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Narrengerichtstag auf der Neckarinsel

Der „Arme Konrad“ als Tübinger Sommertheaterspektakel

Wenigstens der Himmel hatte ein Einsehen mit den wackeren Bauern-Opfern und ihrer gerechten Sach‘. Nur nach der Pause tröpfelte es ein bisschen aufs Platanendach, erst Punkt halb elf Uhr, mit Vorstellungsende, begann es ein bisschen stärker zu regnen (aber auch nicht arg). Ansonsten ist bei der Premiere alles gut gegangen – selbst wenn es, im Stück zumindest, nicht für jeden gut ausgeht.

11.07.2014

Tübingen. Mit dem „Armen Konrad“ schlagen die Melchinger Lindenhöfler zwei Fliegen mit einer Klappe. Zuschussgeber Fellbach bekam im Mai eine zünftige Theaterbeigabe zum Remstäler Bauernaufstandsjubiläum, und Sommertheater-Vertragspartner Tübingen darf mit ihm 500 Jahre „Tübinger Vertrag“ feiern. Dazu musste Friedrich Wolfs frührevolutionäres Agitpropdrama, nun gefüllt mit expressionistisch angewehtem Kunstgeschwäbel und markigen Flüchen („Potz Blut und Wunden!“), auf die jeweiligen Verhältnisse angewandt werden.

Bitte nicht füttern!

Der „Arme Konrad“ als Tübinger Sommertheaterspektakel
Attacke und Parade: Hier fechten es noch keine Enkel besser aus, sondern es misst sich der fürstliche Wüstling Ulrich (Oliver Moumouris) zum reinen Zeitvertreib mit seiner Gespielin Judica (Kathrin Kestler) am Silcher-Rondell. Geschult hat sie die Stuttgarter und Frankfurter Lehrbeauftragte für Bühnenfechten, Annette Bauer. Bild: Sommer

Eine Kunst, die von den Melchingern meistens meisterlich beherrscht wird. An der Fellbacher Kelter gerieten im Vorspiel auf das dortige Theater herumturnende Kids und ein jungschnöseliger Mercedesfuzzy aneinander. Im Tübinger Epilog fällt das weg, stattdessen steigen neben dem Wildermuth-Denkmal zwei nette Hostessen auf ein Dach, um etwas zickig zu erklären, warum das touristische Tübingen nicht nur den Spätzle-Shaker erfand, sondern auch die Melchinger Sommertheatraliker gebucht hat („Die haben Kompetenz in Sachen Bauernvolk“). Man dürfe den Mimen gerne Applaus spenden, „aber kein Futter“, raten die beiden dann noch vorsorglich. Schon geht‘s los mit dem blinden Schicksalswächter Andres und geächteten, ächzend gschirrenden Bauersleut, es geht hinein ins malerisch grüne Seufzerwäldchen.

Ältere Semester unter den rund 300 Theatergängern, die sich noch an frühere „Hölderlin“-Promenaden zu den Platanen erinnern mögen, beschwören vielleicht magische Bilder von einst (Die Schaukel! Der Schimmel!! Und gleich erst, der Silcher!!!). Tatsächlich versteckt sich im Unterholz als einzige Station das angedeutete Holzhäuschen den Ober-Rebellen Konz, wo die Verschwörer erste Aufruhrpläne schmieden.

Die Erinnerungsarbeit kommt an diesem Abend nicht von ungefähr. Der Melchinger „Arme Konrad“ kehrt im Jahr 2014 die Stärken hervor, die den Lindenhof vor allem seit Ende der 1980er Jahre großartig und wirkungsmächtig gemacht haben. Es wird eine Retro-Tour, zurück in die Zukunft des kritischen Volkstheaters, eine ästhetische (Gras-)Wurzelbehandlung der rustikaleren Art, ein back to roots zu Anfängen, jenen Melchinger Markenkern Freilichtspektakel, zu dem neben den Wanderschaften mit Hölderlin ebenfalls das Ammerhof-Bauernkriegsepos „Jerg Ratgeb“ („1525, ran, ran, ran!“) zählt.

Auch jetzt wieder: Allerhand Folklore, mit Schwung und auch Geschrei (das dann von marodierenden Freizeitgängern im Insel-Umfeld auch mal lauthals widerhallt). Die Melchinger verstehen es, Räume zu besetzen. Und in ihnen manchmal sogar zu begeistern. Es entstehen starke bleibende Bilder von ganz eigener Kraft, auch über die Fellbacher Indoor-Variante hinaus. Die Naturkulisse ist letztlich nicht zu schlagen. Und die Lindenhöfler kennen sich in ihr aus, finden sich darin bestens zurecht.

