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Der Amtsdiener hatte in der Gemeinde vielerlei Aufgaben
Auch die Hirrlinger Schelle ist erhalten geblieben-
Herumziehende Weiber dingfest machen

Der Amtsdiener hatte in der Gemeinde vielerlei Aufgaben

HIRRLINGEN. Ob es nun um entlaufene Hunde, zu sammelnde Maikäfer, Verbote oder Verfügungen aus Rottenburg ging: Dem Hirrlinger Amtsdiener oblag es, die Mitteilungen und Anordnungen im Ort „auszuschellen“ und gegebenenfalls auch als Ortspolizist durchzusetzen. Der Hirrlinger Chronist Hans Hecht hat akribisch die alten Ausschellbücher durchforstet.

30.12.2003
  • Helmuth Eisenbach

Der heute noch gebräuchliche Ausdruck Büttel für Amtsdiener, stammt noch aus dem Mittelalter. Das „Ausschellen“ war ein amtlicher Akt, „durch den Ortsdiener mit der Schelle Amtliches verkünden“, also mit einer Glocke (alle Nachweise bei Hermann Fischer, Schwäbisches Wörterbuch).

In Hirrlingen schellte der Amtsdiener 1962 zum letzten Mal. Erhalten sind Schelle und (Akten-) Tasche und ein gutes Dutzend Ausschellbücher, von denen der ehemalige Förster Hans Hecht die ersten vier von 1839 bis 1911 akribisch nach merk- und denkwürdigen Begebenheiten durchgesehen hat. Ein Foto aus dem Bestand von Pius Saile zeigt Dorfpolizist Max Beiter (bei einer gestellten Verhaftung. Beuter war von 1904 bis 1921 Amtsdiener und ist 1924 gestorben. „Er hatte“, heißt es in „Alt-Hirrlingen Band II, „nachts 12 Uhr in den Gaststätten die Polizeistunde anzuzeigen und als Ortsbüttel die neuesten Nachrichten der Gemeindeverwaltung auszuschellen.“

Die Ausschellbücher, so Hecht, „zeugen von häufigem Gebrauch“. Zahlreiche Doppelseiten sind durch Regentropfen fleckig geworden, auch finden sich Spuren von Malereien der Kindes des Büttels. Ein großer Teil der Eintragungen betrifft den Verkauf von Walderzeugnissen. Das Angebot stammt aus Wäldern in Hechingen bis hin nach Bodelshausen.

Eine „Unzahl von Fahrnis- (bewegliche Sachen) und Liegenschaftsverkäufen, auch Zwangsversteigerungen und Nachlassveräußerungen“ füllt viele weitere Seiten. Es fehlen auch nicht die Hinweise auf politische Wahlen. Jährlich werden die jungen Männer im Alter von 20 Jahren aufgefordert, sich in Wehrstammrollen aufnehmen zu lassen „bei Vermeidung von Strafe“. Viele Bekanntmachungen wiederholen sich in regelmäßigen Abständen. Neu erlassene Gesetze und Verordnungen werden sonntags nach dem Hauptgottesdienst auf dem Rathaus „publiciert“ (ausgehängt).

Im ersten Band steht unter dem Datum vom 16. Februar 1846: „Es wird bekannt gemacht, dass man sich in der Folge, sei es heurig oder in künftigen Jahren, wiederum entstellt oder mit Muslim-Anzug versehene Masken oder Putzen Nachts auf Straßen oder Wirtshäusern erblicken lässt, das betreffende Individuum, falls es festgenommen wird, sogleich zur Bestrafung an das Königliche Oberamt Rottenburg transportiert werden würde, indem bekanntlich durch die Putzen viel Unfug und strafbare Excesse verübt werden.“

Am 5. Juni beklagt sich der Schultheiß darüber, dass „ledige Weibspersonen bis Nachts 12 Uhr im Ort herumziehen und höchst unanständig sich benehmen und zur Verführung und Unsittlichkeit beitragen“. Es wird daher beschlossen, dass der Polizeidiener jeden Abend nach der Betglocke die Weibspersonen, welche nutzlos im Ort und in Wirtshäusern herumziehen zur Anzeige bringt und gegebenenfalls dingfest macht.

Am 26. September bietet der Adlerwirt Keßler vier Mostfässer zum Kauf an. Am 23. Dezember wird auf die anstehende Umstellung von Gulden auf Mark hingewiesen, und am Silvestertag wird das Schießen in der Neujahrsnacht verboten. Am 17. Mai 1878 ergeht ein Aufruf zum Maikäfer sammeln. Die Gemeindepflege zahlt pro Liter zwei Pfennige. Am 20 Juli kommt der Nachlass des verstorbenen Dekans Götz in Niedernau zur Versteigerung: Unter anderem werden angeboten 300 Liter Untertürkheimer Rotwein, Zigarren, 130 Ellen Leinwand am Stück, lebende und ausgestopfte Vögel sowie silbernes Besteck.

Der Schultheiß Noll beklagt sich über zu große Störung auf seinem Amt durch Publikumsverkehr. Er setzt Sprechstunden an. Am 25. März 1880 werden die Stellen des Waldmeisters,Waldschützen, Feldschützen, Fronmeisters, Nachtwächters, Amts- und Polizeidieners, Maulwurffängers und des Baumaufsehers zur Neubesetzung auf den 1. April bekannt gegeben. Anlässlich des Besuchs des Bischofs Carl Joseph von Hefele fordert der Schultheiß die Bürger der Vorstadt und die in der Nähe der Kirche wohnenden am 19. Juli auf, die Straßen reinlich zu halten und die Häuser zu zieren. Zierreisig kann im Schlosshof unentgeltlich abgeholt werden.

1882, am 3. Februar, wird auf das durch Beschluss des Kirchenkonvents erlassene Verbot des Lichtstubenbesuchs hingewiesen. Dort wurde gesponnen, und zuweilen wurden auch erotische Beziehungen angeknüpft.

Am 26. August 1891 wird die Bevölkerung vor der Cholera gewarnt. Es ergeht Anweisung, „Straßen, Kanäle und Winkel gehörig zu reinigen, die Toiletten und Düngestätten in geordnetem Zustand zu erhalten und die Brunnen vor Verunreinigung zu schützen“. Schuldiener und Gastwirte sollen die Toiletten täglich desinfizieren und wöchentlich mindestens einmal leeren.

Ein Bodelshäuser Fabrikant liefert im Juli 1895 20 Strickmaschinen zur Heimarbeit und kurz darauf wird bekannt gegeben, dass Frauen und Mädchen, welche in der Nähseidenfabrik von Amann und Söhne in Mössingen arbeiten wollen, sich auf dem Rathaus melden sollen. Schließlich war seiner Majestät dem König am Sonntag, den 24. Juli, bei seinem Besuch in Niedernau ein weißer Spitz entlaufen, nach dem gefahndet wurde. Und am 7. 8. 1911 (das Datum ist gestempelt) heißt es: „Infolge der langen Trockenheit muss mit Wassermangel gerechnet werden.

Der Amtsdiener hatte in der Gemeinde vielerlei Aufgaben
Dorfpolizisten waren auch fürs Verhaften zuständig. Die Verhaftung auf diesem Foto von 1924, das Ortspolizist Max Beiter und einen unbekannten Delinquenten zeigt, war allerdings gestellt.

Der Amtsdiener hatte in der Gemeinde vielerlei Aufgaben
Altehrwürdig und abgetragen ist die Hirrlinger Amtsdiener-Tasche.

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30.12.2003, 12:00 Uhr

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