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Das Ende eines Computer-Fossils

Der 30 Jahre alte Verkehrsrechner, der die Ampeln in der Stadt steuert, wird zum Umzugsopfer

Die Anlage, die die Tübinger Ampeln regelt, nennt sich ganz altmodisch „Rechner“. 30 Jahre hat sie auf dem Buckel. Jetzt naht ihr Ende, denn den anstehenden Umzug würde sie wahrscheinlich ohne Macken nicht überstehen. Und Ersatzteile gibt’s kaum noch.

10.06.2015
  • Sabine Lohr

Gut, dass ein Verkehrsrechner kein intelligentes System, sondern eben nur ein Rechner ist. Einer, der nicht hören, noch verstehen kann. Sonst wäre er jetzt vermutlich ziemlich sauer auf Baubürgermeister Cord Soehlke, der im Planungsausschuss am Montag behauptet hatte, dieser Rechner „funktioniert noch mit Dampf“. Aber hallo, Herr Soehlke! Dieser „Verkehrsrechner System 2000“ ist ein extrem innovatives System! War es zumindest vor 30 Jahren.

Rot - Gelb - Grün: Der Tübinger Verkehrsrechner hat ausgedient

Rot - Gelb - Grün: Der Verkehrsrechner im Technischen Rathaus hat bald ausgedient.

© Video: Schweizer 03:30 min

Zu einer Zeit, als Handys knapp fünf Kilogramm wogen und ein PC mit wabbeligen Disketten – so genannte Floppys – gefüttert wurde, leistete sich Tübingen diesen damals hochmodernen Computer. Er wurde in einem Gebäude in der Keltern-straße aufgestellt und steuert seither eine ganze Menge Ampeln. Entschuldigung, nicht Ampeln, sondern „Steuergeräte“. Die deshalb so heißen, weil diese gesteuerten Steuergeräte den Verkehr steuern.

Überblick über rot und grün

Der Verkehrsrechner hat so gut wie immer einwandfrei funktioniert. Manchmal hat er ein bisschen rumgezickt, mal war dieses oder jenes Teil kaputt. Dann wurde er halt repariert. In den vergangenen Jahren hat das pro Jahr zwar immer ein paar tausend Euro gekostet, die haben sich aber allemal gelohnt. Denn das Computerfossil „hat sich sehr bewährt“, sagt Albert Füger, Tiefbau-Chef und damit auch verantwortlich dafür, dass der Verkehr in der Stadt fließt statt steht.

Der 30 Jahre alte Verkehrsrechner, der die Ampeln in der Stadt steuert, wird zum Umzugsopfer
Ulrich Rentschler ist der Herr des Verkehrsrechners. Ohne die beiden würde das Chaos in der Stadt ausbrechen.Bild: Faden

Auch Ulrich Rentschler ist begeistert von der „Kiste“, wie er den Verkehrsrechner liebevoll nennt. Rentschler arbeitet seit April im Technischen Rathaus, wo der Rechner schon längst steht. Er ist der Betreuer aller Ampeln in der Stadt. Sein Arbeitsplatz ist direkt neben dem Verkehrsrechner und besteht aus einem Schreibtisch mit einem Computer, der an den Rechnerrechner angeschlossen ist. Das ist nichts Besonderes. Besonders ist aber, dass sich Rentschler von seinem Schreibtisch aus einen Überblick darüber verschaffen kann, welche Ampel gerade rot und welche grün zeigt. Leider kann er sich nicht alle Ampeln gleichzeitig anschauen und entdeckt deshalb kaputte Ampeln nur durch ausbrechendes Chaos, Staus, Anrufe oder Zufall. Was der Rechner auch nicht kann: Mehr als die eingespeisten Programme speichern. Er kann also nicht zeigen, ob vorgestern zwei Steuergeräte an einer Kreuzung gleichzeitig und fälschlicherweise grün zeigten. Was die Polizei halt manchmal wissen will.

Alles in allem läuft alles gut mit den Ampeln. Und es könnte auch so weiterlaufen, wenn nicht das Technische Rathaus umgebaut werden würde. Für diesen Umbau muss der Verkehrsrechner raus aus dem Rathaus. Das aber könnte er übel nehmen. Und dann hätten nicht nur Füger und Rentschler ein Problem, sondern die ganze Stadt. Fällt die „Kiste“ aus, bricht auch das Chaos auf den Straßen aus.

