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Der Himmel hängt voller Müll
1100 Satelliten, die die Erde umkreisen, dazwischen mehr als 20?000 größere und hunderttausende kleinere Überbleibsel der Raumfahrt. Foto: ESA/dpa

Der Himmel hängt voller Müll

Um die Erde fliegen tausende Tonnen Schrott. Er bedroht die Satelliten, die für Navigation, Wettervorhersage, Forschung und Militär wichtig sind. Abhilfe ist nicht in Sicht.

11.10.2016
  • EGBERT MANNS

Ulm. Im erdnahen Weltraum geht es gefährlicher zu als im Straßenverkehr. Zig Millionen Teile rasen unkontrolliert um die Erde, vom mikrometerkleinen Kunststoffsplitter bis zu tonnenschweren ausrangierten Satelliten, Raketenhüllen und -motoren. Das ist Weltraummüll. Er gefährdet die Raumfahrt, weil er Raketen trifft, Sonden, Satelliten, bemannte und unbemannte Kapseln. Die Internationale Weltraumstation ISS steht unter Dauerbeschuss. Dagegen vorzugehen, dazu gibt es Überlegungen. Mehr noch nicht.

7000 Raketen sind seit 4. Oktober 1957 von der Erde ins All gestartet. Von ihren Frachten funktionieren noch die ISS und rund 1100 Satelliten. Die meisten halten sich in 600 und 1500 Kilometern Höhe auf und die, die stets über der gleichen Erdregion stehen, in 36 000 Kilometern Höhe (geostationärer Orbit).

Der Rest, in der Mehrzahl Satelliten und Raketenoberstufen, ist entweder nach unten gesunken und in der Erdatmosphäre verglüht – oder rast weiter im erdnahen Orbit in bis zu 2000 Kilometern Höhe um die Erde. Wegen nicht genutzter Treibstoffreste explodieren immer wieder alte Tanks und Raketenoberstufen, alte Batterien explodieren, Teile stoßen und reiben aneinander, splittern, stoßen gegen andere Teile, splittern …

In sechs Jahren 20 000 Treffer

Allein 500 000 Teile über einem Zentimeter Durchmesser gibt es, schätzen Experten der Nasa aufgrund der Beobachtungen mit dem Haystack-Radar des MIT-Lincoln-Labors seit 1990. Die Europäische Raumfahrtagentur Esa kommt auf 700 000 Teile. Das meiste rast mit 7 Kilometern pro Sekunde, das sind 26 000 Stundenkilometer.

In dem Tempo ist es egal, ob ein Teilchen aus Kunststoff oder Stahl besteht, wenn es auf etwas aufprallt. Es richtet Schaden an. So hat der Nasa-Forschungssatellit LEDF mehr als 20 000 Aufschläge aufgewiesen, nachdem er im Januar 2009 zur Erde zurückgebracht wurde. Das 9,20 Meter lange und 4,30 Meter breite Teil war knapp sechs Jahre lang in 330 bis 580 Kilometern Höhe um die Erde geflogen.

Ein Teilchen hat dieses Jahr einen sieben Millimeter-Sprung in ein Fenster der ISS geschlagen. Achtmal ist die ISS größeren Teilen ausgewichen. Die Space Shuttles der USA brauchten wegen Einschlägen dauernd neue Fenster. Ein Solarzellenflügel an der ISS riss vor neun Jahren, weil Drähte von einem Partikel zerstört worden waren.

Teleskope der Nasa und des US-Militärs können Objekte von einem Zentimeter Größe aufwärts im erdnahen Raum entdecken, unterhalb von 2000 Kilometern Höhe. Darüber, bis zum geostationären Orbit, müssen die Objekte 10 bis 15 Zentimeter groß sein, damit sie entdeckt werden können. Von 21 000 solcher Objekte sind die Bahnen bekannt. Die meisten treiben in 700 bis 900 Kilometern Höhe, dort, wo sich Aufklärungssatelliten normalerweise aufhalten.

Einen Teil des Schrotts produzieren die Raketen- und Satellitenhersteller selbst. Ein Beispiel: Am 27. März hat die russische Proton-Oberstufe wie üblich einen Hilfsmotor ausgestoßen, bevor sie einen Satelliten mit ihrer letzten Zündung auf seine Bahn brachte. Der Motor treibt in einer elliptischen Bahn um die Erde, mit 18 786 Kilometern als höchster und 709 Kilometern als niedrigster Höhe.

Solcherart Müll fällt konstruktionsbedingt an. Ein großer Teil des Mülls jedoch stammt aus einem Verkehrsunfall: Am 10. Februar 2009 sind der russische Kommunikationssatellit „Cosmos 2251“ und der US-Kommunikationssatellit „Iridium 33“ in 790 Kilometern Höhe kollidiert. Immer noch kreisen 1500 von anfänglich 2300 größeren Trümmern um die Erde, dazu zehntausende Splitter.

Den Vogel in Sachen Weltraummüll hat China abgeschossen, und das wortwörtlich: Als der 1999 gestartete Wettersatellit „Fengyun-1C“ ausgedient war, fiel Chinas Regierung nichts Besseres ein, als ihn einer Mittelstreckenrakete testhalber zum Ziel vorzuwerfen. Mit Erfolg. Allein dieser Treffer am 11. Januar 2007 bescherte dem Erdorbit 3428 Trümmer von mehr als 10 Zentimetern Größe. 2880 davon kreisen noch um die Erde. Dazu mutmaßlich 150 000 kleinere Splitter.

Müll vermeiden, aber wie?

Die zivile Raumfahrtindustrie geht dazu über, Raketen und Satelliten so zu bauen, dass sie nach Gebrauch nicht ewig durch den Orbit irren, sondern spätestens 25 Jahre nach dem Abschalten abgestürzt sind. Das ist zumindest im Westen Common sense.

Die EU hat 2008 einen Verhaltenskodex aufgestellt. Er liegt allerdings immer noch nur im Entwurf vor. Staaten, die ihn unterzeichnen, verpflichten sich, alles zu tun, um Weltraummüll zu vermeiden. Sogar die USA stimmen dem Code im Prinzip zu. Das US-Verteidigungsministerium lobt ihn sogar – speziell dafür, dass er unverbindlich ist.

Möglicherweise wird es aber das Militär sein, das ein Müllvermeidungskonzept durchdrückt. Denn „ein Zusammenstoß mit einem 10 Zentimeter großen Objekt würde einen normalen Satelliten katastrophal beschädigen“, heißt es in einem Bericht des Wissenschaftlichen Dienstes des US-Kongresses vom 8. Januar 2014. Die Darpa, ein Forschungsinstitut des US-Militärs, schlägt deshalb vor, wenigstens die großen Teile aus dem Orbit zu entfernen, damit deren Kollisionen nicht weitere Müllwolken produzieren.

Wie auch immer: Was nicht in der Atmosphäre verglüht, fällt irgendwo auf die Erde. Eine späte Strafe für sorglose Raumfahrt.

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11.10.2016, 06:00 Uhr

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