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Geldquellen der Gewalt

Der IS finanziert sich durch Öl, Wegzölle, Kidnapping und superreiche Helfer

Vor zwei Jahren waren seine Krieger noch ein abtrünniger Ableger des Al-Kaida-Netzwerkes. Heute ist der "Islamische Staat" die mächtigste und reichste Terrororganisation der Welt.

17.11.2015
  • MARTIN GEHLEN

Die globale Propagandamaschine des IS mobilisiert Radikale auf allen Kontinenten. In zahllosen Sprachen brüsten sich die Dschihadisten auf Twitter und Facebook mit Enthauptungen, Massenhinrichtungen und Kreuzigungen - eine bestialische Brutalität, zu der selbst ihre früheren Al-Kaida-Chefs in Afghanistan auf Distanz gingen. Die Henker schneiden Gefangenen vor laufender Kamera die Köpfe ab, überrollen ihre Opfer mit Panzern oder verbrennen sie bei lebendigem Leib in Käfigen. Jesidische Frauen wurden zu Tausenden verschleppt und als Sex-Sklavinnen an verdiente Kämpfer verkauft.

Der IS finanziert sich durch Öl, Wegzölle, Kidnapping und superreiche Helfer
Millionengeschäfte mit Öl aus eroberten Fördergebieten in Syrien und dem Irak machen die Führer des "Islamischen Staates" nach Expertenschätzungen jedes Jahr. Foto: afp

Seit Anfang vergangenen Jahres haben sie in der syrischen Provinzstadt Rakka ihr Hauptquartier. Im Juni 2014 gelang es wenigen hundert Kämpfern, im benachbarten Irak die Zwei-Millionen-Metropole Mossul im Handstreich zu nehmen. "Wir kennen keine Grenzen, wir kennen nur Fronten", hieß ihr Motto. Bald standen die Dschihadisten auch vor Erbil und Bagdad, doch dann häuften sich die Rückschläge. Aus Tikrit und Kobane wurden sie nach heftigen Kämpfen vertrieben, vergangene Woche auch aus der strategisch wichtigen Kleinstadt Sinjar, deren Überlandstraße die beiden IS-Zentren Rakka und Mossul verbindet. Im Gegenzug gelang es den Gotteskriegern, im Westen des Irak die gesamte Anbar-Provinz mit den Städten Ramadi und Falludscha in ihre Gewalt zu bringen. In Syrien schossen sie sich durch die Eroberung von Palmyra den Weg in Richtung Damaskus frei.

Ideologisch ist die Anziehungskraft des "Islamischen Staates" ungebrochen, so dass er sich parallel zu seinem Kalifats-Territorium in Syrien und Irak immer mehr zu einem transnationalen Terrorimperium entwickelt. Drei Dutzend Extremistengruppen in 18 Staaten haben dem selbsternannten Kalifen Abu Bakr al-Bagdadi bislang die Gefolgschaft geschworen, darunter Kommandos in den südlichen Mittelmeerstaaten Algerien, Tunesien, Libyen und Ägypten. Der IS-Ableger "Provinz Sinai" steht im Verdacht, vor zwei Wochen eine russische Urlaubermaschine mit 224 Passagieren zerstört zu haben, die auf dem Weg von Sharm el Scheich nach St. Petersburg war.

Die Kämpfer des "Islamischen Staates" sind gut trainiert und kriegserfahren, die Zahl der willigen Selbstmordattentäter ist beispiellos. Nach Schätzungen von Brüssel kämpfen 6000 Europäer in ihren Reihen, darunter 25 ehemalige Bundeswehrsoldaten. Aus den arabischen Staaten stammen mindestens 20 000 Extremisten, die größten Kontingente aus Tunesien, Saudi-Arabien und Marokko - inzwischen aber auch aus dem Kaukasus und den ehemaligen Sowjetrepubliken Zentralasiens. Die Gesamtstärke der Terrormiliz wird auf 50 000 Mann geschätzt, andere Quellen sprechen sogar von 100 000. Geworben werden die Gotteskrieger im Cyberspace und in radikalen Moscheen. Nach einer Studie der renommierten Brookings Institution verfügt der IS über 45 000 bis 70 000 Twitterkonten, die jeweils im Schnitt 1000 Follower haben.

