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Außenposten der Stadt im Gebirge

Der Alpenverein feiert: Seit 100 Jahren gibt es die Tübinger Hütte

Sie waren keine Bergvagabunden, die Erbauer der Tübinger Hütte, keine proletarischen Romantiker, die am Samstag in die Alpen radelten, um dort Nordwände zu knacken. Die 21 Tübinger, die sich 1891 zur hiesigen Sektion des Alpenvereins zusammenschlossen, waren ein Honoratiorenklub, in dem Professoren das Sagen und die Ämter hatten. Würdevolle Herren, die auch im Gebirge mit Hut, Schlips und Jacket stets die Fasson wahrten. Und auch das Geld und die Verbindungen hatten, um 1908 eine eigene Hütte zu finanzieren. Der Professoren wegen wurde sie am 19. August eingeweiht – da waren akademische Ferien.

16.08.2008
  • Wolfgang Albers

Eine neue Idee war der Hüttenbau nicht gerade – die Logenplätze der Alpen waren längst vergeben, als die Tübinger kamen. Die Such-Kommission entschied sich für einen Ort am Schluss des Garneratals. Mit sechs bis sieben Marschstunden lagen die nächsten Bahnstationen nicht all zu weit; andererseits, so hieß es, „findet der Alpenfreund hier den ersten hochalpinen Bergwinkel nahe den gewaltigen Gletschern der Silvretta“.

Hütten waren in den Alpen gern gesehene Außenposten des aufkommenden Alpintourismus. Der Gasthofbesitzer Keßler vom Gaschurner „Rößle“ und der dortige Verschönerungsverein sorgten dafür, dass die 72 Almen-Besitzer den Tübingern den Platz unentgeltlich überließen und ihnen das Recht einräumten, auf den Almen Wege anzulegen. Im Grunde waren damit mittelalterliche Zustände wiederhergestellt: Der Tübinger Pfalzgraf Hugo II (1162 bis 1182) hatte in die Bregenzer Gegend geheiratet und damit auch Land erworben, das bis ans Gebiet der Tübinger Hütte reichte.

Die Rückkehr der Schwaben war für die Montafoner wirtschaftlich ein Segen. Zur 50-Jahr-Feier 1958 lobte Artur Keßler, der elfjährig miterlebt hatte, wie sein Vater den Hüttenbau mit anschob: „Die Alpenvereinshütten sind es gewesen, die das Montafon den Fremden erschlossen haben.“ Einer rauschenden Sause stand also nichts im Weg; für das SCHWÄBISCHE TAGBLATT feierte der Redakteur Paul Sting mit: „Je enger die Tuchfühlung, umso pfundiger wurde die Stimmung. Vollends wenn man von einem Mann wie dem Tübinger Oberbürgermeister Hans Gmelin unterhalten wird.

Der Enzian, in oberbürgermeisterlichen Bechern kredenzt, machte die Runde, ein Lied nach dem anderen stieg zur frisch lasierten Holzdecke empor und ließ den neuen Kachelofen erbeben. So sind sie, die echten Bergsteiger!“ So euphorisch fällt die Bilanz für die Hütte insgesamt nicht aus. Die Wirren der Weltkriege setzten ihr ebenso zu wie Lawinen. So dass sich die „Vorarlberger Nachrichten“ am 50-jährigen Hüttenjubiläum wunderten: „Woher nehmen diese Tübinger Bergfreunde die Kräfte, aber auch die ganz bedeutenden Mittel her, um nun seit bald zwei Menschenaltern dieses Bergheim mit vielen Opfern an Zeit und Geld zu erhalten?“

Denn ein Geldesel war die Hütte für die Sektion nie. Abgelegen ist sie, kein Ziel für Nachmittagswanderer, sondern eher etwas für ambitioniertere Alpinisten, die sich etwa an die Silvretta-Durchquerung machen. Hochgebirgsgefühle löst das Gebiet der Hütte vor allem im Winter aus. Ernest Hemingway, der in zwei Wintern auf Holzskiern und mit Seehundfellen durch die Montafoner Berge streifte, hätte sich sicher auch rund um die Tübinger Hütte wohl gefühlt.

