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Klaus Reihle kämpft für Tonträger aus Vinyl und CDs

Der Dreh zum Plattenteller

Sein Laden gehört fast schon zu den Tübinger Bildungseinrichtungen. Klaus Reihle ist das einerseits recht, andererseits aber muss auch der Verkauf stimmen. Im zunehmend „musealen Charakter“ der Tübinger Altstadt sieht er die Zukunft nicht besonders rosig.

02.06.2012
  • Ulla Steuernagel

Tübingen. Manchmal kommen Touristen in den markanten Eckladen in der Marktgasse, wandern durch die Räume und schwärmen: „Toll, dass es sowas noch gibt!“ Und dass sie dann oft wieder rausgehen, ohne was gekauft zu haben, unterschlägt Klaus Reihle ebenfalls nicht. Er erzählt es nüchtern bilanzierend und nicht anklagend.

Der Musikhändler registriert schon lange ein allgemein abnehmendes Käuferinteresse: „Im Wandel ist Beständigkeit“, sagt er. Noch dicker kam es für die Plattenläden. Sie sind im vergangenen Jahrzehnt eingegangen wie die Primeln. Das nächste Rimpo-artige Geschäft ist in Stuttgart, und in südlicher Richtung muss man wohl bis Konstanz fahren.

Bei Events, wie dem umbrisch-provenzalischen Markt, platze, so Reihle, die Stadt zwar aus allen Nähten. Aber: „Am Tag danach kann man eine Stecknadel fallen hören.“ Auch in einer so guten Einkaufslage wie Rimpo sie hat, fühle man sich werktags wie an der städtischen Peripherie, so wenige Kunden seien im Herzen der Stadt unterwegs.

Als Plattenhändler könnte man ohnehin ganztägig den schönen alten Vinylzeiten nachweinen. Aber Reihle ist kein Nostalgiker à la: Erst ging das goldene Schallplattenzeitalter unter, und jetzt bleiben auch noch die Kunden weg! „Für das veränderte Kundenverhalten“, so betont er, „kann man niemanden verantwortlich machen.“ Alles Wehklagen der Händler über die schwierige Parksituation in Tübingen nütze wenig: „Das ist nur ein Hilfeschrei, aber nicht die Lösung des Problems!“ Das Problem ist seiner Meinung nach, dass immer mehr Konsumenten den bequemen Online-Einkauf dem echten Shoppen vorziehen.

Den Musikhändler trifft es doppelt, weil Musik schon lange keinen realen Raum und nicht einmal mehr einen sichtbaren Tonträger braucht. „Nix verschwindet ganz, aber die Frage ist, wie sehr“, meint er dazu und bedauert, dass damit auch die Kunst, die auf Plattencovern schöne Blüten trieb und treibt, eingeht.

Merkwürdigerweise, so Reihle, merke man den Rückgang auch beim Klassik- und Jazzverkauf. Dort vermutet man zwar die größere Treue zur Platte oder CD, andererseits macht sich hier ein rigoroser Schwund an Hörern bemerkbar.

Rimpo hat sich in einer Nische eingerichtet. Dazu gehört der Ticketverkauf für Live-Konzerte, die für Bands immer lebenswichtiger werden, genauso wie das zugehörige Merchandising (den Verkauf von Werbeartikeln). Rimpo liefert das Material an die Merchandiser und die Verkaufszahlen an Media Control. Anders als im Direktverkauf gehen die Daten dann in die Marktforschung und die Charts ein. Großes Glück hatte Reihle, als er zuletzt den BVB-Song vermarktete, der mit dem Borussensieg zur Fußballhymne wurde.

Das Rimpo-Kerngeschäft ist aber nach wie vor der Handel mit Tonträgern, mit Schwarzplatten und vor allem mit CDs, die nicht so im Mainstream schwimmen. Ganz oben in Reihles persönlichen Charts steht als Einzeltitel immer noch „A hard day’s night“ von den Beatles, als Alben Fleetwood Mac mit „Then play on“ (1969), R.E.M. „Out of time“ (1991) und Jack White mit „The White Stripes“ (1999). Aber wenn er schon mal bei seiner Lieblingsmusik ist, dann fällt ihm auch die indische Klassik ein. Davon scheint er gar nicht genug kriegen zu können.