Das Vermögen der Terrormiliz schätzen westliche Geheimdienste auf mehr als zwei Milliarden Dollar. Die USA und Europa verdächtigen superreiche Privatleute, salafistische Stiftungen und Moscheevereine aus Kuwait, Katar, den Emiraten und Saudi-Arabien, die Gotteskrieger zu finanzieren. Die saudische Regierung dagegen versichert, die Geldflüsse seien inzwischen gestoppt. Alle Bankkonten würden auf verdächtige Bewegungen geprüft. "Gibt es mehrere hohe Einzahlungen von verschiedenen Personen, gehen wir der Sache nach", erklärte General Mansour Al-Turki, Sprecher des Innenministeriums.

Bedingtes Lob kam vom renommierten "Washington Institute für Near East Policy". Der Eindruck sei falsch, dass das Königreich nichts tue, um private Spenden an Terrorgruppen zu unterbinden, heißt es in einer Studie. Die sichtbarste Aktion sei die Überwachung des Bankensektors, um verdächtige Transaktionen zu blockieren. Doch das reiche nicht aus, weil ein beträchtlicher Teil des Geldes nach wie vor in bar transferiert werde, lautete das Fazit der US-Experten. "Riad könnte wesentlich mehr tun, um private Spenden zu begrenzen."

Darüber hinaus verfügt der IS längst über andere Einnahmequellen. Die Terrorführer verkaufen Öl aus eroberten Fördergebieten in Syrien und im Irak, betreiben Kidnapping und Schutzgelderpressung in einem geradezu industriellen Maß. Unternehmen müssen Wegzölle entrichten, die zehn Millionen Untertanen zahlen Steuern. Nach einer Studie der amerikanischen Rand-Stiftung nimmt der IS allein durch Erpressung und Steuern im Jahr 400 Millionen Dollar ein. Hinzu kommen 500 Millionen aus dem Verkauf von Erdöl über türkische, irakische und kurdische Mafiabanden. Dreistellige Millionenbeträge fließen obendrein durch den Schmuggel mit geraubten Antiquitäten. Washington kalkuliert die Öl-Produktion der Terrormiliz auf 40 000 bis 50 000 Barrel pro Tag.

Auch die Dschihadisten führen peinlich genau Buch. Ihr "Finanzministerium" bezifferte die Zahl seiner Ölquellen jüngst auf 253, von denen 161 in Betrieb sind. Selbst die mehr als 6000 alliierten Luftangriffe konnten das blühende Geschäft bisher nicht zum Erliegen bringen. Allerdings gelang es jetzt einem US-Kampfflugzeug nahe der ostsyrischen Stadt Deir Ezzor, mit einem Streich 116 IS-Tanklaster in die Luft zu sprengen.

  • Finanzen Die G20-Staaten, die Gruppe der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer, haben gestern bei ihrem Treffen in der Türkei Maßnahmen gegen den IS-Terror beschlossen. Dazu zählen die stärkere Zusammenarbeit und der Informationsaustausch beim Einfrieren des IS-Vermögens, die Strafbarkeit der Terrorfinanzierung sowie Sanktionen gegen Staaten, die mit Terrorismus und Terrorfinanzierung verbunden sind.
  • >Sicherheit Außerdem wollen die G20 enger zusammenarbeiten, um die Bewegungsfreiheit von Terroristen einzuschränken. Intensiviert werden soll der Informationsaustausch über mögliche Reiseaktivitäten. Darüber hinaus soll der Grenzschutz verbessert werden, ebenso die Sicherheit im Luftverkehr.
  • >Propaganda Auch im Kampf gegen terroristische Propaganda im Internet wollen die Staaten eng zusammenarbeiten, um der Radikalisierung entgegenzuwirken. Gleichzeitig will man die Zivilgesellschaft in der Abwehr von gewalttätigem Extremismus unterstützen. Die G20 betonen, im Kampf gegen den Terror internationales Recht und die UN-Konventionen für Menschen- und Flüchtlingsrechte einzuhalten. dpa
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17.11.2015, 12:00 Uhr

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