Regisseur Klaus Hemmerle ist ein geschickter Arrangeur des groben Ganzen, schickt seine Darsteller aufs Spielfeld wie in die Schlacht (die Friedrich Wolf dem Aufstand ja nachträglich angedichtet hat). Zugleich ist der Melchinger Ansatz fast schon als Wiedergutmachung gegenüber den Aufständischen zu verstehen, wie sie 1514 von Tübingen aus hintergangen wurden: So gesehen kann man diesen „Armen Konrad“ auch als kritischen Kommentar zu allzu beschönigenden Auslegungen des „Tübinger Vertrags“ sehen (und den Bauern deshalb gern die vom hohen Tübinger Schloss grüßende Bundschuh-Fahne gönnen).

Hemmerles Inszenierung arbeitet ein bisschen holzschnittartig, aber gerade dadurch recht gut erkennbar das Hab und Gut und Böse dieser Konstellation hervor. Da ist der stolzierende Wüterich Ulrich, den Oliver Moumouris grandios als Narziss und Großmaul spielt, rasend und aasig zugleich. Als es ihm fast an den Pelzkragen geht, schimmert kurz das ungebärdige Kind durch, das um Staat und Status als sein angestammtes Spielzeug fürchtet und darüber beinahe Schwäche oder Gefühl zeigt. Dann aber reckt der Herzog wieder herzlos und verdrossen das Kinn und zieht seine Sache durch, umgeben von hilfreichen Schranzen, unter denen sich eine aparte Kettenhemd-Amazone namens Judica (Kathrin Kestler) besonders hervortut.

Es ist der Gegensatz von Tyrannei und Narretei, der die Aufführung voranbringt. Auf der einen Seite der Furor und Terror des Regenten, dagegen steht die eroberte Narrenfreiheit und der befreiende Ingrimm der Unterdrückten. Die feiern zwischendurch ein rauschhaft karnevalistisches, ins Wilde und Wüste umschlagendes Schlacht-Fest und halten damit Narrengerichtstag. Dann wieder treten sie ernst und entschieden vor ihren Herrscher – allen voran dieser Brausekopf Konz, den Berthold Biesinger tapfer als mühsam beherrschten, aber auch widersprüchlich zerrissenen, unglücklichen Gutmenschenvulkan spielt.

Der „Arme Konrad“ als Tübinger Sommertheaterspektakel
Er hat den besten Platz: Semiseria-Sänger Wolfgang Rund in Silchers Armen. Bild: Sommer

Ein weltweiser Cicerone tappt durch die Szene und erklärt, was alles nicht gezeigt werden kann: Bernhard Hurm ist dieser Wegweiser durch die Geschichte, der die gar nicht gute alte Zeit aus der Sicht auf heutige Gewerbegebiete, Schuldenberge und Rettungsschirme deutet. Er fügt zusammen, was ansonsten (erst recht nicht bei Friedrich Wolf) nicht so ganz zusammengehören mag. Und er spricht es offen aus: Der Aufstand des „Armen Konrad“ war eh nur das „Vorspiel, das Wetterleuchten am Horizont.“

Vor der Pause geht alles noch gesittet zu. Der Herzog raunzt, die Bauern beben, das Krummhorn trötet (ein Sonderlob der vielfältigen, abwechslungsreichen Musik von Wolfram Karrer und seinen Mitstreitern!). Der Semiseria-Chor singt, auf den Flügeln von Silchers Armbeugen, ganz wunderbar. Eine bunte, manchmal turbulente Aufführung, die erst nach der Pause eine zusätzliche Kälte bekommt. Die Schergen des Herzogs schmeißen ihre Kettensägen an und treiben das Volk (also auch uns) durch die Platanenallee, die Anführer der Aufrührer werden geschnappt, gefoltert, gekillt.

Da ist das Podest zwischen den drei Tribünenteilen, des Herzogs Herschaftgebiet mit rotem Teppich und Standarte, längst abgeräumt. Das Bundschuh-Motto „Nichts denn die Gerechtigkeit Gottes“ leuchtet zeitweilig zwischen den Platanen, dann stehen die geschlagenen Bauern sprichwörtlich vor dem „Nichts“.

Viel Lärm ist darum gemacht worden die vorangegangenen drei Stunden. Nun singt der Silchersemisteriachor eine wundersam stockende, fast marthalerhaft zarte Version von „Muss i denn aus dem Städele hinaus“. Und bei letzten Rückzug ins Dunkel der Allee sagt Fremdenführer Hurm noch einmal all die Namen der wahren Bauernopfer des 1514er-Aufstands auf. Damit ihnen mehr als nur die Gerechtigkeit Gottes widerfährt. Zum Schluss gab‘s Sonnenblumen und viel, viel Applaus.Wilhelm Triebold

Info: Die restlichen 17 Vorstellungen bis zum 3. August gelten allesamt als ausverkauft. Doch die Erfahrung lehrt, dass es meistens Restkarten gibt. Man kann sich beim Lindenhoftheater auf Wartelisten setzen lassen.

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11.07.2014, 12:00 Uhr

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