Die Mischung aus allem – von Klassik, Jazz, Dub, Hardcore, Indie bis Rock – funktioniert im Laden am besten. Vor allem auch, weil bei Rimpo Leute an der Kasse stehen, die sich auskennen.

Nicht selten passiert es, dass jemand in den Laden kommt und etwas vorsingt. Reihle oder einer der zwei Mitarbeiter greifen dann traumsicher in eine Kiste und ziehen das entsprechende Cover hervor. Die Kisten, in denen die Tonträger-Hüllen stehen, sehen mittlerweile anders aus als in den Rimpo-Anfangsjahren, als es noch eine wilde Mischung aus Bananen- und anderen Kisten war. Wenn Reihle an die allererste Zeit zurückdenkt, dann sieht er sich selber jedoch nicht als Verkäufer hinter den Kisten, sondern als Kunden vor ihnen stehen. Den Anfang nahm Rimpo nämlich in der Mensa.

Da bot ein Holländer namens Hans Kesteloo Platten zu günstigen Preisen an. Er bezog sie aus dem Ausland, daher „Records import“ oder als Abkürzung Rimpo. In Deutschland galt damals noch die Preisbindung für Schallplatten. Reihle hatte als frisch gebackener Konditormeister gerade ein halbes Jahr Indien hinter sich und interessierte sich viel mehr für das, was auf Plattentellern als für das, was auf Kuchentellern lag.

„Ich sollte eigentlich das Geschäft meiner Eltern übernehmen.“ Das war eine Konditorei mit Café in Reutlingen. Doch seiner aktiven Zeit in der Reutlinger Musikszene – „Ich hab‘ Gitarre gespielt – wie alle!“ – entsprach die frühmorgendliche Arbeit in der Backstube wenig. Die Eltern mussten also die bittere Pille schlucken, als ihr Sohn ihnen eines Tages als treuer Kunde von Hans Kesteloo eröffnete, er werde nun ins Musikgeschäft einsteigen.

Die Plattenbranche und der Tübinger Laden entwickelten sich damals „explosionsartig“, so Reihle. Erst hatten die Musikfreaks ihr Kommunikationszentrum noch in der Kornhausstraße, doch Anfang 1978 vergrößerte sich das Geschäft mit dem Umzug in die Marktgasse 17, dem heutigen Standort. 1978 war auch das Jahr, in dem Reihle in das Geschäft einstieg.

In den achtziger Jahren gründeten die Geschäftsführer ihr eigenes kleines Plattenlabel (Music Maniac Records), und Anfang der neunziger wagten sie den Sprung nach gegenüber, in ein zweites Ladengeschäft. Zehn Jahre hielt das Experiment, dann holte Reihle Jazz und Klassik in den Hauptladen zurück.

Kesteloo, der, wie sein ehemaliger Kompagnon scherzt, „immer von Beruf Holländer war“, hat schon lange seinen Wohnort wieder in die Heimat zurückverlegt und war aus dem Geschäft ausgeschieden. Aber noch heute ist die Verbindung zwischen den Beiden nicht abgerissen. Kesteloo, jetzt im Ruhestand, grast inzwischen die Schallplatten-Börsen ab und zieht dort mit sicherer Hand Vinyl-Schätze an Land.

Und Klaus Reihle, denkt auch er daran, sich zur Ruhe zu setzen? Theoretisch könne er das im nächsten Jahr, sagt er. Aber: „Ich mach‘ zu gerne, was ich tue.“ Und er eigne sich auch nicht, „Teil einer Altherrenband“ zu werden. So lange der Laden noch etwas abwirft, will er ihn weiterführen. Doch dieser Masterplan liegt nicht nur in seiner Entscheidung: „Wir sind da“, so Reihle, „rein vom Zeitgeist abhängig.“

Der Dreh zum Plattenteller
Klaus Reihle zog es nicht in die Backstube, sondern ins Musikgeschäft. Bild: Sommer

Der Dreh zum Plattenteller

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02.06.2012, 12:00 Uhr

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