Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Anpfiff

Der Fußball und seine Idioten

Vor einer Woche ist es wieder passiert. Bei einem A-Juniorenspiel rasteten zwei Kicker des TSV Betzingen aus, ein Angegriffener flüchtete ins Sportheim des TSV Lustnau. Drei Streifenwagen der Polizei rückten aus, der Schiedsrichter brach die Partie ab.

17.10.2014
  • Hansjörg Lösel

Fußball hieß früher mal die schönste Nebensache der Welt. Inzwischen ist Deutschland wieder Weltmeister, die Kinder rennen den Vereinen fast die Bude ein. Aber kann man den Nachwuchs noch guten Gewissens zum Kicken schicken? Zu frisch ist die Erinnerung an die Schlägerei bei einem Kreisliga-Kick in Reutlingen vor einem Jahr, als der Vater eines Spielers einen Funktionär krankenhausreif prügelte.

Das hat’s doch früher nicht gegeben! So die spontane Reaktion vieler auf die Nachricht von der Lustnauer Schlägerei. War früher wirklich alles friedlicher? Wohl kaum: Wer den Altvorderen an so manchem Sportheim-Stammtisch eine Weile zuhört, könnte glauben, in früheren Zeiten hätte der Schiri etwa alle drei Wochen Dresche bekommen. Wie viel Fantasie da mitspielt, sei dahingestellt. Sicher ist: Wenn es früher mal eine Sportplatz-Schlägerei bei einem Dorf-Derby gab, hat das außer den beiden beteiligten Vereinen kaum jemand mitbekommen.

In der heutigen medial beherrschten Zeit dagegen wird auch aus einer kleinen Kreisliga-Keilerei schnell ein überregional beachteter Aufmacher, via Facebook und Twitter dreht sich die Spirale weiter – was sich tatsächlich abgespielt hat, spielt dann eine immer kleinere Rolle, stattdessen wird schnell der Ruf nach lebenslangen Sperren und ähnlichem laut.

„Immer häufiger, immer brutaler?“ Unter diesem Titel hat Thaya Vester in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Kriminalistik“ einen Aufsatz veröffentlicht. Die Tübingerin forscht am Institut für Kriminologie im Rahmen ihrer Doktorarbeit eben zum Phänomen der Gewalt im Amateurfußball. Vester hat vor einigen Jahren in enger Kooperation mit dem württembergischen Fußball-Verband Daten gesammelt, untersuchte die Ursachen von Spielabbrüchen und analysierte neben einer umfangreichen Schiedsrichterbefragung die Sportgerichtsurteile. Aus dieser Datensammlung ergibt sich keine quantitative Zunahme von Gewaltvorkommnissen auf hiesigen Fußballplätzen, so ihr Fazit.

Von „einer gravierenden Verschärfung, wie sie gerne von den Medien kolportiert wird“, könne keinesfalls gesprochen werden, schreibt Vester. Sie rät zur Ruhe, zumal die Gefahr bestehe, potentiell faire Sportler abzuschrecken: „Mit Überdramatisierung ist keinem geholfen“, sagt die Wissenschaftlerin. Ob die Vorfälle allerdings zunehmend brutaler werden, könne derzeit noch nicht beurteilt werden. Für eine seriöse, wissenschaftlich fundierte Antwort fehlt schlicht die Datenmenge. Vester bleibt dran: Die Tübingerin forscht weiter zu diesem Thema, arbeitet mittlerweile auch mit dem Deutschen Fußball-Bund zusammen.

Aber wie fühlt sich eigentlich ein Schiedsrichter, angeblich ja der Depp der (Fußball-) Nation? Dieser Frage wollte ich nachgehen und habe deshalb vor anderthalb Jahren einen Neulings-Kurs besucht. Wer glaubt, die Schiri-Prüfung mal eben im Vorbeigehen zu machen, der irrt. Und zwar gewaltig. Der körperliche Leistungsnachweis ist die kleinste Hürde, in elf Minuten 1800 Meter laufen auch Untrainierte. Aber die Theorie: Von neun Schulungsabenden dürfen die angehenden Referees nur einen verpassen. Dann die Prüfung, 50 von 60 Punkten müssen erreicht werden. Die Optimalausbeute lag für mich in weiter Ferne – immerhin zwei Kurskollegen aber blieben fehlerfrei. Doch grau ist alle Theorie, die Wahrheit liegt aufm Platz.

Und auch nach einer jahrelangen aktiven Fußball-Karriere, in der ich es selbst so manchem Referee nicht eben leicht gemacht habe, war mein erstes Spiel an der Pfeife eine völlig neue Erfahrung. Natürlich passieren Fehler: Beim Abseits sowieso, das kannst du ohne Linienrichter nur aus dem Bauch heraus entscheiden. Mir unterlief aber ein typischer Anfängerfehler: Ich verfolge das Spiel, registriere eigentlich auch das Foul, bleibe aber in der Zuschauer-Rolle – wenn dann erst mal fünf, zehn Sekunden verstrichen sind, kannst du die Pfeife auch gleich stecken lassen. Zum Glück ging die Premiere trotzdem ohne größeren Flurschaden ab, mit zunehmender Spielpraxis stellt sich Sicherheit ein.

Eine Beobachtung bestätigen viele Schiri-Kollegen: Hektik kommt meist am Spielfeldrand auf. Trainer und Betreuer, leider auch Eltern, stacheln die Nachwuchs-Kicker erst an. Eine neutrale Zone rund um den Platz, wie in anderen Verbänden und in jüngeren Altersklassen bereits praktiziert, würde durchaus Sinn machen. Warum tut sich ein Schiedsrichter das an? Das Geld ist es jedenfalls nicht, als Junioren-Schiri bekomme ich zwischen 10 und 18 Euro pro Partie (plus Spesen). Aufstiegs-Ambitionen habe ich auch nicht. Es sind die kleinen Gesten: die erfahrenen Referees, die mich zu den ersten Spielen begleitet haben. Die Vereinsbetreuer vor Ort, die die Kabine aufschließen. Und sich manchmal für die schlimmsten Schreier entschuldigen. Fußball ist einfach viel zu geil, um ihn diesen Idioten zu überlassen.

Der Fußball und seine Idioten

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

17.10.2014, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball