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Der „Bestrafer“ räumt auf
Verdächtige in einer Polizeistation in Manila. Foto: Dondi Tawatao/Getty Images

Der „Bestrafer“ räumt auf

Präsident Rodrigo Duterte hat ganz eigene Vorstellungen von Recht und Gesetz. Im Kampf gegen Drogen wurden 3500 Dealer und Süchtige ermordet.

22.10.2016
  • HILJA MÜLLER

Manila. Kaum ein philippinischer Präsident hat es so oft in die Schlagzeilen internationaler Medien geschafft wie der am 10. Mai gewählte Rodrigo „Rody“ Duterte. Nach nur wenigen Monaten Amtszeit ist der 71-Jährige bekannt wie vor ihm wohl nur Ex-Diktator Ferdinand Marcos. Ein Vergleich, der Duterte durchaus gefallen dürfte – sieht er in dem Despoten doch einen der „besten Anführer, die wir je hatten“.

Was die beiden Politiker auszeichnet ist ihr Machtanspruch, ihr autoritäres Auftreten und ihre Missachtung von Menschenrechten. Während unter Marcos tausende Oppositionelle im Gefängnis gefoltert und ermordet wurden, hat es Duterte auf Drogenkriminelle abgesehen. Mehr als 3500 Süchtige und Dealer sind binnen drei Monaten ermordet worden, zumeist in den Slums der Hauptstadt Manila. Die Täter: Polizisten oder sogenannte Vigilantes, ein Mix aus Bürgerwehr und Auftragskillern. Der Anstifter: Rodrigo Duterte, ein demokratisch gewählter Anwalt, der sehr eigene Vorstellungen von Recht und Gesetz hat.

Im Wahlkampf hatte er seinen Drogenkrieg angekündigt, Süchtige bezeichnete er als „Zombies“, die man ausrotten müsse. Nun liefert er, was er versprochen hat. Während vor allem westliche Nationen und Institutionen Kritik an den Morden äußern und dafür von dem Präsidenten mit Schimpftiraden überzogen werden, genießt Duterte zu Hause große Popularität. In einer Umfrage bescheinigten ihm jüngst 76 Prozent, dass sie mit seiner Politik zufrieden seien. Kritik an der tödlichen Jagd, die nur in seltenen Fällen juristisch verfolgt wird, äußern nur wenige. Die Verwunderung im Westen über den Aufstieg des Rodrigo Duterte ist groß.

Dabei ist die Erklärung für den Großteil seiner Wähler ganz einfach: „Rody spricht unsere Sprache, ihn verstehen wir. Nicht so wie die ganzen Politiker vor ihm, mit ihren gewählten Worten und dem großen Getue. Die haben viel versprochen und nichts gehalten. Rody hat gesagt, er wird sich um das Drogenproblem kümmern. Genau das macht er jetzt“, meint Romeo Abuan. Der 67-Jährige lebt wie Millionen Bewohner der Hauptstadt in ärmlichen Verhältnissen. Das kleine Haus in einem Viertel nahe des verdreckten Pasig River teilt er sich mit neun Verwandten. Trotz seines Alters kann Abuan sich keinen Ruhestand leisten. „Meine Rente würde nie reichen“, meint er gleichmütig. Es ist halb sieben Uhr morgens, in 30 Minuten muss der rüstige Alte in einer Möbelfabrik anfangen. Sechs Tage die Woche arbeitet Abuan. Immerhin – er hat einen Job.

Darum beneiden ihn viele seiner Nachbarn. Hier, im Manila der kleinen Leute, gibt es viele Arbeitslose, Frustration und Langeweile gehören zum Alltag. Einige suchen Trost im Alkohol, andere nehmen Drogen, zumeist „Shabu“, wie Crystal Meth auf den Philippinen heißt. Oder handeln damit. „Wir kennen sie alle“, sagt Romeo Abuan, „aber wir haben nie über sie geredet, weil wir keinen Ärger wollten. Ich bin froh, dass Präsident Duterte jetzt aufräumt. Danach wird er mehr Jobs für uns Arme schaffen.“

Dabei sind Drogen nicht das größte Problem der Philippinen, auch wenn Duterte den Anschein erweckt. „Armut und Ungleichheit müssten bekämpft werden, der Drogenkonsum ist nur ein Symptom von Armut“, meint der Soziologieprofessor Walden Bello. Dutertes Erfolg könne man nur verstehen, „wenn man weiß, wie seine Vorgänger daran gescheitert sind, ihre Versprechen einzulösen. Unsere Eliten haben es immer wieder versäumt, die wahren Probleme anzupacken. Sie haben Mitschuld daran, dass die Massen so empfänglich für Dutertes simple Botschaften sind.“

Aber es sind auch gut ausgebildete Philippiner, die sich frustriert abgewendet haben von den Dynastien, die ihre politischen Mandate zur persönlichen Bereicherung benutzt haben. JD Montelibano hat es als Softwareentwickler zu einem Haus im Grünen gebracht, seine Kinder gehen auf gute Schulen. Zu Duterte hat er eine klare Meinung: „Ich finde, dass er einen guten Job macht. Er baut Bürokratie ab, und sucht Frieden mit den kommunistischen Rebellen. Kinder dürfen nachts nicht mehr auf der Straße rumlaufen, Alkohol und Rauchen schränkt er ein. Und er ist der erste Präsident, der aus Mindanao kommt. Ihm liegen alle Regionen am Herzen, nicht nur die Hauptstadt Manila.“

Als Bürgermeister von Davao, der größten Stadt Mindanaos, hat Duterte sich als „Punisher“, als Bestrafer etabliert. Er räumte die kriminelle Hochburg auf, zumindest geduldete Todesschwadronen töteten während seiner mehr als 20 Amtsjahre um die 1400 Menschen. Inzwischen ist Davao eine prosperierende Hafenstadt.

Solch einen Wandel erhoffen sich die Philippiner nun für ihr Inselreich. Und so wie in Davao bleibt nun auch landesweit ein empörter Aufschrei über Dutertes Methoden aus. Die Erklärung liegt nach Ansicht einer politischen Beraterin, die nicht namentlich genannt werden möchte, in der Tatsache, „dass ein Leben historisch bei uns nicht viel Wert besitzt. Es ist ja nicht die erste Regierung, die Bürger umbringen lässt. Die Leute verstehen nicht wirklich, was Menschenrechte sind. Die Armen denken, sie haben keine Rechte. Und die Mächtigen denken, dass die Armen keine verdienen.“

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22.10.2016, 06:00 Uhr

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