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Gewaltsam, gewaltig: "Salome" von Richard Strauss

Der Horror dieser Welt

Opern-Horror in Spielfilmlänge. Ein auch musikalisch mitreißendes Stück über die kranke, gewalttätige Welt: "Salome" in Stuttgart. Danach muss der Zuschauer erst mal tief durchatmen. Und jubelt.

24.11.2015
  • JÜRGEN KANOLD

Krank, einfach nur krank: die superreiche Herrscherfamilie in ihrer videoüberwachten Villa und die ganze westliche Welt. Durch und durch pervers, gewalttätig. "Zu meiner eigenen Lust will ich den Kopf des Jochanaan", singt Salome - trotzig, kühl, verzückt. Und weil Stiefvater Herodes ihr das versprochen hat als Gegenleistung fürs Sexspiel, wird jetzt brutal enthauptet. So, wie es auch die Henker des "Islamischen Staates" tun und medial herrlichen und verbreiten.

Es war 1905, im Uraufführungsjahr der "Salome", ein Skandal, als die biblisch-mythologische, so grausame wie erotische Frauenfigur den auf dem Silbertablett servierten Kopf des Jochanaan küsste. Die pure décadence. Dass diese Oper einem auch 110 Jahre später mitreißen kann, liegt gewiss an der verstörend faszinierenden Musik des Richard Strauss - aber dem Russen Kirill Serebrennikov gelang jetzt auch eine packende, aktuelle Inszenierung, die Salomes schockierende Gewalttat nicht nur psychologisch aus dem familiären Umfeld heraus erklärt, sondern ebenso politisch anklagend kommentiert.

Salome jedenfalls ist in Stuttgart keine Femme fatale, keine Männer verschlingende, hysterische Frauengestalt, sondern ein Mädchen, das völlig realitätsfrei in der eigenen Manga-Welt lebt, nur Bilder konsumiert. Während sich der auf sie geile Sicherheitsbeamte Narraboth (Gergely Németi) selbst verstümmelt, schaut sich Salome ein Zeichentrick-Video an, in dem Köpfe in der Kürbisform zurecht geschlachtet werden.

Ach ja, so könnte man das für Halloween doch auch mit diesem seltsam abweisenden Jochanaan machen? Der berühmte Schleiertanz? Salome kommt herbei als Cosplayerin im Engelchenkostüm und freut sich aufs Geschenk, das Herodes mitbringt: eine Glitzermaske. Der abgeschlagene Kopf wäre allerdings noch besser - und den kriegt sie am Ende auch und packt ihn ein in die Schleifchenkiste. Ein Double trägt diese trepphoch, himmelwärts. Ein böses Märchen. Nein, diese extrem enthemmte Salome - ein starkes Rollendebüt von Simone Schneider, kraftvoll klar, nie megärenhaft gesungen - ist höchstens reif für die Kinderpsychiatrie.

Serebrennikov macht andere verantwortlich: In einem weitläufig modernen Wohnzimmer, das nichts anderes ist als ein greller Raum der Gewalt (Bühne: Pierre Jorge Gonzalez), flimmern TV-Nachrichten. Fortwährend "Breaking News": Kriege, Katastrophen, Bilder der Gewalt. Herodias (Claudia Mahnke) vergnügt sich mit Chippendale-Helden, die in den Pausen auch miteinander ins Bett gehen. Ihr Mann Herodes - Matthias Klink als höchst gefährlicher Biedermann - ist sowieso auf alles scharf, nicht nur auf Salome. Eine Party mit Exzessen.

Aber dann stört fortwährend dieser gefangen gehaltene Jochanaan: Der geißelt das lästerliche Treiben, kündigt den christlichen Messias an. Regisseur Serebrennikov aber zeigt Jochanaan als einen Moslem in Guantanamo-Orange, den die Schergen des Herodes misshandeln - und später enthaupten. Arabische Schriftzeichen überblenden die Szenerie. Und beim Schleiertanz mit TV-News und einer lächelnden Angela Merkel stript und verführt eben nicht Salome. Es kommen nur mit einem Bikini bekleidete Frauen herein, wie vom Escort Service. Aber auch eine Muslima in der Burka, ausgerechnet im Ganzkörperschleier. Dem Publikum stockt der Atem: Nein, sie entblättert sich nicht provokant, sie geht auch verschleiert wieder ab. Man muss das klar sagen: Auf der Anklagebank in Serebrennikovs "Salome" sitzt der dekadente Westen - historisch bedingt, werktreu gewissermaßen.

Der Russe inszeniert das streitbar, brutal, aber durchdacht. Der Zuschauer nimmt auch hin, dass die Figur des Jochanaan für die arabische Allegorie im Sinn verfremdet und aufgespalten ist: in den Körper (Yasin El Harrouk) und die Stimme - der Bariton Iain Paterson im schwarzen Anzug singt das mit imposanter Heldenstatur.

Rohe Gewalt auf der Bühne, aber ebenso aus dem Graben: Diese "Salome" packt einen auch musikalisch. Heavy Metal in der Oper. Roland Kluttig dirigiert streng, in den Emotionen wühlend, laut. Nichts Verklärendes, ein unsentimentaler Strauss des fast tadellosen Staatsorchesters. Aber Kluttig lässt die Melodien und die hypernervösen Farben wirken. Und die Violinen erwischen den Zuhörer mit schmerzlichster Süße. Es ist ja eine großartige Musik. Was dann auch eine Pointe ist, eine Anklage: dass sich der Richard-Strauss-Liebhaber diesem wilden, faszinierenden Klangrausch des Abendlandes hingeben kann - trotz dieser so schrecklichen, gewalttätigen Story.

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24.11.2015, 08:30 Uhr | geändert: 24.11.2015, 06:01 Uhr

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