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Der Löwen-Laden ist los

Der Genossenschaftsladen in der Kornhausstraße hat eröffnet

Ein Dorfladen mitten in der Stadt: So etwas gibt es vermutlich nur in Tübingen. Am Donnerstag wurde der genossenschaftlich geführte Nahversorger in der Tübinger Altstadt eröffnet.

02.07.2015
  • Ulrich Janssen

Tübingen. Gerade einmal ein Jahr hat Bruno Gebhart gebraucht, um aus einer verrückten Idee Tübinger Wirklichkeit werden zu lassen. Zum Ausgleich für den verschwundenen Netto-Discount in der Langen Gasse wollte der AL-Stadtrat mit dem mächtigen grauen Bart einen Genossenschaftsladen in der Altstadt eröffnen. Dank der unverhofft starken Unterstützung durch seine Fraktion und Hunderte von Sympathisanten konnte Gebhart den Laden diesen Donnerstag um 10 Uhr tatsächlich eröffnen. Geschafft von der vielen Arbeit in der Vorbereitungsphase, aber auch sichtlich erleichtert meinte er: „Der Himmel lacht, und wir hoffentlich auch bald.“ Knapp hundert Sympathisanten, Genossen und Kunden hatten sich vor der Kornhausstraße 5 versammelt um zu feiern und – erste Einkäufe zu erledigen.

Auf 150 Quadratmetern (zu denen noch 50 Quadratmeter fürs Lager hinzukommen) bietet der neue Laden über 4000 Artikel. In betont sachlich gehaltenem Ambiente wird verkauft, was man fürs tägliche Leben braucht, vom Kaffee über Nudeln, Milch und Gemüse bis hin zu Schnaps, Bier und „perlgenoppten“ Kondomen. Die Auswahl ist, verglichen mit den üblichen Supermärkten, begrenzt. So gibt es statt 20 Zahnpastamarken nur sieben. Aber die Wünsche der Kunden werden trotzdem erfüllt, versprach Rainer Utz von der „utz“ GmbH, einem auf kleine Läden und Tankstellen spezialisierten Großhändler: Das Sortiment werde in den ersten Monaten laufend an die Kundenwünsche angepasst.

Das Grundsortiment enthält klassische Markenprodukte, aber auch die Eigenmarke „Jeden Tag“, die preislich durchaus mit Discountern konkurrieren könne, sowie viele regionale Produkte. Zusätzlich wird der Löwen-Laden jeden Donnerstag mit Sonderangeboten Kunden anlocken. Zum Start gab es Riedlinger Butter für 89 Cent und Barilla-Nudeln für 1,19 Euro. Obst und Gemüse kommen von der Tübinger Gärtnerei Schmid.

Der wichtigste Lieferant ist die Firma „utz“, die das genossenschaftliche Startup auch berät. „utz“ versorgte schon die VGÖD mit Waren, den vor 30 Jahren eingegangenen Vorgänger des jetzigen Geschäfts. Aktuell beliefert der Großhändler rund 1000 Kunden zwischen Stuttgart, München und dem Bodensee. „Es gibt eine Renaissance des Tante Emma-Ladens“, beobachtet Geschäftsführer Utz. „Nähe, Zuverlässigkeit, Vertrauen und Authentizität“, seien Werte, die vor allem bei Kunden auf dem Land wieder gefragt seien.

Dass „bei vergleichsweise hoher Wettbewerbsdichte“ mitten in der Stadt ein Dorfladen aufmacht, ist für den Profi aus Ochsenhausen eine neue Erfahrung. Nach seiner Einschätzung wird das Projekt auf Dauer nur mit ehrenamtlichen Helfern rentabel zu betreiben sein, da die Margen gering seien und in Läden dieser Größe pro Person nicht viel umgesetzt werde. „Im Schnitt kaufen die Kunden für fünf, sechs Euro ein.“

Der allererste, der Geld in die moderne Scanner-Kasse einzahlte, lag etwas drüber, es war der „Genosse Palmer“. Tübingens Oberbürgermeister ist einer der aktuell 450 Genossen, die das Projekt tragen. Zur Eröffnung lobte Boris Palmer, wie schnell in diesem Fall das bürgerschaftliche Engagement zu einem Ergebnis geführt habe („das ging schneller als beim Rathaus-Umbau“), und kaufte dann Milch, Butter, Erdbeer- und Schoko-Joghurt sowie ein Magnum für 9,76 Euro.

Bald schon standen die Kunden in langen Schlangen vor der Kasse. Eine von ihnen war Ingrid Suprayan, eine Altstadt-Bewohnerin und ehemalige „Netto“-Kundin. Mit den Preisen des ehemaligen Discounters könne der neue Laden nicht ganz mithalten, fand sie. Insgesamt sei das Angebot aber okay, die Preise bewegten sich ungefähr auf dem Niveau des Supermarktes im Nonnenmarkt. Was ihr fehle, seien die extrem günstigen Sonderangebote von „Netto“. Allerdings: „Viele von den Sachen hat man in Wahrheit ja gar nicht gebraucht.“

So sah es auch Regina Nill, ebenfalls eine alte Netto-Kundin. „Für eine Familie mit Kindern ist das hier zu hochpreisig“, fand sie. Aber für sie sei es okay: „Ich werde diesen Laden benutzen und freue mich, dass es ihn gibt.“

Für Einkauf, Personalsteuerung und ähnliches ist Marktleiter Mario Schlack zuständig, ein gelernter Einzelhandelskaufmann. Der 31-Jährige leitete zuletzt den Genossenschaftsladen auf dem Herrlesberg, zuvor war er in Reutlingen als Marktleiter für Lidl tätig. Ihm zur Seite steht eine weitere festgestellte Mitarbeiterin. Weil eine Vollzeitstelle noch nicht besetzt werden konnte, müssen ehrenamtliche Helfer und Teilzeitkräfte die Lücke bis auf weiteres schließen.

Auch Bruno Gebhart, der hauptberuflich den „Fairen Laden“ in der Marktgasse betreibt, wird vorerst täglich im Geschäft zu sehen sein. Schließlich ist der Laden von 8 bis 21 Uhr geöffnet, und es müssen immer mindestens zwei zwei Mitarbeiter/innen anwesend sein. Ob man auf Dauer solange öffnen könne, werde man sehen, meinte Gebhart. Kleine Korrekturen nach vorn oder hinten seien denkbar, die Kasse zeige genau, wann die Umsätze getätigt werden. Entsprechend werde man die Zeiten anpassen.

Perspektivisch hat sich der AL-Stadtrat erstmal auf fünf Jahre eingestellt. Solange läuft der Mietvertrag mit der GWG, dem Besitzer der Immobilie. Im Jahr 2020 steht dann die Komplett-Renovierung des traditionsreichen Gebäudes an und in der Folge ein Anstieg des Mietpreises. Acht Euro pro Quadratmeter zahlt die Genossenschaft derzeit. „Das ist üblich, wir werden da nicht subventioniert.“

Info Aktuelle Angebote und Infos zum Löwen-Laden gibt es auch im Internet unter loewen-laden.de

Der Genossenschaftsladen in der Kornhausstraße hat eröffnet
Ein grauer Bart und viele graue Köpfe: Der neue Löwen-Laden ist vor allem für die Älteren ein willkommener Nahversorger. Bei der gestrigen Eröffnung begrüßte Bruno Gebhart (in der Tür) die künftigen Kunden.

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02.07.2015, 12:00 Uhr

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