Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Guido sucht den Wolf

Der CDU-Spitzenkandidat besinnt sich für die Zukunftsgestaltung auf die Vergangenheit

Guido Wolf soll die CDU bei der Landtagswahl 2016 wieder zurück an die Regierung bringen. Der Spitzenkandidat hat aber zwei Probleme: die Flüchtlingskrise und die große Beliebtheit Winfried Kretschmanns.

05.11.2015
  • TOBIAS KNAACK

Für den größten Lacher des Abends sorgt Guido Wolf unfreiwillig. "Wir haben uns bei der letzten Landtagswahl als CDU vorab ganz einseitig in eine Koalitionsecke gestellt: Schwarz-Grün." Natürlich ein Versprecher. Gemeint hatte der Spitzenkandidat der CDU für die kommende Landtagswahl beim Wahlforum der SÜDWEST PRESSE im Ulmer Stadthaus "Gelb" statt "Grün", FDP statt Grüne. Und bekanntlich kam 2011 ja ohnehin alles ganz anders: Die CDU wurde zwar mit Abstand stärkste Kraft, wanderte aber erstmals nach 58 Jahren an der Regierung in die Opposition, weil Grüne und SPD eine Koalition schmieden konnten.

Trotz des Versprechers ist die Aussage aber eine der Botschaften, ja, vielleicht die Botschaft, mit der Wolf die Zuhörer fangen möchte - und all die damals Enttäuschten und Frustrierten. Seine Aussage: Die CDU hat verstanden. Die Oppositionsarbeit hat die Partei geerdet, eine mögliche "Überheblichkeit" zum Ende der eigenen Regierungszeit ist passé. Die CDU habe gelernt aus der Wahlniederlage vor fünf Jahren, "aus den Fehlern der Vergangenheit". Dazu gehört, dass man vorab keine Koalitionsaussage treffe. Lediglich die Arbeit mit AfD und Linken könne er bereits jetzt ausschließen. "Wir kämpfen für uns als CDU, dass gegen uns nicht regiert werden kann." Man sei geschlossener denn je. Darüber schwebt die programmatisch ausgegebene "Lust auf die Zukunft".

Die aber verbindet Wolf direkt mit der etwas länger zurückliegenden Vergangenheit. Er beruft sich auf die Regierungszeit von Lothar Späth von 1978 bis 1991 und die Innovationskraft dieser Zeit, "von der wir heute noch profitieren". Das Staatsministerium müsse wieder Ideenschmiede werden. Eine weitere seiner Botschaften, die er aber öfter schon kundgetan hat.

Ein cleverer Schachzug ist die Berufung auf die ökonomische Entwicklung unter Späth allemal: Die jüngere, teils affären-umwitterte Zeit der Partei und die dazugehörigen Köpfe ausblenden und den Blick auf die Basis des Wohlstands richten. Ein bisschen "Zurück in die Zukunft" zwar, passt aber zu seinem im Stadthaus offenbarten konservativen Credo, auf der Basis eines "Wertefundaments für Fortschritt und Zukunft zu stehen".

Diese Art der politischen Rhetorik scheint Wolf als Ministerpräsidenten-Kandidat schnell verinnerlicht zu haben. Denn er bedient sich im Forum in weiten Teilen dem Skript seines Wahlprogramms. Der eigentlich redegewandte Weingartener mit Hang zur politisch-humoristischen Dichtung benötigt, um die Sprache des Fußballs zu bemühen, eine Abtastphase.

Erst nach einer Viertelstunde erntet er Applaus unter den 150 Zuhörern, als er schnellere Asylverfahren und mehr Richterstellen zur Bearbeitung dieser anmahnt. In der Schweiz brauche man 48 Stunden, in Deutschland hingegen Monate: "Das nervt mich."

Ansonsten bekräftigt Wolf seine Forderungen nach Transitzonen sowie nach einer Residenzpflicht für Flüchtlinge bis zu einer Entscheidung über einen Verbleib. Zudem regt er Asyl-Bezirksstellen an, die beim Flüchtlingsandrang in den 90er Jahren Aufgaben gebündelt übernommen hatten.

Es ist ein verbaler Drahtseilakt, den Wolf in der Flüchtlingsdebatte vollziehen muss. Insbesondere nachdem Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) sich auf die Seite von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) geschlagen hat, auf die Wolf im Wahlkampf aber angewiesen ist. So lobt er eingangs die Kanzlerin, die er einen "Fels in der Brandung" nennt, für ihre Entscheidung im Sommer, die Flüchtlinge ins Land zu lassen: "Die Bilder an den Grenzen hätten wir nicht ertragen." Wenig später aber keilt er gegen die grün-rote Koalition, der er zu langsames Handeln und eine zu zaghafte Abschiebepraxis vorwirft.

Wolf hat neben der aus seiner Sicht vertrackten Flüchtlingsfrage aber noch ein anderes Problem: Er kommt nicht an den Ministerpräsidenten heran - weder in Umfragen, noch mit inhaltlicher Kritik an dessen Stil. Wolf, der seinen Nachnamen gerne mal für "Wolf's Revier"-Wortspielereien verwendet, wirkt in diesem Punkt zahnlos. Guido sucht den Wolf in sich, den Angreifer.

Deswegen schießt er sich auf die Bildungs- und Familienpolitik ein, wo es für ihn den größten Applaus des Abends gibt. Wolf verkündet, die Realschule stärken und auf ein vielgliedriges Schulsystem setzen zu wollen. Es werde keine neuen Gemeinschaftsschulen geben, die bestehenden aber auch nicht geschlossen. Im Bildungssystem habe er nicht zuletzt auf seiner 80 Termine umfassenden Sommertour einen "so großen Frust" ausgemacht. "Da sind viele, die sagen: ,Den Fehler wollen wir nicht wieder machen'", sagt er. Die CDU wolle "Eltern und Kindern ein fairer Partner sein".

In der Familienpolitik setzt Wolf auf "Wahlfreiheit". Familien sollen also frei entscheiden können, ob sie ihr Kind in eine Kindertagesstätte geben oder es zuhause betreuen: "Familie entscheidet über Familie." Ein Landesfamiliengeld sei in diesem Zusammenhang "ein politisches Signal der Wertschätzung".

Wichtig ist ihm der Ausbau der Infrastruktur. "Wenn wir jetzt nicht investieren, kommt uns das teuer zu stehen." 1,5 Milliarden Euro wolle er in Straßenausbau und digitale Infrastruktur stecken. Bei der Beantwortung der Frage nach der Finanzierung bleibt Wolf vage: Man müsse an dieser Stelle auch mal von Europa profitieren, "nicht immer nur geben". Zudem gelte es, in Berlin bereitstehende Gelder abzurufen. Dies habe Grün-Rot wiederholt verpasst. Ein wenig fletscht Wolf dann doch noch die Zähne.

Der CDU-Spitzenkandidat besinnt sich für die Zukunftsgestaltung auf die Vergangenheit
CDU-Spitzenkandidat Guido Wolf mahnte im SÜDWEST PRESSE-Forum eine konsequente Asylpolitik an. Foto: Volkmar Könneke

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

05.11.2015, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball