Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Der First Lady fliegen die Herzen zu
Gerlinde Kretschmann inmitten der Mädchen und Jungen eines Don-Bosco-Zentrums. Der Salesianer-Orden kümmert sich um 700 Straßenkinder in Mumbai. Foto: Ulrich Becker
Indien-Besuch

Der First Lady fliegen die Herzen zu

Gerlinde Kretschmann verzichtet auf das traditionelle Damenprogramm. Sie geht zu Hilfseinrichtungen in den Slums. Sie will wissen, wie es den Menschen geht.

28.01.2017
  • ULRICH BECKER

Die Luft riecht süßlich, eine Mischung aus Kochgerüchen, Schweiß und faulenden Abfällen. Die Wege zwischen den Häusern sind kaum mehr als einen Meter breit, durch einen winzigen Spalt fällt Tageslicht auf den Boden. Abwässer und Fäkalien laufen über die Wege, Ratten sitzen im stinkenden Wasser, Kinder springen herum. Baden-Württembergs First Lady Gerlinde Kretschmann folgt den Frauen, die durch das Viertel führen. Die 68-Jährige ist in Dharavi, einem der größten Slums Asiens. Bis zu einer Million Menschen – die genaue Zahl kennt niemand – leben hier auf knapp zwei Quadratkilometern eines ehemaligen Sumpfs mitten in Mumbai. Nebenan wachsen die Hochhäuser der 20-Millionen-Metropole in den Himmel.

Auf der einwöchigen Reise von Ministerpräsident Winfried Kretschmann durch den indischen Partnerstaat Maharashtra hat sich seine Frau nicht das übliche Damenprogramm ausgewählt. Sie will wissen, wie es den Menschen wirklich geht. Und so lässt sie sich von den Mitarbeitern der Salesianer Don Boscos durch das Armenviertel führen. Sie spricht mit den Menschen, scherzt mit den Kindern. „Ich habe schon andere Slums gesehen“, sagt sie nach dem Besuch. Aber Verhältnisse wie in Dharavi habe sie noch nicht erlebt. Nicht nur die Armut, sondern auch die Würde und der Optimismus der Bewohner sei beeindruckend gewesen.

Doch Würde und Optimisms allein helfen nicht über die Missstände in den Slumgassen hinweg. Der katholische Salesianer-Orden nimmt sich der Allerärmsten an – vor allem der Frauen, denn sie „stabilisieren eine ganze Familie“, sagt Geschäftsführer Rolvin D`Mello. Es fehlt an Wasser, Nahrung, medizinischer Versorgung. Im Heim der Organisation erhalten sie eine Ausbildung, damit sie sich und ihre Familien ernähren können. Manche schaffen es mit Hilfe des Ordens, verkaufen Produkte, die im Slum entstehen und können sich so eine sichere Existenz aufbauen.

Mädchen als Sexsklavinnen

Das gelingt den Straßenkindern kaum, die sich allein durch die Slums schlagen müssen. „Viele kommen vom Land nach Mumbai“, erzählt Bruder Gregory Almeida, der sich um die Kinderheime Don Boscos kümmert. „Sie haben die Traumwelt der Studios von Bollywood im Kopf und glauben, in Mumbai würde dieses Leben für sie wahr. Doch viele bleiben auf der Strecke.“ Die Organisation kümmert sich seit 1978 um die Kinder, die allein bleiben, die Schutz brauchen, die auf der Straße leben. Rund 700 sind in den sieben Heimen Don Boscos in Mumbai untergebracht. Dort erhalten sie eine Schulausbildung, können bis zum 18. Lebensjahr bleiben. In acht weiteren Schulen bekommen Kinder Abendunterricht, jeden Tag von 16 bis 20 Uhr.

Beim Besuch aus Deutschland hängen orange-weiß-grüne Ballontrauben, die Nationalfarben Indiens, neben schwarz-rot-goldenen. Die Kinder haben sich wochenlang vorbereitet. Gesang, Tanz, Moderation für die Gäste, die mit der traditionellen Blumenkette um den Hals zuschauen. Später dürfen die Kinder Gerlinde Kretschmann Fragen stellen. Als ein Mädchen aufsteht und wissen will, wie es den Flüchtlingen in Deutschland geht, stutzt die Landesmutter. „Ich hoffe, dass das Leben noch besser wird als jetzt und es den Flüchtlingen in Deutschland gut geht“, sagt sie schließlich. Die First Lady trifft den Ton, ihr fliegen die Herzen der Kinder zu. Was sie denn an Indien besonders toll findet, will ein Junge wissen. „Euch, die Kinder“, sagt sie strahlend. Tosender Applaus.

Auch einen Tag zuvor hat sie die Menschen für sich eingenommen – im Haus der Chaiim Foundation im Norden Mumbais. 23 Mädchen schneidern dort Kleidung. Sie haben die Hölle hinter sich. Als Kinder wurden sie verkauft und zu Sexsklavinnen gemacht. Eines der dunkelsten Kapitel der indischen Gesellschaft. 1,2 Millionen Kinder, so Schätzungen, werden in Indien zur Prostitution gezwungen. Die 18 bis 25 Jahre alten Frauen konnten dem Elend entfliehen. Bei der Chaiim Foundation leben sie in Sechser-Gruppen, erhalten eine vierjährige Ausbildung als Schneiderin und auch in Englisch und Hindi. Mit dem verdienten Geld können sie nach der Ausbildung eine Existenz aufbauen.

Ein Ehepaar hat diese Initiative 2010 privat auf die Beine gestellt. Keith Dsouza war in einem großen indischen Unternehmen tätig. Bei einer Firmenfeier musste er mit ansehen, wie Kollegen ein zwölfjähriges Mädchen missbrauchten. „Ich fragte meinen Chef, was das zu bedeuten hätte. Er sagte, das gehöre dazu. Das war einfach nur Menschenhandel und brach mein Herz.“ Dsouza kündigte und gründete die Initiative gemeinsam mit seiner Frau Ramona. Zunächst sei es schwierig gewesen, doch inzwischen sei der Erfolg da – dank schwäbischer Hilfe. 2013 kam das Stuttgarter Start-up Glimpse clothing auf die Chaiim Foundation zu. Seitdem vertreiben die Deutschen T-Shirts, Decken, Hosen, Röcke, Schals. Ein Glücksfall – mittlerweile sind die Produkte ein Begriff geworden und werden fast ausschließlich in Deutschland verkauft.

Träume verbinden weltweit

„I have a dream“ von der Gruppe Abba singen die Mädchen in ihrer kleinen Werkstatt, neben den Nähmaschinen, als Gerlinde Kretschmann zu Besuch kommt. Die Augen der Frauen strahlen. Später erzählen sie von ihren Träumen. Von einer Lehre zur Visagistin oder Modedesignerin, von einer Familie. Dann wird Gerlinde Kretschmann gefragt, was ihre Träume seien. Sie lacht, denkt kurz nach. „Mein Mann ist Ministerpräsident, ich bin dreifache Mutter und habe einen Enkel. Alles ist gut, so wie es ist.“ Die Mädchen jubeln. Träume können verbinden, selbst über Kontinente hinweg.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

28.01.2017, 06:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball