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Zwei Äste in den Boden – und los!

Der Dettinger Wally Sayer über sein Verhältnis zum und seine Gedichte über den Fußball

Üblicherweise ein ruhiger Zeitgenosse, kann Walle Sayer (53) beim Fußball-Gucken auch mal anders. Im SÜDWEST PRESSE-Interview spricht der Dettinger Dichter und Autor über die WM und ihre Begleiterscheinungen, seine eigene Kicker-Karriere und Diven auf dem Platz.

04.07.2014

SÜDWEST PRESSE: Herr Sayer, haben Sie heute schon gemessen? Wie hoch ist das WM-Fieber bei Ihnen?

Walle Sayer: Es steigt mit jedem Spiel. Jetzt, bei den KO-Spielen, bin ich nicht mehr so entspannt. Die Sache ist ernster. Schließlich kann man nun ausscheiden.

Noch nicht genervt von geschminkten Wangen und schwarz-rot-gelben Autofähnchen?

Nein, das sind eben die Begleiterscheinungen. Das gehört dazu. Da bin ich tolerant.

Und die sozialen Problemen in Brasilien, die Korruptionsvorwürfe beim Weltverband und die jüngsten Manipulationsverdächtigungen schrecken Sie auch nicht ab?

Da ist der Fußball eben Sinnbild der Globalisierung, die in allen Bereichen um sich greift. Ich habe in der „Zeit“ kürzlich zwei Kommentare gelesen, einer für und einer gegen einen WM-Boykott. Eigentlich hatten beide recht. Aber man fühlt sich irgendwie machtlos und blendet die Probleme aus. Etwas ändern wird sich nur, wenn Widerstand bei den großen Sponsoren ankommt. Aber klar, dass in einem armen Land wie Brasilien, wo es an Krankenhäusern und Schulen fehlt, für Unsummen Stadien gebaut werden, die hinterher niemand braucht, das lässt sich bei aller Fußballfreude nicht verdrängen.

In Ihren Gedichten geht es mehr um den Bolzplatz-Fußball. Warum?

Weil es das ist, was mich interessiert. Ich habe immer das Selbstspielen genossen. Das Wichtigste für mich war das Kicken auf den Wiesen. Das habe ich auch in meinem Gedicht „Herbstnachmittage“ geschrieben. Da haben wir zwei Äste in den Boden gesteckt als Tore und gespielt. Das waren die schwerelosen Nachmittage der Kindheit. Statt Straßenfußballern waren wir Wiesenfußballer.

Wie entstehen denn Ihre Fußball-Gedichte?

Ich bin eben auf der Suche nach Bildern, die über das hinausweisen, was man sieht. Mit meiner Art von Fußballgedichten möchte ich das Große im Kleinen entdecken. Es gibt auch andere Herangehensweisen, wie beispielsweise eine „Ode an Oliver Kahn“ von Albert Ostermaier. Aber das ist nichts für mich. Das wäre mir zu groß. Und es wäre ein Gedicht über etwas. Ich schreibe lieber von etwas. Über etwas zu schreiben, wird immer ungenau. Ich bevorzuge den kleineren Blickwinkel.

Die WM haben Sie aber auch im Blick. Wo schauen Sie die Spiele?

Wenn Deutschland spielt, bin ich bei meinem Freund Heiner hier in Dettingen. Der hat einen Beamer und auf seinem Wohnzimmer-Sofa haben wir unsere eigene VIP-Lounge. Wir sind dort eine bunte Gruppe von gut zehn Leuten. Das ist dann gleich emotionaler. Die Frauen belustigen sich immer und schütteln den Kopf, wie man sich so aufregen kann. Die anderen Spiele schaue ich daheim.

Und das Spiel heute Deutschland gegen Frankreich?

Ich bin beim Literarischen Forum Oberschwaben in Wangen im Allgäu eingeladen und denke, dass ich da mit den Kollegen irgendwo schaue. Ich selbst lese erst morgen, aber die Veranstaltung heute beginnt um 20 Uhr. Hoffen wir, dass es keine Verlängerung gibt. Sonst müssen wir improvisieren…

Welche Art von Fußball-Gucker sind Sie?

Sachlich ruhig am Anfang, doch dann kommt auch schnell mein Temperament durch. Die anderen wundern sich dann ab und zu.

