Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Vom Rechtsbruch zum rechtsfreien Raum

Der Diebstahl an den Juden war eine öffentliche Angelegenheit

Die Rechtsgeschichte in der Epoche des Nationalsozialismus sei noch unzureichend erforscht, bemängelt der Zeithistoriker Anselm Doering-Manteuffel. Rechtsfreier Raum führte zu „abgrundtief unmoralischem Verhalten“.

20.05.2010
  • Hans-Joachim Lang

Tübingen. „Hier nahm der Staat Partei gegen die Juden“, pointierte Anselm Doering-Manteuffel die diskriminierende Zählung von Juden im deutschen Heer, die das preußische Kriegsministerium im November 1916 angeordnet hatte. Das Ergebnis wurde verschwiegen, obwohl der Anteil von Juden und Nichtjuden beim Militär schlechthin und auch an der Front proportional gleich war und obwohl antisemitische Hetzer unterstellten, es seien die Juden selbst, die eine Veröffentlichung verhinderten.

Von diesem Punkt aus, der diskriminierenden „Judenzählung“, spannte der Referent vor rund 150 Zuhörern der Ringvorlesung „Raub und Restitution von Kunst“ den Bogen zu den Nürnberger Gesetzen des nationalsozialistischen Staates vom September 1935 – von dem völkisch aufgeladenen Antisemitismus zum Rassenantisemitismus. Eine „antiliberale Avantgarde“ habe solches Gedankengut nach dem Ersten Weltkrieg wissenschaftlich geadelt.

„1919/20 begann die Hohe Zeit des völkischen Denkens in den Wissenschaften, auch in der Rechtswissenschaft“, so Doering-Manteuffel. Es verbreitete sich nach einem Krieg, der nicht zuletzt auch um die Vorherrschaft miteinander konkurrierender Ordnungsvorstellungen geführt wurde: auf der einen Seite die der angloatlantischen Westmächte, auf der anderen Seite die des deutschsprachigen Mitteleuropa. Vereinfacht gesagt: Liberalismus gegen Antiliberalismus.

Wohl war bis 1918/19 auch die antiliberale Idee der Ordnung von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft niedergerungen worden, dennoch breitete sich in der Weimarer Republik eine Grundströmung aus, die auf dem völkischen Denken aufbaute. Davon wiederum profitierte „in hohem Maße“ der Nationalsozialismus, den Doering-Manteuffel als ein Produkt des wesentlich älteren völkischen Denkens klassifizierte. „Gegen die Weimarer Reichsverfassung und gegen den Versailler Vertrag wurde ein Rechtsdenken entwickelt, das sich der Ideenwelt der völkischen Ideologie bediente, um die Kategorien der westlich-liberalen Ordnung im Staatsrecht wie im Völkerrecht beiseite zu schieben.“

Die Hyperinflation von 1923 sieht der Zeitgeschichtler als entscheidenden Einschnitt im Gefüge der Weimarer Republik, durch den die bestehende Ordnung „völlig aus den Fugen“ geriet. Damit sei auch der Wertekosmos der bürgerlich-liberalen Welt zerbrochen: Deutschland war „hitlerreif“, reif für eine neue Ordnung, die Ewigkeitsgarantien versprach. Die Rede war vom „Tausendjährigen Reich“.

Damit war der Redner bei einer zentralen These angelangt, der Politik des Rechtsbruchs als Prinzip politischen Handelns im Dritten Reich. Innenpolitisch ist damit die sofortige Entrechtung von Juden und Sozialisten, die Ermordung der SA-Führung und anderer Regimegegner gekennzeichnet, außenpolitisch der Austritt aus dem Völkerbund, die Wiedereinführung der Wehrpflicht und der Einmarsch der Wehrmacht in die entmilitarisierte Zone westlich des Rheins.

Ging es den völkischen Juristen noch darum, Rechtsbegriffe in eine „neue Ordnung“ umzudenken, hatten Hitler und die SS-Führung die Absicht der Destruktion. „Durch die Zerstörung des Alten sollte ein weitestgehend rechtsfreier Raum geschaffen werden“ – mithin auch ein offener Handlungsraum „für die rassistischen Utopisten um Himmler und Heydrich, die den Genozid als völkische Aufgabe verstehen wollten“. Der entstandene rechtsfreie Raum sei durch Verwaltungsvorschriften aufgefüllt worden, die willkürlich verordnet und bei Bedarf auch wieder aufgehoben werden konnten.

In diesem Gewand rechtsförmiger Verwaltungspraxis, inmitten eines rechtsfreien Raums, sieht Doering-Manteuffel den Diebstahl des Eigentums der Juden. Dies nicht nur in Deutschland, sondern auch in den deutsch besetzten Gebieten. Möbel, Kleidung, Schmuck wurden zu Geld gemacht und den Ertrag erhielt das Finanzamt. Ebenso geschah es mit beschlagnahmten Bibliotheken und Kunstgegenständen aus jüdischem Besitz.

Die staatlich organisierte Schnäppchenjagd auf Kosten der Juden vollzog sich in aller Öffentlichkeit. Doering-Manteuffel deutet dieses befremdende Verhalten, diese „widerwärtige Bereicherung an Dingen, von denen man wusste, dass sie anderen geraubt worden waren“, als eine Folge des lange etablierten Antisemitismus. Seiner Darstellung nach gehörte dazu aber auch, dass diese Bereicherung quasi legitimiert wurde, dass sich der Staat in einem rechtsfreien Raum öffentlich als Dieb und als Hehler betätigte.

Zumindest unterschwellig sei den Profiteuren dennoch die Empfindung für ein abgrundtief unmoralisches Verhalten „präsent gewesen und geblieben“, zumal wenn man auch noch Zeuge geworden war, „wie jüdische Nachbarn erniedrigt, gedemütigt, verdrängt, zur Flucht gezwungen und deportiert wurden“. Und wenn man sich gleich anschließend in deren Wohnungen einfand, um deren Hausrat zu erwerben. „Daraus nämlich erklärt sich“, ist sich der Tübinger Zeithistoriker sicher, „die kollektive Betretenheit, das Lügen und das Nicht-wahr-haben-Wollen der Nachkriegsgesellschaft“.

Der Diebstahl an den Juden war eine öffentliche Angelegenheit
Anselm Doering-Manteuffel.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

20.05.2010, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball