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Kulturphänomene

Der Applaus

Schon Babys patschen gerne mit beiden Händen aneinander. Obgleich man hier fast noch von einem Strampeln mit Händen sprechen muss, fällt doch auf, dass dies mit sichtbar emotionaler Erregtheit und positivem Gestimmtsein einhergeht, einer Grundbefindlichkeit, die auch für Applausbekundungen unabdingbar ist. Das wichtigste Buch zum Applaus hat Stargeiger Daniel Hope geschrieben. Seine Konzerttätigkeit gab ihm auch reichlich Anschauungsunterricht.

17.11.2012
  • Peter Ertle

In Japan, stellte Hope unter anderem fest, herrsche bedingungslose Stille bis zum letzten Ton. Dann breche der Applaus los, lawinenartig, aber im Gleichtakt. In China wiederum habe er schon alles erlebt – hoch konzentriert zuhörende Musikliebhaber, aber auch während des Konzerts angenommene Handy-Anrufe.

Noch 1824, bei der Uraufführung von Beethovens „Neunter“ in Wien, gab es nach jedem Satz tosenden Beifall und wildes Taschentuchwinken. Heute wäre Klatschen zwischen den einzelnen Sätzen eines Konzerts ein Fauxpas. Szenenapplaus ist hier erst recht nicht vorgesehen.

Manchmal wird im Kino am Ende eines Films geklatscht. Das zeigt eine weitere Komponente des Applauses: Er dient auch der Selbstdarstellung und Selbstverständigung des Publikums.

Der Applaus in einem Flugzeug nach der Landung wiederum mag dem Kapitän gelten, in erster Linie ist es aber ein Akt der Erleichterung, ein kollektiver Stoßseufzer.

Im akademischen Betrieb und sich von dort in den Bereich des Business ausbreitend hat sich das Klopfen auf den Tisch eingebürgert. Es klingt distinguierter, feiner. Wir wissen allerdings nicht, ob im Theater und im Konzert vielleicht nur deswegen geklatscht wird, weil kein Tisch zum Draufklopfen bereit steht.

Bei Fernsehshows wird vorher oft mit Trainern der Publikumsapplaus für bestimmte Stellen einstudiert, Applaus-Signale werden vereinbart. Die Existenz solcher Praktiken macht eine realistische Einschätzung des Applauses unmöglich.

Diktaturen haben den Applaus schon immer zu steuern versucht. Oft reicht dafür schon das spezifische Klima aus Angst, Gläubigkeit und Karrierestreben. Besonders drollig sahen früher für westliche Augen Parteitage in Ostblockstaaten aus, wenn nach einer Rede nicht nur die gesammelte Zuhörerschaft, sondern auch der Redner selbst, also ausnahmslos alle allen applaudierten. Allerdings sieht es bei Firmen- oder Parteitagsreden in den USA heute nicht viel anders aus.

Auch im ehrwürdigen europäischen Theater- und Konzertleben waren angestellte Claqueure noch bis ins 19. Jahrhundert hinein gang und gäbe, ihre Zentren waren das Konzert- und Schauspielleben in Paris und Wien.

Der Applaus wird als Naturgewalt wahrgenommen. Anders ist es nicht zu erklären, dass er vorzugsweise mit Attributen umschrieben wird, die sonst dem Himmel oder dem Meer vorbehalten sind: donnernd, rauschend, tosend, aufbrandend.

Seit den frühen 50er Jahren werden die sogenannten Sitcom-Serien von vornherein mit Lachen, Applaus oder anderen Publikumsäußerungen präpariert, um den Zuschauer zu eben diesen Gefühlen zu verleiten.

Gefürchtet ist der sogenannte Applaus von der falschen Seite. Die Furcht führt dazu, dass nur noch linienförmige und konfliktvermeidende Sätze gesagt werden.

Am Theater gibt es am Ende eine Applausordnung. Nach einer großartigen Premiere ist nichts charmanter als wenn die Applausordnung nicht funktioniert. Funktioniert sie nach einer schlechten Premiere nicht, denkt man sich: Nicht mal das können sie.

Der Applaus wird häufig in Vorhängen beziehungsweise Verbeugungen gemessen. Am 24. Februar 1988 wurden an der Deutschen Oper in Berlin nach einem Auftritt Luciano Pavarottis als Nemorino in Donizettis „Liebestrank“ 115 Vorhänge registriert, bei 67 Minuten ununterbrochenem Applaus. Er ging als längster Applaus in die Operngeschichte ein.

Mannchmal, vorzugsweise bei Wettbewerben, wird versucht, auch die Stärke des Applauses zu messen und mittels eines Applausometers den Sieger zu ermitteln. Doch so wie sich hinter dem key account manager nur der Kundenbetreuer verbirgt, verbirgt sich hinter dem Applausometer meist nur das Ohr. Und das ist nicht präzise genug.

Bei besonders heftigem Applaus wird das Klatschen gern durch Fußgetrampel unterstützt. Anhaltender Applaus wird oft rhythmisiert, was das abermalige Erscheinen der Beklatschten, unter Umständen eine Zugabe bewirken soll. Wahrscheinlich wird durch das Verschwinden und wieder Auftauchen der Beklatschten ihr vorangegangener Auftritt im ritualisierten Stenogramm gefeiert und wiederholt.

Eine weitere Variante des besonders heftigen Applauses ist die sogenannte stehende Ovation. Das lateinische Ovatio bedeutet „kleiner Triumph“. Bei Triumphen ist Stehen genauso Pflicht wie bei Strafmaßverkündungen oder beim Absingen der Hymne. Wenn es wichtig wird, erhebt sich der Mensch vom Sitz.

Nach Theaterstücken wissen die Zuschauer manchmal nicht, ob es wirklich aus ist. Dann hilft nach Sekunden der Stille ein mutiger Mensch und macht den Anfang. In der LTT-Inszenierung „Im falschen Film“ klatschten die Zuschauer einmal schon, weil sie glaubten, das Stück sei vorbei, und etwas später noch einmal, weil sie wieder glaubten, das Stück sei vorbei. Und dann ein drittes Mal, als es tatsächlich vorbei war. Für das Guinessbuch der Rekorde reicht das noch nicht.

Stücke gibt es, da wissen alle Zuschauer, dass es nun vorbei ist, trotzdem können ein, zwei Minuten vergehen bis der erste klatscht. Man nimmt dies für gewöhnlich als Zeichen für die besondere Tiefe des Stücks, das Ergriffensein des Zuschauers, die Verwirrung seiner Gefühle. Und oft ist es ja auch so.

Im Fußball wird heute noch der lächerlichste Pass des Mitspielers mit Händeklatschen oder aufgerichtetem Daumen gutgeheißen. Man will eben einfach keine schlechte Stimmung im Team. Höhnischer Applaus für den Schiedsrichter wird schnell mit der gelben Karte bestraft.

Bei einer Freiluftveranstaltung soll es einmal Wogen von Applaus gegeben haben, die sich zu bienen- schwarmgleichen Wolken ballten, wegflogen und sich ein paar Kilometer weiter bei der nächsten Freiluftveranstaltung mit dem letzten verklungenen Ton auf das Publikum niederließen und so der dort eher schwachen Vorstellung noch zu ordentlich Applaus verhalfen. Aber das ist genauso wenig belegt wie das Gerücht über jenen Redner, der, noch bevor er begonnen hatte, mit so viel stürmischem und auch nicht wieder abflauendem Applaus bedacht wurde, dass er seinen Vortrag nicht halten konnte und unter anhaltendem Applaus wieder vom Rednerpult, dann aus dem Saal und schließlich auf nimmer Wiedersehen aus der Stadt verschwand.

Der Applaus

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17.11.2012, 12:00 Uhr

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