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Das Leben eines Reisenden

Der Berber Django setzt sich zurzeit in Tübingen für andere Obdachlose ein

Django ließ vor zwei Jahren sein altes Leben hinter sich und ist seitdem auf einer Reise zum Nordkap. Seinen derzeitigen Halt in Tübingen nutzt er, um gemeinsam mit dem Büro Aktiv und der Wohnungslosenhilfe um Spenden für die Menschen zu werben, die auch im Winter im Freien schlafen.

03.11.2012
  • Sascha Geldermann

Es war der plötzliche Herztod seiner Lebensgefährtin, der für den damals 53-Jährigen alles zum Einstürzen brachte. „Ich wusste, dass ich nicht mehr zur sogenannten Normalität zurückkehren kann“, sagt Django. Mehr will er über sein früheres Leben nicht erzählen. Zusammen mit seinem Hund Samo wollte er ursprünglich nur ein paar Tage weg. Dabei merkte er, dass das Leben als reisender Berber das Richtige für ihn ist.

Also packte er seinen Rucksack und ließ alles hinter sich – auch seinen alten Namen. Er entschied sich stattdessen für „Django“, wozu ihn ein gleichnamiger Western inspiriert hatte.

Das neue Leben begann symbolisch am höchsten Ort in Deutschland – auf der Zugspitze. „Ich wollte nicht nur rumgammeln“, sagt Django. Also setzte er sich mit dem Nordkap ein Ziel für seine Reise, das er über Russland auf dem Fußweg erreichen möchte. Ein anfangs gesetztes Zeitkorsett verwarf er schnell wieder. Im Laufe seiner Reise begann er nämlich damit, verschiedene Aktionen ins Leben zu rufen. Die sind ihm mittlerweile wichtiger als ein Zeitplan.

Unter anderem geht er in Kindergärten und Schulen. „Ich habe 30 Programmpunkte zu bieten, darunter Basteln und das Erzählen von Geschichten.“ Auch bei seinem momentanen Halt in Tübingen zeigt Django Engagement: Zusammen mit dem Büro Aktiv und der Wohnungslosenhilfe lädt er immer wieder zu der Aktion „Ein Tag als Berber“.

Beschimpfungen ist der Berber gewohnt

Bei der Aktion führt Django regelmäßig vor, wie das Leben eines Oberdachlosen aussieht. Gestern schlug er sein Zelt auf dem Holzmarkt auf. Wer wollte, durfte im Schlafsack und auf der Isomatte mal probeliegen. Gleichzeitig machte Django zusammen mit Petra Schaal vom Büro Aktiv darauf aufmerksam, dass dringend Spenden gebraucht werden.

Zum einen fehlt Geld, um die frisch renovierten Schutzhütten für Obdachlose am Neckarufer nun auch mit Wasser und Strom zu versorgen. „Allein für die Wasserzufuhr brauchen wir rund 2500 Euro“, so Schaal. Django lag allerdings mehr am Herzen, Sachspenden aufzutreiben. Mit Flyern machte er darauf aufmerksam, dass sowohl beim Büro Aktiv als auch bei der Wohnungslosenhilfe Zelte, Schlafsäcke, Isomatten oder Kocher abgegeben werden können – und alles andere, was Menschen brauchen, die selbst im kalten Winter draußen schlafen.

Die meisten Tübinger wollten sich aber weder zur Probe in den Schlafsack legen, noch einen Flyer mitnehmen. Django reagierte darauf gelassen mit lockeren Sprüchen: „Und wieder ein Hauptgewinn – dieses Mal ist es eine Mikrowelle“, rief er, als er Passanten Flyer entgegenstreckte.

Ignoranz ist der Berber gewohnt. Selbst Beschimpfungen muss er regelmäßig über sich ergehen lassen. „Wenn jemand so wie ich unterwegs ist, wird er schnell also Alkoholiker abgestempelt“, sagt Django. Er selbst trinkt keinen Tropfen. Allerdings seien die Menschen kurz vor Weihnachten immer freundlicher und spendabler, um ihr soziales Gewissen zu beruhigen. „Im Dezember bekommst du viel, im Januar musst du hungern“, sagt Django.

Unterstützt wurde der Berber gestern nicht nur von Schaal, sondern auch von dem Schüler Marcus Uibel. Die beiden waren am Anlagensee ins Gespräch gekommen und merkten schnell, dass sie gemeinsame Interessen haben. „Django interessiert sich sehr für Literatur und setzt sich für den Tierschutz ein“, so Uibel. Ganz allgemein sei er ein total lieber und offener Mensch.

Noch dieses Jahr will Django weiterziehen

Django selbst bezeichnet sich eher als Einzelgänger. Seine Begleiter sind normalerweise seine beiden Hunde. Während Samo noch aus seinem alten Leben stammt, nahm er Mi-Lady unterwegs auf. „Wer einen Hund durchfüttern kann, vermag auch zwei zu versorgen“, so Django.

Zurzeit leben der Berber und seine beiden Hunde im Schutzhüttendorf. Doch noch in diesem Jahr soll es nach Osteuropa gehen, um dem Nordkap näherzukommen. Was er nach dem Erreichen seines Ziels macht, weiß Django noch nicht. „Mit 55 sind die besten Jahre vorbei – nun kommen die besseren“, sagt er. Dennoch müsse er abwarten, was seine Gesundheit zulässt. Schön fände er es, eines Tages in einem Wald eine Hütte an einem See zu bauen. Doch vorerst bleibt er ein Reisender.

Info: Am heutigen Samstag schlägt Django sein Zelt für die Aktion „Ein Tag als Berber“ von 10 bis 14 Uhr vor dem Stadtmuseum auf – vorausgesetzt es regnet nicht.

Der Berber Django setzt sich zurzeit in Tübingen für andere Obdachlose ein
Der Berber Django schlug gestern ein Zelt auf dem Holzmarkt auf, um Einblicke in seinen Alltag zu geben. Petra Schaal vom Büro Aktiv testete den Schlafplatz. Bild: Geldermann

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03.11.2012, 12:00 Uhr

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