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Mössinger Olgahöhe: Es fliegen nur Zapfen

Der Donnergott Thor stand dieses Jahr Pate für das Wirlewitz-Feriencamp

„Olgaard“ – wie sich das Wirlewitz-Ferienlager in diesem Sommer nennt – heißt in der Sprache der Wikinger „zu Hause“. Genauso fühlten sich die 40 Kinder, die eine Woche lang auf der Olgahöhe wie die alten Seefahrer hausten. Allerdings ohne Boote, dafür mit vielen Lagern und einer Thing-Stätte.

22.08.2015
  • Susanne Mutschler

Mössingen. Der 12-jährige Paul trägt einen selbstgemachten silbernen Helm mit spitzen Stacheln auf dem Kopf. Sein Schild hängt wie ein Wappen über dem Lager, das sich die Jungen aus Bruchholz und Laubzweigen gebaut haben. Außen herum hat er noch ein stabiles Zaungebilde genagelt, damit „nicht jeder einfach so reinkommen kann“. Paul hat nämlich vor, mit seinen Freunden Florian, Elias und Bastian die Nacht im Freien zu verbringen.

Dass die Betreuer in der letzten Lagernacht mit den Kindern gemeinsam campieren, ist Tradition beim Wirlewitz-Ferienangebot. Sich allerdings wie die alten Wikinger nur unter dem dürftigen Schutz von ineinander verhakten Ästen und Zweigen niederzulassen, ist selbst für den seit Jahren Wirlewitz-erprobten Paul ein kleines Abenteuer. Vorsorglich hat er neben seinem luftigen Lager schon mal ein regendichtes Zelt aufgestellt.

In der benachbarten Hütte verbringen einige der 20 Betreuer die Nacht. Außerdem seien alle Wege im Camp mit Windlichtern beleuchtet, erklärt Susanne Geißler, warum sie dem Drängen der Buben nachgab. Seit fünf Jahren leitet und organisiert sie die Wirlewitz-Ferienlager auf der Olgahöhe. In diesem Sommer stehen ihr der Bürgermentor Roland Ahlborn und ihre Tochter Julia Geißler zur Seite. Die Erzieherin macht derzeit eine Fachlehrerausbildung und hat gleich drei Kommilitonen als ehrenamtliche Betreuer nach „Olgaard“ mitgebracht. „Die sind es gewöhnt, mit Kindern umzugehen“, verweist Susanne Geißler auf deren pädagogische Qualifikation. Die restlichen Helfer sind inzwischen erwachsene, ehemalige Wirlewitz-Kinder mit reichlich Camp-Erfahrung oder Jes-Projekt-Teilnehmer.

46 Kinder im Alter von fünf bis zwölf Jahren wuseln im Wikinger-Lager herum. Sie malen Fantasie-Rüstungen auf ihre T-Shirts, bauen sich wehrhafte Schilde aus Pappe und Helme aus Gipsbinden. Sie lernen Runen zu zeichnen und ihre Initialen in Speckstein zu ritzen. Die kleinen Wikinger-Flöße, die die Kinder zusammenschnürten, sind längst die Steinlach hinunter auf große Nordlandfahrt gegangen.

In diesen Workshops müsse sie keines der Kinder ermuntern, sagt Geißler. „Die sitzen da und schaffen.“ Es entstehen Schleudern, mit denen in „Olgaard“ scharf geschossen wird. Allerdings ausschließlich mit Tannenzapfen und nur unter Aufsicht. Geduldig stellen sich die Kinder in langer Reihe an und zielen in die Richtung der aufgetürmten Blechbüchsen. Der siebenjährige Shevan aus Syrien erzählt von einem querschlagenden Zapfen, der erst gegen einen Baumstamm prallte und dann trotzdem die Dosen traf.

16 der teilnehmenden Kinder kommen aus Asylbewerberfamilien. Geißler: „Die Mischung der Kinder war fast vom ersten Tag an selbstverständlich.“ Die Leiterin hat beobachtet, wie beim Spielen und Bauen Freundschaften entstehen. Weil „wir uns mit allen verständigen können“, herrsche Einigkeit über die Regeln und Rechte im Wikingerlager: Dass niemand die Grenzen von „Olgaard“ übertreten darf, ist ein ungeschriebenes Gesetz für alle. Genauso klar ist, dass die muslimischen Kinder statt der sonst üblichen Hotdogs Geflügelwürstchen bekommen.

Alles Wichtige wird im Plenum an der Thing-Stätte besprochen. In dieser Geländemulde treffen sich Kinder und Betreuer, um frühmorgens den Tag zu planen und abends vor dem Heimgehen Geschichten von den Wikingern und ihren Göttern zu hören.

Geißler freut sich, dass sie dafür mit Benedicte Christen eine Kennerin Skandinaviens und der nordischen Mythologie gewinnen konnte. „Wir brauchen nur zuzuhören“, wenn sie erzähle, wie Thor seinen Hammer schwinge oder seine Raben losschicke. Einmal senden die sogar eine beinahe echte Botschaft an die „Olgaard“-Kinder. Fenriswolf, der Sohn des Luftgottes Loki, hat angeblich das Wirlewitz-Maskottchen entführt. Mit vereinten Kräften wird es wieder befreit. Auch beim fingierten Überfall während der Nachtwanderung waren die Nachwuchs-Wikinger siegreich.

Trotz der Faszination am Leben der Normannen sei für die Kinder das „Lägerle-Bauen“ fast am wichtigsten, ist Geißlers Erfahrung seit Jahren. Am häufigsten werde sie gefragt, ob sie denn noch „genug Freizeit“ fürs Bauen hätten.

Unter den sieben Laubhütten aus Fundholz, die in den vergangenen Tagen auf der Olgahöhe entstanden, ist die von Tarja (7) und Viola (5) vielleicht die wackligste, aber sicher die komfortabelste. Sie hat eine Außenterrasse, ein Holzsofa und eine Wäscheleine mit Klammern.

Der Donnergott Thor stand dieses Jahr Pate für das Wirlewitz-Feriencamp
Auch Wikinkger brauchen mal Müßiggang – am besten mit Musik. Bild: Franke

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22.08.2015, 12:00 Uhr

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