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Vor 40 Jahren wurde der Tanz-Turnier-Club Rot-Gold Tübingen gegründet

Der Drang nach dem Frack

Die miese Stimmung im Reutlinger Tanzsportclub Schwarz-Weiß bescherte den Tübingern 1972 einen eigenen Tanzsportverein. Der TTC Rot-Gold war der erste in Tübingen, zunächst heimatlos, fand mal hier, mal da Unterschlupf. Bis sich nach dem Auszug der Franzosen die Chance bot, 1993 das einstige Exerziergebäude im Loretto herzurichten. Im Tanzsport- und Rock’n’Roll-Zentrum (TRZ) feiert der Verein am Sonntag den 40. Geburtstag.

05.01.2012
  • Manfred Hantke

Tübingen. Es brodelte damals gehörig im Tanzsportclub Schwarz-Weiß Reutlingen. Die Querelen um den damaligen Trainer Harry Körner führten Ende 1971 zum Austritt von fünf Turniertanzpaaren. Den Trainer nahmen sie gleich mit und stellten am 1. Januar 1972 den Aufnahmeantrag beim Landessporttanzverband Baden-Württemberg.

Gleichzeitig betrieben die „Aufständischen“ die Vereinsgründung in Tübingen. Heute noch dabei ist die 80-jährige Edit Gebhardt, die das Tanzen als Freizeitsport betreibt. Dabei ist aber auch noch Brigitte Roll, Trainerin, Vorstandsmitglied seit fast vier Jahrzehnten und seit zehn Jahren Vorsitzende des Vereins.

Es scheint, als ob Tübingen auf einen Tanzsportclub gewartet hätte: Im Februar 1972 waren es bereits 40 Leute, die den „Tanz-Turnier-Club Rot-Gold Tübingen“ gründeten. Eigentlich sollte er „Rot-Gelb“ heißen und sich an den Farben des Tübinger Stadtwappens orientieren. Doch diese Farbkombination gab es in der Tanzvereins-Szene nicht. So wurde das „Gelb“ zum „Gold“.

Der Drang nach dem Frack
Brigitte Roll und Gerd Fath 1976 beim Turniertanz. Bild:TTCRotGoldTübingen

„Die Musik kam damals vom Plattenspieler“, erinnert sich die erste Vorsitzende. Ob Rumba, Samba, Wiener Walzer oder Tango: Die Tänzer brachten ihre private Plattensammlung mit, einen Plattenspieler kauften sie dann für den Verein. Der hatte allerdings von Beginn an ein Raumproblem.

Zunächst trainierte er im Verbindungshaus der AV Guestfalia, dann für ein halbes Jahr im Turn- und Festhaus Kirchentellinsfurt. Auch in der Köstlinschule, Wilhelmstraße, kam er unter. So etwas wie „Heimat“ stellte sich dann 1975 ein, als die Tanzschule Priklopil im Dahlienweg dem Verein montags die Räume zur Verfügung stellte. Angelika Priklopil wurde Trainerin.

Doch die Trainingsmöglichkeiten reichten bei weitem nicht, sagt Roll. Die Zahl der Tänzerinnen und Tänzer stieg, das Turniertraining muss nach Standard und Latein, nach Anfängern, Fortgeschrittenen und Spitzenpaaren getrennt werden. Zudem wollten immer mehr Freizeittänzer, Jugendliche und auch bald Kinder tanzen.

Zeit verkauft, um die Turmuhr zu reparieren

Der Drang nach dem Frack
Brigitte Roll

So ging der Verein bald wieder auf die Suche nach Räumen, Sälen oder Hallen. Fündig wurde er, als nach dem Ende des Kalten Krieges die Franzosen ihre Tübinger Kasernen verließen. Doch das einstige Exerziergebäude an der Stuttgarter Straße hatte kein Wasser, keinen Strom, keine Heizung und nur wenig Licht. Zusammen mit dem Rock‘n‘Roll Sportclub Tübingen bauten die TTCler das Gebäude in der heutigen Lilli-Zapf-Straße um.

Zwei Jahre hat es gedauert, 1995 war dann das „Tanz- und Rock’n’Roll-Zentrum“ (TRZ) endlich fertig. Sie haben gerackert und geschuftet, handwerkliche Eigenleistungen im Wert von rund 400.000 Mark (etwa 200.000 Euro) erbracht. An den Gesamtkosten der Renovierung beteiligten sich die Stadt und der Landessportbund. Doch für die Turmuhr, Baujahr 1909, Typ „Westminster“, heute längst ein Wahrzeichen des Lorettoviertels, hat’s am Ende nicht mehr gereicht.

Der Drang nach dem Frack
Das TRZ vor dem Umbau 1991, auf dem Dach der Uhrenturm.Archivbild: Metz

Die Uhr mit den beiden offen angebrachten Glocken blieb irgendwann stehen. Anfangs geschätzte Kosten der Instandsetzung: 25.000 Mark. Um das Geld für die Restaurierung zusammenzubekommen, kam die damalige Erste Bürgermeisterin Gabriele Steffen auf die Idee, Zeit zu verkaufen. Vier Sekunden für eine Mark.

So stieg am 12. Oktober 1996 der „Uhrenball“ mit Tombola, Tänzen und Spielen. Allein an diesem „Uhrenball“ kamen einige tausend Mark für „verkaufte Zeit“ zusammen. Es dauerte aber noch bis zum Juli 2001, ehe die Uhr wieder lief. Denn die Kosten wurden immer höher, am Ende schlugen über 100.000 Mark zu Buche. Neben den Zeit-Spendern beteiligten sich die Landesentwicklungsgesellschaft, das Landesdenkmalamt und die Denkmalstiftung.

Lässt Brigitte Roll die 40 Jahre Revue passieren, schwingt auch ein wenig Stolz auf „ihren“ Verein mit. Er hat heute etwa 300 Mitglieder, einige Landesmeister hervorgebracht und Paare in der Endrunde der Deutschen Meisterschaften gehabt. Unter den derzeit 25 Turniertanzpaaren starten fünf Paare in der höchsten Kategorie, der S-Klasse, ebenso viele in der zweithöchsten A-Klasse.

Stark zugenommen habe der Breitensport, sagt Roll, „die 50-Jährigen wollen wieder tanzen“. Latein- und Standardformationen tummeln sich in der Halle. Und eine Modern-Jazz-Formation trainiert, um bei Turnieren Preise abzuräumen. Kamen Mitte der 1980er Jahre verstärkt Jugendliche zum Tanzunterricht, sind es seit gut zehn Jahren Kinder.

Der Drang nach dem Frack
1977 in den Räumen der Tanzschule Priklopil. Bild: TTC Rot-Gold Tübingen

Pro Jahr organisiert der TTC zwei Turniertage, rund 800 Turniere hat er bislang ausgerichtet, darunter auch Landesmeisterschaften. Zu ihren Veranstaltungen holte der TTC die angesagten Tanzorchester wie Hugo Strasser und Günter Noris. Und zum Reutlinger Tanzsportclub besteht heute übrigens „die tollste Freundschaft“.

„Die Tänze sind ständig im Fluss“, sagt Roll. In den vergangenen Jahrzehnten hat sie einige Änderungen mitgemacht. So sei der Tanz viel athletischer geworden, auch künstlerischer. So genannte Lifts, also Hebefiguren, waren damals noch erlaubt. Heute sind sie ebenso wie Drehungen der Dame auf dem Boden verboten.

Lockerer geworden ist die Kleidervorschrift. War früher der Frack in der S-Klasse Pflicht, darf man ihn heute tragen, muss aber nicht. Doch von der A-Klasse an hat Roll bei den Tänzern einen „Drang nach dem Frack“ ausgemacht. Denn darin tanze es sich ganz anders. Er wird nämlich in Tanzhaltung gearbeitet, werfe keine Falten am Oberarm. Die Tanzpartnerin hingegen soll nur ein „turniergerechtes Kleid“ tragen, es kann schwarz sein, darf aber keinen glänzenden Zierrat haben.

Am kommenden Sonntag, 8. Januar, feiert der TTC Rot-Gold Tübingen sein Schwabenalter im TRZ mit einem Empfang für geladene Gäste. Über 150 Gäste werden erwartet. Am 21. April steigt der Frühlingsball.

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05.01.2012, 12:00 Uhr

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