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Für die „Kunden“ transparent

Der 48-jährige Stefan Fundel leitet seit Mai das Rottenburger Amtsgericht

„Als Richter braucht man beides“, sagt Stefan Fundel: „soziale Kompetenz und juristisches Fachwissen.“ Als Direktor sollte man zudem etwas von Personalführung, Bauaufgaben und Organisation verstehen. Er kann das: Seit Mai leitet der 48-Jährige das Rottenburger Amtsgericht.

17.07.2015
  • Ulrich Eisele

Rottenburg. Der in Stuttgart geborene, in Ehingen an der Donau aufgewachsene Jurist wirkt trotz zeitlicher Belastung entspannt und ausgeglichen. Ans Rottenburger Amtsgericht sei er teils zufällig, teils absichtlich gekommen: „Das Rottenburger Amtsgericht hat mir schon immer gefallen“, gesteht er freimütig. „Es hat eine schöne Größe, und mein Freund und Amtsvorvorgänger Christoph Freudenreich hat mir davon immer vorgeschwärmt.“ Auch die Nähe zu seinem Wohnort Kilchberg spielte eine gewisse Rolle. Zufall war hingegen, dass seine Vorgängerin Anke Baumeister aus persönlichen Gründen zum Jahresanfang ihren Sessel räumte.

Stefan Fundel brachte die passende Vita für die Bewerbung mit: nach dem Jurastudium 15 Jahre in wechselnder Funktion bei der Tübinger Justiz, zuerst als Assessor beim Landgericht, Amtsgericht, Staatsanwaltschaft, dann als Richter beim Amtsgericht, Landgericht, schließlich beim Oberlandesgericht – die Voraussetzung dafür, sich auf eine Amtsleiterstelle zu bewerben. „Im Volksmund heißt das auch ,Drittes Staatsexamen‘“, feixt Fundel.

Einziger Schönheitsfehler: Von seiner Vorgängerin musste er die Zuständigkeit für die Familiengerichtsbarkeit übernehmen. In Tübingen habe er zwar fast alles gemacht, nur eben das nicht. Die Rottenburger Amtsrichter/innen – drei Frauen außer dem Amtschef, zwei in Teilzeit, eine in Vollzeit – könnten zwar ihre Arbeitsgebiete neu aufteilen. Doch dafür braucht es ein umständliches Verfahren. Der Geschäftsverteilungsplan müsste geändert werden, der jedem Angeklagten oder Rechtssuchende den „gesetzlichen Richter“ garantiert – also denjenigen, der objektiv zuständig und nicht nur willkürlich zugeteilt ist.

Freilich kennt Stefan Fundel sein Gebiet auch aus Sicht derer, die ihm vor Gericht häufig gegenübersitzen: als Ehemann und Vater dreier Kinder. Das mag von Vorteil sein, um Empathie für seine „Kunden“ aufzubauen, wie er sie vorsichtig nennt. Als Richter hat er es jedoch meist mit den unschönen Seiten einer Ehe zu tun: Scheidungen, dem Versorgungsausgleich für Ehepartner, die jahrzentelang „hineingebuttert“ haben und ohne Versorgungsansprüche dastehen, Kindschaftssachen. „Die meisten sind Sorgerechtsstreitigkeiten zwischen den Eltern“, weiß Fundel.

Auch Adoptionen, Betreuungen und Kontaktverbote – zum Beispiel bei häuslicher Gewalt – gehören dazu, schließlich ein paar Strafrechtsfälle. Langfristig plane er, das Jugendstrafrecht in sein Referat zu integrieren, sagt Fundel, da es nach derzeitiger juristischer Auffassung besser bei der Familien- als bei der Strafgerichtsbarkeit aufgehoben sei.

Einen Unterschied zwischen seiner Rottenburger und der Tübinger Klientel hat er bisher noch nicht festgestellt. „Schwierige Menschen gibt es überall“, sagt Stefan Fundel, „einfache auch.“ Die Justizvollzugsanstalt, an deren Mauer das Gerichtsgebäude aus dem 19. Jahrhundert förmlich klebt, spielt im Alltag keine Rolle. Zuständig ist das Amtsgericht nur für Straftaten, die in der Haftanstalt begangen wurden – und auch nur dann, wenn keine Freiheitsstrafe von mehr als zwei Jahren droht. Für alle anderen Fälle – auch für Haftprüfung – ist Tübingen zuständig. Auch die Polizisten in der Königstraße wenden sich so gut wie nie ans Rottenburger Amtsgericht. Die komplette ermittlungsrichterliche Tätigkeit – auch die Ausstellung von Haftbefehlen – erledigt das Tübinger Amtsgericht.

„Beim Amtsgericht hat man schon einen anderen Takt“, bemerkt Stefan Fundel süffisant: Während beim Landgericht im Durchschnitt 15 bis 20 Fälle monatlich verhandelt würden, seien es beim Rottenburger Amtsgericht derzeit rund 60 im Monat. Auch in Rottenburg landen juristisch anspruchsvolle Fälle, und die, sagt Fundel, würden „mit der nötigen juristischen Präzision“ bearbeitet. Aber einen Aufwand wie am Landgericht könne man bei Zeugenbefragungen beispielsweise nicht treiben. „Den dritten Augenzeugen lädt man halt nicht auch noch vor, wenn der Angeklagte die Tat bereits eingeräumt hat.“ Da gegen jedes Amtsgerichtsurteil Berufung möglich sei, halte er dies für vertretbar. Zudem reklamiert er, dass „die Qualität der amtsgerichtlichen Entscheidungen häufig schon sehr gut ist“.

Das Wichtigste dabei sei, dass der Richter seine Entscheidungen für den Angeklagten oder Rechtssuchenden transparent mache. „Die vor Gericht Stehenden wollen das Gefühl haben, mit dem, was sie vorbringen, ernst genommen zu werden.“ Daran hält sich Stefan Fundel. Auch wenn er einem Angeklagten mal ganz direkt sagen muss, dass es seinen Ausführungen keinen Glauben schenkt.

Angst, seinen Klienten in der Kleinstadt Rottenburg über den Weg zu laufen, hat er deswegen nicht. „Meistens erkennen einen die Leute gar nicht, wenn man ihnen ohne Robe begegnet“, weiß er. Dennoch schätzt er es, nicht direkt in der Stadt zu wohnen. 20 Minuten braucht er mit dem Fahrrad von seinem Arbeitsplatz nach Hause – genug, um den Kopf frei zu bekommen.

Der 48-jährige Stefan Fundel leitet seit Mai das Rottenburger Amtsgericht
Der neue Direktor am Rottenburger Amtsgericht Stefan Fundel in seinem Arbeitszimmer. Bild: Eisele

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17.07.2015, 12:00 Uhr

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