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Auferstehung oder Abrutsch

Der CDU-Spitzenkandidat Guido Wolf machte Station in Belsen

2016 will Guido Wolf Landesvater werden. Im Sommer davor bereist er zwei Wochen lang den Südwesten bis in die hintersten Winkel, um flächendeckend der Bevölkerung Gehör zu schenken. Mittwochabend kam er ins Steinlachtal.

20.08.2015
  • Kathrin Löffler

Belsen. Erlebt Baden-Württemberg am 16. März kommenden Jahres die Wiedergeburt der CDU? Oder müssen die Konservativen erneut erdrutschartige Verluste hinnehmen? Ganz gleich. Welche Parteicouleur auch immer die meisten Kreuzchen spendiert bekommt: Teile Mössingens können für den Wahlausgang aus CDU-Perspektive auf jeden Fall als Sinnbild herhalten. Das weiß mittlerweile auch Guido Wolf.

Bei dessen Stippvisite deutet Andreas Kopp für ihn die Architektur des Belsener Kirchles. Sie stünde symbolisch für die Auferstehung, erklärt der Pfarrer. Vermutlich träfe diese Allegorie des sakralen Kleinods ganz den Geschmack des katholischen Unionsanwärters aufs Ministerpräsidentenamt. Die hiesige metaphorisch aufgeladene natürliche Topografie wohl eher nicht so. Nach der Kapelle bekommt Wolf gezeigt, was man in Mössingen noch gesehen haben muss: die beiden Bergrutsche. Wo alles einbrach und weiter nach unten sackte.

Guido Wolf ist auf Sommertour durch Baden-Württemberg. Am Mittwochabend führt sie ihn nach Belsen. Als der kolossale Bus mit dem adäquat plakativen „WirFürGuido“-Hashtag auf der Frontscheibe in den Mössinger Streuobstwiesengürtel einrollt, liegt hinter seinem prominentesten Fahrgast bereits ein Mammutprogramm. Seit dem 9. August hat er Windkraftanlagen auf der Alb inspiziert, sich unter zahlreiche Ladies Lunches gemischt, Gottesdienste im Schwarzwald gefeiert, zum Kaffeeklatsch am Bodensee gebeten, ist über eine kurpfälzische Kerwe und eine Allgäuer Kirbe geschlendert und hat eine Segway-Schlösser-Tour in Rastatt unternommen.

Dafür zieht Wolf um sieben Uhr in der Früh heimische Haustür in Tuttlingen hinter sich zu und fährt mit seiner Mannschaft zum ersten Termin. Circa sieben absolviert er täglich. Bis er zurückkehrt, wird es Mitternacht. Wolf empfindet diesen Ländlesmarathon als „von morgens bis abends unterhaltsam“. Wenn überhaupt, mag er freilich nur von „sehr positivem Stress“ reden, versichert er dem TAGBLATT.

Insgesamt zwölf solcher Tourentage bestreitet er. Sein neunter führt ihn nach Belsen. Die Gastgeber von CDU-Kreis- und Stadtverband haben sich bewusst „Bodenständiges“ und „Naturnahes“ ausgedacht, sagt Dirk Abel, Zweitkandidat für die anstehende Landtagswahl. Ein kleiner Spaziergang durch Mössingens Albtraufperipherie soll es sein. Rund 60 politinteressierte Ausflügler schreiten vom Parkplatz Alter Morgen los.

Im abendlichen Nieselregen kriecht der Christdemokratenwurm durch die Apfel- und Zwetschgenbäumchenlandschaft. Er ist weiß gefleckt. Zur Entourage des CDU-Spitzenkandidaten gehört eine knapp 20-köpfige Abordnung der Jungen Union in uniformen hellen Windbreakern. „Team Wolf“ steht drauf. 800 Jung-Unionisten aus dem ganzen Land haben sich für einen Platz in Wolfs sommerlichem Gefolge beworben.

Michael Bulander geht vorweg. Der Oberbürgermeister gibt den Wanderführer. Der Stargast – legeres Karohemd, moderne Wildlederschuhe – teilt sich mit ihm einen Schirm. Nach einigen Marschmetern beginnt er, durch den Tross zu rotieren. Ihm sei wichtig, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, hat Wolf zum Start angekündigt. Schnurstraks steuert er zunächst eine Dame in pinkem Regenmantel an. Die Metzingerin – verrentet, nicht Parteimitglied – hatte bei Wolfs Begrüßungsworten mit dem Zwischenruf, in der Union gebe es „zu wenig Frauen“, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Später arbeitet Wolf sich immer weiter durch den Pulk.

Bulander lenkt den Zug in den Belsener Dorfladen. Inge Trautmann hat entgegen der Gewohnheit eigens am Mittwochabend ihre Türen geöffnet. Zwischen Nudelpacks und Bohnendosen lässt sich Wolf von ihr von existenziellen Schwierigkeiten im Wettbewerb mit den großen Konzernen berichten. Und natürlich auch, dass hier die D-Mark als Zahlungsmittel noch gern gesehen ist. „So a Lädle im Dorf isch doch was wert“, befindet er im Weitergehen. Unter seinen Weggefährten macht er eine „motivierte Atmosphäre“ aus. Ihre Anliegen, sagt er, will er in einen Rucksack packen und in die Landespolitik einfließen lassen.

Über die Belsener Kapelle und einen Panorama-Stopp steuert das Wandererkollektiv das Gelände des Obst- und Gartenbauvereins an. Dort bereiten die Steinlach Stompers ein Defilee mit Dixieland Jazz. Ein Zelt empfängt die Gäste. Bierbänke füllen sich, die Besucher lassen Saitenwürste knacken, während Wolf dazu ansetzt, sein Publikum final und in toto auf die nächsten Monate einzustimmen.

Bereits im vergangenen Oktober, vor dem Mitgliedervotum zur Spitzenkandidatur, sprach Wolf vor Mössinger Auditorium. Bei einem gemeinsamen Auftritt im Gasthof Lamm fiel es ihm deutlich leichter als dem damaligen Mitbewerber Thomas Strobl, regelmäßige Beifallsbekundungen einzufahren.

Das gelingt ihm auch ein dreiviertel Jahr später. Wolf erzählt, dass über allen Tourterminen die Frage schwebe, wie im Land mit dem Zustrom an Asylbewerbern umzugehen sei. Er meint: So schnell wie möglich integrieren (jedenfalls jene mit Bleibeperspektive, etwa aus den syrischen Kriegsgebieten) – oder so schnell wie möglich in die Heimat zurückschicken (nämlich jene ohne Bleibeperspektive, etwa aus den Balkanstaaten).

Selbst wenn Guido Wolf seine Rundreise (noch) nicht als Wahlkampf verstanden wissen will: Mit dem Einpeitschen gegen Grün-Rot freilich hat er längst begonnen. Wolf richtet Hocketen-taugliche Botschaften an den politischen Gegner („Finger weg vom Gymnasium!“). Wolf lästert über die aus seiner Sicht arg Rad-affine Hermannsche Verkehrspolitik. Wolf kündigt an, die für ihn misslungene Polizeireform nachzujustieren, käme die CDU an die Regierung. Wolf versichert, das „hoffnungslos überforderte“ Integrationsministerium nicht in dieser Form übernehmen zu wollen. Wolf verspricht den Jägern aus Reihen der Steinlach Stompers, das neue Wildtiermanagementgesetz zu korrigieren. Und Wolf wirbt für „mehr Freiheit und Eigenverantwortung statt Bevormundung und Gängelung“. Man dankt es ihm mit Zustimmung im hiesigen Wiesengrund.

Der Stadtverbandsvorsitzende Dirk Abel und Stellvertreter Andreas Gammel hatten Abschiedsgeschenke parat. Spätestens am 16. März wird Wolf Gelegenheit zum Gebrauch bekommen, egal ob der Wahlabend die Auferstehung oder den erdrutschartigen Absturz seiner Partei markiert: Eine Flasche Belsener Kirschwasser war auch dabei.

Der CDU-Spitzenkandidat Guido Wolf machte Station in Belsen

TAGBLATT: Herr Wolf, welche Stimmung herrscht bei den Menschen, die Sie auf Ihrer Sommertour treffen – auch im Blick auf die Landtagswahl?
GUIDO WOLF: Die Landtagswahl ist für viele noch weit weg. Und es ist ja auch kein klassischer Wahlkampf. Aber es ist natürlich eine Sommertour, die die nächste Landtagswahl im Blick hat. Wir reden da schon sehr politisch. Ich spüre sehr viel Zustimmung für unsere Politik, für meine Person. Ich höre sehr viel Kritik an der grün-roten Landesregierung. Überall, wo ich bin, ist die Resonanz riesig.

Kommen zu Ihren Stationen nicht hauptsächlich ohnehin CDU-nahe Menschen?
Natürlich sind die Veranstalter oft Freunde aus der Partei. Aber es ist erstaunlich, wie überrascht die selber sind, dass viele kommen, die nicht in der Partei organisiert sind. Oft höre ich: ‚Da waren Gesichter, die haben wir noch nie bei solchen Veranstaltungen gesehen.‘ Es ist eine gute Mischung aus treuen Wegbegleitern, aber auch neuen Interessierten innerhalb und außerhalb der Partei. Es ist eine Aufbruchsstimmung.

Was wussten Sie bisher über Mössingen?
Mössingen kenne ich von verschiedenen Terminen und der Durchreise. Aber es gibt noch vieles hier, was ich dazulernen kann. Heute fand ich diese Hangrutschungen ganz bemerkenswert. Davon wusste ich nichts. Ich lerne jeden Tag Neues im Ländle kennen.

Interview: Kathrin Löffler

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20.08.2015, 12:00 Uhr

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