Inzwischen gibt es auch leider nur noch wenige Ersatzteile für den alten Rechner. Sie werden einfach nicht mehr hergestellt. Was noch irgendwo auf Lager ist, kann man beziehen. Aber wer weiß schon, was noch irgendwo auf Lager ist und was bei einem Umzug kaputt gehen könnte? Dazu kommt, dass der Umzug ganz schön teuer, weil technisch hochproblematisch wäre. Mit 51 000 Euro rechnet Füger. Geht die Kiste dann kaputt, wäre dieses Geld in den Sand gesetzt.

Nun ist es den Verkehrsrechnern in den vergangenen 30 Jahren ergangen wie allen technischen Geräten. Aus den Fünf-Kilo-Handys, mit denen die Angeber, die eins hatten, lediglich telefonieren konnten, sind längst Smartphones geworden, die jedes Kind bedienen kann. Die gigantischen Tischcomputer, von denen der größte 128 Kilobyte Speicherkapazität hatte, haben sich zu flachen Laptops entwickelt, die unseren Alltag bestimmen. Und Floppys gibt es höchstens noch im Museum.

Füger und Rentschler wissen, was heute in Sachen Ampelsteuerung angesagt ist und fachsimpeln von OCIT-Schnittstellen, über die die Steuergeräte (also die Ampeln) über ein DSL-Modem mit einem internetbasierten Verkehrsrechnersystem verbunden werden, das von jedem internetfähigen Gerät aus gesteuert werden kann. Die Daten liegen dann auf einem Server, der irgendwo in der Welt steht, und landen in der Cloud, wo man sie steuern kann. Oder so. In zehn bis 15 Jahren, sagt Füger, sei man dann so weit, dass jede Ampel in der Stadt selbstständig eine SMS absetzt, wenn sie einen Fehler hat.

Vielleicht ist die Technik, die sich bekanntermaßen rasend schnell entwickelt, in zehn bis 15 Jahren sogar so weit, dass sich die Ampel dann auch selber repariert – wer weiß. Und vielleicht braucht Tübingen in zehn bis 15 Jahren ja auch gar keine Ampeln mehr, weil sowieso kein Auto mehr in die Stadt darf.

Weg mit dem Gerümpel und rein in die Cloud

Wie auch immer: Noch braucht Tübingen Ampeln und der Verkehr muss fließen – durch Baustellen, über Umleitungen, im Berufsverkehr und an Sonntagen. Dafür gibt es inzwischen komplexe, moderne Systeme, die viel mehr können als die alte „Kiste“. Speichern zum Beispiel. Und die auch nicht umgezogen werden müssen. Dass die Bauverwaltung so etwas will, leuchtet ein. Zumal die Kosten dafür nicht allzu hoch sind. Die Umrüstung der Ampeln kostet 45 000 Euro und sei, sagt Füger, „eine Investition in die Zukunft“. Denn egal, für welches System sich welches Gremium später entscheidet, die Ampeln müssen auf jeden Fall umgerüstet werden.

Trotzdem war es irgendwie erbarmungslos, wie der Planungsausschuss am Montag ohne mit der Wimper zu zucken – also ohne jede Debatte – das Ende des alten Verkehrsrechners beschloss. „Weg mit dem alten Gerümpel“, hieß es da. Solange das Technische Rathaus saniert wird, werden die Ampeln nun „in der Cloud“ gesteuert. Und danach, wenn die Bauverwaltung ihr saniertes und erweitertes Gebäude bezieht, entscheidet der Ausschuss oder der Gemeinderat, ob man „in der Cloud“ bleibt oder ein neues System kauft.

Und der alte Verkehrsrechner? Der all die Jahre treu seinen Dienst geleistet hat? Wohin damit? Tatsächlich auf den Müll? Wäre es nicht schön, wenn dieses Fossil einen würdigeren Platz fände? Zum Beispiel im Stadtmuseum? Oder im Foyer des neuen Technischen Rathauses? In wenigen Jahren nämlich werden sich Kinder gar nicht mehr vorstellen können, dass es eine solche Technik zum Anfassen und mit blinkenden Lichtern einmal gab.

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10.06.2015, 12:00 Uhr

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