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06.11.2012

Von Klaus-Peter Eichele

Herr Schlöndorff, Sie repräsentieren auf dem Festival 50 Jahre deutsch-französische Freundschaft. Dafür hätte man keinen besseren Filmregisseur finden können als Sie, oder?

Naja, Michael Haneke, der ja auch aus Deutschland stammt, ist inzwischen vollständig mit dem französischen Kino verwachsen. Da kann ich nicht mithalten.

Sie sind 1956 mit 16 Jahren als Austauschschüler nach Frankreich gegangen. War das eine Flucht vor dem Adenauer-Muff?

Zumindest war es eine Flucht aus dem Gymnasium in Wiesbaden, das ich als bedrückend empfunden habe. In Frankreich war ich dagegen sofort willkommen, als Deutscher war ich für meine Mitschüler etwas ganz Besonderes. Ursprünglich sollte der Aufenthalt nur ein Vierteljahr dauern, aber es hat mir so gut gefallen, dass ich dort auch das Abitur machen wollte.

Auf ihrem Provinzinternat sind Sie dann auch mit dem Kino in Berührung gekommen ...

Das unterscheidet eben die französische Kultur von der deutschen, dass selbst in diesem Jesuiteninternat in der Bretagne das Kino eine große Bedeutung hatte. Es gab dort einen Filmklub, wo ich zum ersten Mal einen Stummfilm gesehen habe, „Jeanne D?Arc“ von Dreyer. Für uns Schüler, aber auch für die Patres, war es eine Selbstverständlichkeit, am Wochenende in der Stadt mehrere Filme anzuschauen. Noch wichtiger war aber, dass danach oft stundenlang diskutiert wurde, was man gesehen hatte. Das ist in Frankreich viel wichtiger als in Deutschland, damals wie heute. Und als die Patres meine Begeisterung fürs Kino bemerkt hatten, haben sie mich regelrecht gedrängt, das auch beruflich zu machen. Das hätte mir in den fünfziger Jahren in Wiesbaden mit Sicherheit niemand geraten. Dass ich dann tatsächlich in der Filmszene Fuß gefasst habe, war allerdings eine Verkettung von Glücksfällen. Seitdem weiß ich: Glück ist viel wichtiger als Talent.

Sie sind dann fast zehn Jahre in Frankreich geblieben, wurden Regieassistent bei den Nouvelle-vague-Größen Louis Malle, Alain Resnais und Jean-Pierre Melville. Von wem haben Sie am meisten gelernt?

Am nächsten war mir Louis Malle, dem ich bei den Dreharbeiten von „Viva Maria“ in Mexiko den Rücken frei gehalten habe. Das war bis zu seinem Tod eine ganz enge Freundschaft. Am meisten gelernt habe ich aber wohl von Melville. Wie der es geschafft hat, mit bescheidenen Mitteln ganz großes Kino à la „Der eiskalte Engel“ zu machen, war faszinierend. Er schrieb das Drehbuch, und ich machte den Drehplan, und dann haben wir entschieden, welche Figur sterben muss, damit wir die Gage für den Schauspieler einsparen. Oder ob diese oder jene Szene vor einer Wand spielen kann, damit wir keine Dekoration brauchen. Das hat mich mehr geprägt als diese ausgeklügelt genialen Unternehmungen von Alain Resnais, etwa bei „Letztes Jahr in Marienbad“.

Warum sind Sie Mitte der sechziger Jahre nach Deutschland zurückgekehrt, obwohl es für Sie in Frankreich so gut lief? Deutschland war damals doch Filmkunst-Brache.

Meine französischen Freunde haben mich davon überzeugt, dass es in Frankreich genug Regisseure gibt und ich als Deutscher in Deutschland Filme machen müsse. Und nach dem Oberhausener Manifest 1962 war ja einiges in Bewegung geraten. In München habe ich mich schnell mit Werner Herzog, Alexander Kluge und Rudolf Thome angefreundet, alles Leute, die aus ihrem Frust über das deutsche Kino den Schluss zogen, man müsse was Neues, Eigenes machen.

Aber von den Mächtigen im Filmbusiness wurden Sie sicher nicht mit offenen Armen empfangen.

Lustigerweise doch. Meinen ersten Film, den „Jungen Törless“, hat ein so genannter Altproduzent, der zuvor noch auf der Heimatfilmwelle geschwommen war, finanziert. Er hat mir vertraut, obwohl ich außer einem Drehbuch nichts vorweisen konnte. Das war schon sehr mutig. Im Rückblick glaube ich, dass es ein Fehler des Jungen Deutschen Films war, sich nach der Kriegserklärung „Papas Kino ist tot“ nicht mit den Altproduzenten verbündet zu haben. Die Franzosen, Godard oder Truffaut, hatten da überhaupt keine Berührungsängste. Bei uns herrschte dagegen 30 Jahre lang Kalter Krieg zwischen Alten und Jungen, anstatt die Kräfte zu bündeln. Ich denke, dass auch deswegen die Welle irgendwann verebbt ist.

In Deutschland wurden Sie dann schnell zu einem Spezialisten für Literaturverfilmungen, also das Gegenteil eines Nouvelle-vague-Autorenfilmers. Wollten Sie das so oder sind Sie da hineingerutscht?

Als ich zurückkam, wollte ich zwar unbedingt einen Film machen, hatte aber keine Ahnung worüber. So kam ich auf Musils „Törless“, denn da war mir immerhin der Hintergrund des Internatslebens vertraut. Nach „Törless“ habe ich mir geschworen: Nie wieder Literaturverfilmung! Die hatten ja unter Cineasten keinen guten Ruf. Aber irgendwie hat es mit den eigenen Drehbüchern nie richtig hingehauen, so dass ich schließlich beschlossen habe: Besser du machst, was du kannst, als was du gerne möchtest. Rückblickend bedauere ich das nicht. Die Arbeit mit den Autoren, mit Günter Grass oder Heinrich Böll, hat mir immer großen Spaß gemacht. Und spätestens seit „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ weiß ich, dass Literaturverfilmung nichts Verstaubtes sein muss, sondern so gegenwärtig sein kann wie jeder Autorenfilm.

Mit „Das Meer am Morgen“ haben Sie jetzt einen der Tiefpunkte der deutsch-französischen Beziehungen verfilmt: den Mord an 50 französischen Geiseln, darunter der 17-jährige Schüler Guy Môquet, durch die Nazi-Wehrmacht. Was hat Sie daran interessiert?

Die spannende Frage für mich war: Wo hätte Gehorsam in Widerstand umschlagen müssen? Das Massaker war ja das Resultat eines Verwaltungsakts. Alle haben nur ihren Job gemacht und ihre Pflicht erfüllt, und am Ende gab es einen Haufen Leichen, für die niemand verantwortlich war, außer vielleicht ein böser Mann in Berlin.

Eine zwiespältige Rolle in dem Geschehen spielt Ernst Jünger, der als Wehrmachtsoffizier in Paris mit der Erschießung befasst war ...

Als ich erfahren habe, dass Jünger sogar den Abschiedsbrief von Guy Môquet gelesen und übersetzt hat, wusste ich, dass ich diesen Film machen muss. So viel deutsch-französische Verzahnung findet man nicht oft. Moralisch mit Ruhm bekleckert, hat sich Jünger allerdings nicht. Obwohl er über die Hinrichtung auf dem Laufenden war, findet sich in seinem Tagebuch kein Eintrag dazu, erst vier Monate später erwähnt er sie am Rande. Stattdessen hielt er am betreffenden Tag für notierenswert, dass er eine Prostituierte aufgegabelt hat. Und Môquets wunderbaren Brief hat er kurzerhand in sein Weltbild einsortiert: „Erst im Angesicht des Todes findet der Mensch zu seiner wahren Größe.“ Und dieser Mann wird noch heute in Frankreich hoch verehrt!

Wie ist der Film in Frankreich aufgenommen worden?

Größtenteils freundlich. Manche haben es allerdings als Provokation empfunden, dass ich die deutschen Besatzer auch als Menschen zeige. „Man darf den Tätern keine Seelenzustände zugestehen“, hat mir ein Journalist an den Kopf geworfen.

Fast 70 Jahre später ist die deutsch-französische Freundschaft politisch schwer angeschlagen. Wird sie die aktuelle Krise überleben?

Es ist schon merkwürdig, dass die Deutschen mit dem ausgeflippten Sarkozy besser Politik machen konnten als mit dem ruhigen, vernünftigen Hollande. Deutschland will nun mal, dass alle europäischen Länder seinem Modell folgen, und ist dabei völlig unsensibel für die Angst der anderen vor seiner wirtschaftlichen Überlegenheit. Kulturell, auf dem Level der Menschen sehe ich die deutsch-französische Freundschaft nicht bedroht, von der deutschen Europapolitik aber sehr wohl.

Heißt das, dass Sie Angela Merkel, die Sie zweimal im Wahlkampf unterstützt haben, skeptischer sehen als früher?

Viel skeptischer, zumindest was die Außenpolitik angeht. Das fängt schon damit an, dass keiner in ihrem Apparat französisch spricht. Man muss aber die Sprache können, wenn man sich in die Mentalität des anderen versetzen will.

Im Jesuiteninternat in Frankreich lernte er das Kino kennen und schätzen: Regisseur Volker Schlöndorff, Stargast bei den Französischen Filmtagen.

Volker Schlöndorff ist einer der weltweit angesehensten deutschen Regisseure. Gleich mit seinem ersten Film „Der junge Törless“ (1965) nach der Erzählung Robert Musils wurde er zu einer Galionsfigur des damals aufkommenden Jungen Deutschen Films. Literaturverfilmungen blieben auch in der Folgezeit seine Spezialität, unter anderem adaptierte er Max Frischs „Homo Faber“, Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ und Günter Grass? „Die Blechtrommel“ für die Leinwand. Mit letzterem Film gewann er 1980 einen Oscar. Seine jüngste Regie-Arbeit „La mer à l?aube“ rekonstruiert eines der grausamsten Verbrechen der Nazi-Wehrmacht im besetzten Frankreich. Als Vergeltung für ein Attentat auf einen deutschen Offizier wurden im Herbst 1941 in der Nähe von Nantes 50 Geiseln, darunter ein 17-jähriger Junge, hingerichtet. Der Film läuft am heutigen Dienstag um 14.30 Uhr und 17 Uhr im Kino Blaue Brücke.

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Erstellt:
6. November 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
6. November 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 6. November 2012, 12:00 Uhr

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