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Berlin

Der Geizige einmal als Sympathiefigur

So wie jetzt in Berlin hat man Molières „Geizigen“ noch nie gesehen: als konsumverweigernden System-Aussteiger mit Direktbezug zur Finanzkrise.

25.02.2010
  • CHRISTOPH MÜLLER

Berlin Das Maxim-Gorki-Theater ist das mit Abstand fleißigste, zielgenau jugendpublikums-orientierte Theater der Hauptstadt. Armin Petras lässt zwar nie vergessen, dass man sich in seinem Haus mitten in Berlin-Mitte, also im Osten, befindet, aber die bei ihm in Serie gehenden, schnellfüßigen Klassiker-Bearbeitungen und Uraufführungen sind nicht für die Ewigkeit gedacht, garantieren dafür aber allemale anregende Kapitalismus-Postmoderne nicht nur für den Hausgebrauch. Dies gilt auch für Jan Bosses Uraufführungs-Inszenierung von Peter Lichts „Der Geizige“, ein sarkastisches „Familiengemälde“ sehr frei nach Molière. Geiz ist hier nicht nur geil, sondern das Gegenteil von einer christlichen Todsünde im Sinne eines sich selbst fortpflanzenden Wachstumssystems mit Wohlstand für alle: Alle bekommen zum märchenhaften Happy End alles von allen.

Die Dummen sind dabei die Jungen. Doch vergnügt sich Peter Licht, ein umtriebiger Popmusik-Allrounder, etwas gar zu lustvoll mit dem Parodieren und Karikieren von modischem Jugendjargon - aus Hapargon, dem Geizigen, wird Harpi und auch der Rest seiner paranoiden Familie endet mit verniedlichendem „i“. Der Alte, den sie habgierig beerben wollen, ist die selbstgewisse Gelassenheit in Person und versteht seine den Geldkreislauf in Bewegung bringen wollende Brut nur zu gut. Die heillosen Verteilerkämpfe unter den potenziellen Erben beobachtet er mit diebischer Freude. Dieser Geizige wird so zu einem Sympathieträger. Bei Molière ist das Publikum normalerweise automatisch auf der Seite seiner Opfer.

Jan Bosses Inszenierung in einem perspektivisch zugespitzten Spiegelkabinett, das nur Raum lässt für einen riesigen Esstisch, setzt ganz auf die sich selbst preisgebende Lächerlichkeit der Infantil-Jugend. Die Geschichte kommt, obwohl von Jan Bosse virtuos aufgefächert, nicht so recht vom Fleck, weil jeder mehrmals zu einem monologischen Solo Gelegenheit bekommt.

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25.02.2010, 12:00 Uhr

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