Kapital für die Verlegung des Stifts aus Sindelfingen nach Tübingen.

Zur Universitätsgründung ging‘s dann Schlag auf Schlag. Das Holz für den Gründungsbau der Universität wurde im Winter 1476/1477, die Nadelhölzer für das Dach erst im Sommer 1477 gefällt. Im Oktober 1477 wurde der Vorlesungsbetrieb aufgenommen.

Hocheffizient und wirtschaftlich hätten die Zimmerleute gearbeitet. Das Holz wurde schon im Schwarzwald baufertig auf Standardmaße behauen. In Tübingen konnte es dann mittels einfacher Hebekräne vom Neckar bis hoch in die Münzgasse geschafft werden. Die Bebauung sei deshalb von oben nach unten erfolgt.

Die Gestaltung haben die Bauleute nicht vernachlässigt. Das Fachwerk wurde mit einfachen Wellen und Bändern verziert – vor allem so große Fenster eingebaut, dass das Gebäude fast einem Glaspalast gleicht. Das Glas stammt aus der Glashütte im Goldersbachtal. Der Schönbuch war wegen des riesigen Holzverbrauchs im 16. Jahrhundert zu zwei Dritteln abgeholzt. „Das Holz vom Schwarzwald war das rettende Floß für Tübingen.“

Zu den Tübinger Eisenbahnbauten führte der Architekturhistoriker Gernot Närger zwei Gruppen. Ludwig Gaab ist der Architekt des Tübinger Hauptbahnhofs, Martin Elsässer der Gestalter der Alleenbrücke, beide stammen aus Tübinger Pfarrhäusern. Beide seien in Tübingen fast unbekannt, bedauerte Närger. Sie stünden für eine Architektur, in der technische Effizienz, Kargheit und gute Form kein Widerspruch sind.

Die Alleenbrücke von 1910 sei ein geradezu „sensationelles Bauwerk“. Die württembergische Eisenbahnverwaltung hat hier für die Ammertalbahn zum ersten Mal eine Brücke in armiertem Stahlbeton ausgeführt. Der Bau der Brücke war umstritten, das Hochwasserprojekt der Stadt war nicht abgeschlossen, die Bürger befürchteten eine Beeinträchtigung der Blickachsen auf Schloss und Wurmlinger Kapelle. „Die vom Bürgerunwillen erzwungene Lösung erwies sich auch als die wirtschaftlichste“, sagte Närger, der die politische Dimension der Debatten um Architektur und Gestaltung betonte.

Neue Freiheit und Offenheit

In der Regel sind die Räumlichkeiten des Schlosses Hohentübingen nicht der Öffentlichkeit zugänglich. Dabei ist das Schloss einer der bedeutendsten Orte Tübingens für Landes- und Wissenschaftsgeschichte. Deshalb fanden gestern auch Führungen durch Schlosskirche und Schlossküche statt. Das Erdgeschoss des Tübinger Rathaus war lange Zeit eine offene Markthalle, der große Sitzungssaal wurde von den Bürgern als Festsaal genutzt und von den Gerber als Verkaufsraum. Auf die Mensa des Architekten Paul Baumgarten und das Clubhaus von Rolf Gutbrod, heute ist sein 100. Geburtstag, macht die Fachschaftsräte-VV aufmerksam. Gerade das letztere verkörpere „die neue Freiheit und Offenheit der 50er Jahre“. Sein Abriss sei vom Tisch, jetzt müsse für seine Sanierung geworben werden.

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13.09.2010, 12:00 Uhr

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