Und wer wird Weltmeister?

Schwierig. Auch in einem Jahrhundertspiel entscheidet letztlich die Tagesform. Ich hoffe, dass Deutschland ins Finale kommt. Es macht einfach mehr Spaß, wenn die eigene Mannschaft dabei ist.

Der Fußball hat in den vergangenen Jahren auch Einzug in intellektuelle Kreise gehalten. Wie kam es soweit?

Fußball ist eben ein gesellschaftlicher und kultureller Kristallisationspunkt. Der Fußball erzählt ja auch Geschichten und entwickelt interessante Biografien. Früher war es der Arbeitersport für Proleten, um den Intellektuelle einen Bogen gemacht haben. Das hat sich spätestens geändert, als es mit Günter Netzer auch Fußball-Diven gab. Das Faszinierende an diesem Sport ist, glaube ich, die Einfachheit. Und eine Macke muss man ja haben. Das hat vielleicht auch mit dem Kind im Manne zu tun.

Sie haben einst selbst gekickt. Erst ab der D-Jugend in Bierlingen, später in Nordstetten und zuletzt in Dettingen. Wie kamen Sie zum Fußball?

Die dörfliche Sozialisation lief zu meiner Zeit über die Kirche oder den Verein. Ich war damals beides: Ministrant und Kicker.

Auf welcher Position waren sie zu Hause?

Ich habe mich von hinten nach vorne entwickelt: Anfangs war ich Außenverteidiger, später dann Vorstopper und dann im offensiven Mittelfeld, irgendwo zwischen den beiden Sechzehnmeter-Räumen. Das Spielen hat mir immer Spaß gemacht. Aber ich war kein überehrgeiziger Spieler. Ich bin immer gependelt zwischen erster und zweiter Mannschaft. Da musste man manchmal ein bisschen taktisch denken und freitags mal das Abschlusstraining schwänzen, dann spielte man auch in der Zweiten (lacht). Und da sind wir fast jedes Jahr Meister geworden in der Reserverunde.

Was waren Ihre Stärken?

Ich war ein guter Läufer – und ich habe auch einige Tore gemacht.

Vor einem Jahr haben Sie die AH-Kickstiefel an den berühmten Nagel gehängt. Warum?

Ach ja, Dettingen hat jetzt so einen so schönen Kunstrasenplatz – auf dem hab’ leider nicht mehr gespielt. Aber mit 50 merkt man, dass es schwerer wird. Ich war bislang nie schwerer verletzt. Zuletzt hatte ich aber zwei Mal das Außenband im Knie überdehnt. Auf die alten Tage einen Kreuzbandriss, das wollte ich mir nicht mehr antun. Seitdem jogge ich gerne morgens, bevor ich schreibe.

Sie haben auch ein paar Jahre die Jugend-Mannschaft Ihres Sohnes Lukas trainiert. Waren Sie an der Seitenlinie eher der Typ Choleriker wie Brasiliens Luiz Felipe Scolari oder eher ein nüchterner Typ wie Joachim Löw?

Tatsächlich gibt es ja schon bei den Jugendtrainern zwei Typen: Die einen schreien viel herum und wollen unbedingt gewinnen und die anderen legen mehr Wert auf die Vermittlung von Werten.

Und Sie?

Wir haben auch viel verloren (lacht).

Interview: Vincent Meissner

Der Dettinger Wally Sayer über sein Verhältnis zum und seine Gedichte über den Fußball
So seh’n Sieger aus: Walle Sayer (hintere Reihe, Zweiter von links) mit der B-Jugend der SG Bierlingen/Felldorf, die in der Saison 1976/77 den Meisterwimpel (Bildmitte) gewonnen hat.Privatbild

Momentan schreibt der Dettinger Schriftsteller Walle Sayer an einem Buch mit Erzählminiaturen, das er im Frühjahr 2016 veröffentlichen möchte. Einen Arbeitstitel gibt es noch nicht. Sieben Bücher mit Gedichten und Prosatexten hat Sayer seit 1995 im Tübinger Verlag Klöpfer und Meyer veröffentlicht. Darüber hinaus gibt es noch fünf kleinere Bände von ihm. Die SÜDWEST PRESSE veröffentlicht anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien derzeit täglich ein Fußball-Gedicht von Sayer.

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04.07.2014, 12:00 Uhr

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