Ein „dondermäßiges Schneeloch“

Die war nämlich – was man heute mit ihrem ausschließlichen Sommerbetrieb nicht mehr so in Erinnerung hat – ein Refugium der Skibergsteiger. Einer, der dorthin hochgestapft ist, war Emil Hartmeyer: „Das Garneratal, der Zustieg zur Tübinger Hütte, war ein dondermäßiges Schneeloch. Manchmal ist es mir vorgekommen, als ob man in die Hölle gehen müsste.“

Man kann das nachvollziehen: Hartmeyer hatte nichts vom Schnee – er war kein Skifahrer. Aber der Gang zur Winterzeit auf die Tübinger Hütte blieb ihm nicht erspart. 1958 hatte der damalige Tübinger Tiefbauamtsleiter das Amt des Hüttenwartes übernommen, das er bis 1991 inne hatte.

„Das Leben dort war schon sehr, sehr frugal, speziell im Winter.“ Schon im Sommer musste man hart arbeiten für die Versorgung. Hüttenwirt Panhofer holte den Nachschub mit seinen Pferden – zweimal am Tag. Außerdem halfen Träger. An einen erinnert sich Hartmeyer besonders: Das war der „Garnera-Blitz“, ein 16-jähriger Bursche, schmal und ausdauernd.

Noch härter war es im Winter. Ein Erlebnis aus den späten 1960-er Jahren ist Hartmeyer nachdrücklich im Gedächtnis geblieben. Damals hatte schon Luise Tallafus die Hütte übernommen. Die „Berglady“ saß allein mit ihrem „Rex“, einem scharfen Schäferhund, auf der Hütte. Es waren so wenig Gäste und damit Einnahmen da, dass Tallafus schon ihre Mädchen, die ihr zur Hand gingen, ins Tal geschickt hatte. Außerdem waren die Vorräte zur Neige gegangen. Immerhin, einige Männer aus dem Tal wollten mit drei Schneewieseln, das waren Motorschlitten mit Ketten aus Wehrmachtzeiten, Lebensmittel zur Hütte schaffen.

Da kam Emil Hartmeyer zu einem seiner Besuche. Als er hörte, dass die Wirtin alleine in der Hütte steckte, stieg er auf, trotz mieser Bedingungen: tiefer Schnee und Nebel. Bald stieß er auf das erste Schneewiesel. Gut bepackt, vom Fahrer aber nichts zu sehen. Emil Hartmeyer stieg weiter auf. Da schälte sich das zweite Wiesel aus dem Nebel. Ebenfalls fahrerlos. Weiter. Am Hohlen Stein stand das dritte Wiesel. Wieder bepackt, wieder ohne den Anschein einer Panne, wieder ohne eine Menschenseele in der Nähe. „Noch heute“, sagt Emil Hartmeyer, „rätsele ich, wo die drei Männer dazu waren.“ Schmuggeln?

Denn auf der Hütte, die Emil Hartmeyer in der Nacht erreichte, war nur die Wirtin. Ihr blieb nichts übrig, als mit Skiern abzufahren, die Wiesel leer zu räumen und das ganze Zeug hochzubuckeln. Hartmeyer blieb das Staunen: „Die Frau hatte eine unglaubliche Zähigkeit und ein unglaubliches Tragevermögen.“

Dennoch trug die Episode sicher dazu bei, dass Luise Tallafus den Winterbetrieb aufgab. Dafür kaufte die Sektion zusätzlich das Haus Matschwitz am Golm, wo ein Lift Personal, Besucher und Material direkt vor die Tür hievt. Pächter von Matsch witz ist Thomas Amann aus Schruns – über den sie im Tal manchmal den Kopf schütteln und sagen: „Was gehst auch schon wieder auf die Hüttn!“ Amann hat die seltene Stellung eines Doppelpächters, er ist zuständig für beide Hütten der Tübinger Sektion.

