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Die Gründungsphase war nicht ohne Reibereien

Der Förderverein Synagoge Baisingen feierte sein 25-jähriges Bestehen

Mit zwei Podiumsgesprächen, einer Führung durch die Gedenkstätte und einer Feierstunde auf dem Jüdischen Friedhof warf der Förderverein Baisinger Synagoge den Blick zurück und auch ein wenig nach vorn.

25.11.2014
  • Fred Keicher

Baisingen. So harmonisch, wie es im Rückblick erscheinen mag, war die Geschichte nicht, dass aus der 1938 geschändeten und zerstörten Synagoge eine Gedenkstätte wurde. „Wenn der Jude eine Synagoge will, dann soll er sich eine bauen. Er hat ja genug Geld.“ So erinnerte sich auf der morgendlichen Diskussion Freddy Kahn an die Reaktionen aus dem Dorf. Gebetet hat er allerdings mit seinem Vater Harry Kahn in der Stuttgarter Synagoge. In der einst blühenden Baisinger Gemeinde gab es keine zehn Männer mehr, die Mindestzahl für das Gebet in der Synagoge.

Aus der Synagoge war nach dem Krieg eine Scheuer und ein Schweinestall geworden. Abgebrannt haben sie die SA-Männer in der Reichspogromnacht nicht, denn sie stand zu nahe an den Nachbarhäusern. Die wären wahrscheinlich gleich mit ein Raub der Flammen geworden.

Der Bauer, der die alte Synagoge um 1500 Reichsmark erworben hatte, brach ein Scheunentor in die Außenmauer des 1784 gebauten Bethauses. Kahn erinnert sich, dass er in den 1970er-Jahren das Tor einmal öffnete, um Besuchern aus Israel das Gebäude zu zeigen. Darin stand ein Ladewagen der Firma „Mengele“. Zur Familie der Günzburger Firma für landwirtschaftliche Fahrzeuge und Geräte gehörte auch der berüchtigte KZ-Arzt und Kriegsverbrecher Josef Mengele.

Adolf Hug beschrieb sich als Lernenden

„Aus einem Saulus ist ein Paulus geworden“, bekannte Adolf Hug. Anfänglich sei er dem Projekt skeptisch gegenüber gestanden, sagte der ehemalige Baisinger Ortsvorsteher. Als Kind habe er sich gewundert, weshalb in einer Scheuer ein schöner Sternenhimmel sei. Jetzt öffnet er auch unverhofften Besuchern die Türen zur Gedenkstätte und zum jüdischen Friedhof. Und lädt sie anschließend zu Kaffee und Kuchen ein. Am Sonntag las Hug ein paar Einträge aus dem Gästebuch. „Tolles Synagogenhaus. Tolles Bethaus. Fühlte mich wie in einer Moschee“, schrieb ein Koranlehrer aus der Türkei. „Geile Führung. Klasse 9a“, lautete das Kompliment von Schülern.

Für Alt-OB Winfried Löffler stand die Baisinger Synagoge schon in seiner ersten Amtszeit auf der Agenda. Die Stadt wollte das Grundstück kaufen. „Mit so einem Plan geht man natürlich nicht auf den Marktplatz“, erzählte Löffler. 1987 wurde darüber dann im Wahlkampf doch öffentlich diskutiert, weil das Projekt als Konkurrenz zum Bau einer Baisinger Halle verstanden wurde. Allerdings wurde die Synagoge durch Zuschüsse der Denkmalstiftung finanziert und durch einen gleich hohen Beitrag des Fördervereins. Insgesamt über 300 000 Euro.

Die Gründung des Vereins 1989 scheiterte fast an einer Satzungsfrage. Löffler wollte, dass der Rottenburger Oberbürgermeister kraft Amtes den Vereinsvorsitz hat. Dreimal habe er die Sitzung verlassen, weil er sich nicht durchsetzen konnte. „Jedes Mal mit hochrotem Gesicht“, rief einer, der dabei war. Löfflers Taktik ging letztlich auf. Heute ist Stephan Neher Vereinsvorsitzender. 121 Mitglieder hat der Förderverein im Moment, sagte Neher, aber darunter kaum junge Leute.

Winfried Löffler hatte schwer zu kämpfen

Es sind zwei Nagolder, die das Baisinger Gedenkstättenprojekt entscheidend vorangetrieben haben. Der inzwischen verstorbene an der Tübinger Universität bekannt gewordene Kulturwissenschaftler Utz Jeggle und Freddy Kahn. Jeggle hat bahnbrechende Forschungen über die Judendörfer in der Region vorgelegt. Kahn sprach eine Art Schlusswort über das Landjudentum: „Um mich könnt ihr eine Vitrine bauen und mich ausstellen. Ich bin der letzte aus diesem ländlichen Judentum.“

Sein Vater Harry war als einziger nach dem Holocaust nach Baisingen zurückgekehrt. Er arbeitete wieder als Viehhändler. Harry Kahns erste Frau ist in Theresienstadt umgekommen. Im Konzentrationslager (KZ) hat er Jeanette Karschinierow kennengelernt. Die beiden haben sich 1945 in Stuttgart wieder getroffen, 1946 haben sie geheiratet, 1947 ist Freddy Kahn geboren worden. 1948 stiftete Harry Kahn den Gedenkstein mit den Namen aller ermordeten Baisinger Juden auf dem Jüdischen Friedhof.

Um Museumskonzepte ging es auf dem Abschlusspodium am späten Sonntagnachmittag. „Das Baisinger Konzept ist noch immer progressiv“, sagte Benigna Schönhagen, die heute das Jüdische Museum Augsburg-Schwaben leitet. Das Konzept bestehe darin, Spuren der Zerstörung sichtbar werden zu lassen, erläuterte Rottenburgs Kulturamtsleiter Karlheinz Geppert. Eine Zeitlang habe man bei der Synagogen-Restaurierung Schmuckkästlein aus den Gebäuden gemacht, erinnerte Bernhard Purin, der Direktor des Jüdischen Museums in München. Und dabei auch schon mal erschrockene Kommentare gehört: „So schön war’s ja noch nie.“

Anlässe schaffen für persönliche Begegnung

Für die Digitalisierung der Museen sieht Purin deutliche Grenzen. Allerdings sollten die Homepages der Gedenkstätten auch eine englische Version erhalten. Die Rexinger haben damit gute Erfahrungen gemacht, wie Heinz Högerle vom dortigen Förderverein berichtete. Die Gedenkstätten seien aber unverzichtbar, sagte Geppert: „Sie müssen weiterhin Anlässe schaffen für persönliche Begegnungen.“

Das jüdische Leben in Deutschland hat sich stark gewandelt. In Stuttgart gibt es wieder ein große jüdische Gemeinde, sagte Freddy Kahn. Es sind Immigranten aus Russland, die seit drei, vier Generationen vom Judentum entfremdet sind. In Berlin, schätzte Purin, leben etwa 30 000 junge Israelis.

Der Ort, wo sich jüdisches Leben abspielt, ist nicht mehr so das Bethaus, die Synagoge, sondern das Museum. Ein Ort des Friedens ist das nicht, warnte Purin. Im Brüsseler Jüdischen Museum sind im April dieses Jahres fünf Juden ermordet worden, Touristen aus Israel. Der Täter ein französischer Muslim mit algerischen Wurzeln.

Der Förderverein Synagoge Baisingen feierte sein 25-jähriges Bestehen
Die Situation um die ehemalige Synagoge in Baisingen. Bild: Sommer

Der Förderverein Synagoge Baisingen feierte sein 25-jähriges Bestehen
Gesprächsrunde zu 25 Jahre Förderverein Synagoge Baisingen. Links stehend Oberbürgermeister Stephan Neher, am Tisch (von links): Hubert Dettling, Winfried Löffler, Willibald Ruscheinski und Adolf Hug. Bild: Keicher

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25.11.2014, 12:00 Uhr

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