„Allein würde sich die Tübinger Hütte nicht rechnen, Matsch witz ist schon der Geldgeber“, sagt Amann. Es fehlen Gruppen, die Umsatz bringen könnten: die Tagesgäste sowieso, die klassischen Kletterer, die Sportkletterer ebenfalls, denn hüttennahe Klettergärten hat es nicht.

Und doch: „Im Sommer zieht es mich hoch zur Tübinger Hütte“, sagt Thomas Amann. „Die hat ein eigenes Flair, das ist wirklich eine Hütte.“ Weil sie eine wichtige Etappe für die Silvretta-Durchquerer ist, wird es Amann nicht einsam da oben: „An schönen Samstagen haben wir dann schon mal 150 Gäste.“

Sonntags wird es schlagartig leer, unter der Woche ist es sehr ruhig. Dem hat Thomas Amann seinen Rhythmus angepasst. Sonntags verlässt er die Hütte Richtung Haus Matschwitz, montags regelt er vom Einkauf bis zur Bank alles im Tal, Dienstag bis Donnnerstag ist er wieder auf der Hütte, guckt dann wieder nach Matschwitz und ist am Wochenende wieder rechtzeitig zum Ansturm der Wanderer auf der Hütte. Die Pendelei hat einen angenehmen Nebeneffekt: Während früher auf der Hütte weitgehend mit eingebunkerten Vorräten gekocht wurde, bringt Amann jetzt zweimal in der Woche frische Lebensmittel mit. Immer auf der Hütte bleibt (jeweils für zehn Tage Dienst) das Stammpersonal: der Koch und zwei Bedienungen. Unter der Woche geht der Koch auch ’raus, um Wege zu markieren, freizuschneiden oder sonst etwas zu richten.

Ein Ort für Leute, die Stille wollen

Auch das gehört ja zu den Aufgaben einer Hütte, und Thomas Amann ist froh, dabei noch von ehrenamtlichen Helfern unterstützt zu werden: „Die Leute von der Bergrettung helfen uns sehr. Sie gehen alles ab, nehmen Pickel und Schaufel mit, bessern schnell was aus. Ohne diese Helfer ginge es nicht.“

Wenn es nach Thomas Amann ginge, könnte man noch etwas mehr rund um die Hütte tun. Ein kleiner Klettersteig zum Beispiel wäre eine feine Sache. Oder ein Klettergarten: „Dann könnten wir Ausbildungskurse herbekommen.“ Helfer, um so etwas zu bauen, hätte er an der Hand. „Das Problem ist eher, dass man das darf.“

Gut leben kann Amann mit der Tübinger Sektion: „Die Zusammenarbeit ist gut, die tun viel für mich und haben viel Verständnis.“ Gerne ist er auch bei seinen Gästen. „Das ist nicht der hektische Gast wie im Winter, der immer unter Zeitdruck steht. Der Sommergast kommt um drei Uhr auf die Hütte, kann nichts mehr machen, hat keinen Stress. Selbst bei 200 Leuten auf der Hütte wird es nie extrem hektisch.“ Und was er auch beobachtet: „Der klassische Knickerbocker-Wanderer mit schweren Lederschuhen und kariertem Hemd, der ehrgeizig auf seine Zeiten guckt, stirbt aus. Es kommen wieder mehr Familien mit Kindern, auch ganze Trupps, die Spaß miteinander haben. Bei denen ist der Weg das Ziel. Die Einstellung find’ ich nicht schlecht.“

So dass ihm für die Zukunft der Tübinger Hütte nicht bange wird. „Es wird immer Leute geben, die die Stille wollen. Und die Hütte steht ja wunderbar da.“

Der Alpenverein feiert: Seit 100 Jahren gibt es die Tübinger Hütte
Gut in Schuss: Die Tübinger Hütte im Jahre 2010.

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16.08.2008, 12:00 Uhr

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