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Rauchwolke am Himmel

Der Ihlinger Albrecht Dietz über seine Reise ins Konfliktgebiet Westjordanland

Als er die Reise geplant hat, war nicht abzusehen, dass sich die Situation im Nahen Osten so zuspitzt. Dennoch war der Ihlinger Albrecht Dietz (48) bis Ende vergangener Woche in der Begegnungsstätte „Tent of Nations“ im Westjordanland. Im Interview spricht Dietz über Detonationen in seiner Nähe, die Berichterstattung der Medien hierzulande und den Umgang der Menschen mit der Bedrohung.

17.07.2014
  • Interview: Vincent Meissner

SÜDWEST PRESSE: Herr Dietz, wann haben Sie zum ersten Mal direkt etwas mitbekommen von den kriegerischen Auseinandersetzungen?

Albrecht Dietz: Man hat schon seit ein paar Tagen gemerkt, dass sich die Lage zuspitzt. Im Land herrscht eine sehr aufgeladene Stimmung. Am Dienstagabend haben wir das Fußballspiel Deutschland gegen Brasilien in unserem Hotel in Bethlehem in der Lobby angeschaut. Und dann hat es auf einmal einen richtig lauten Knall getan. Die Palästinenser, die mit uns da gesessen sind, haben gleich gesagt, dass es genau so klingt, wenn eine Rakete abgefangen wird. Im Nachhinein haben wir mitbekommen, dass es über Jerusalem passiert ist. Das ist Luftlinie vielleicht fünf Kilometer entfernt.

Bei einem Ausflug nach Ostjerusalem gab es eine weitere brenzlige Situation. Wie kam es dazu?

Ich wollte unbedingt in diese faszinierende Stadt. Aber schon auf dem Hinweg haben wir gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Wir sind eine Stunde am Checkpoint gestanden, ohne dass sich was getan hätte. Relativ spät sind wir dann doch noch in die Stadt gekommen. Als wir gerade in der Nähe der Klagemauer herumgelaufen sind, ging der Raketenalarm los. Das war schon heftig, dieser schrille Sirenenton, der aus allen Richtungen kam.

Was ist dann geschehen?

Die Sicherheitskräfte haben uns alle in einen Schutzraum in einer überdachte Gassen gelenkt. Neben uns haben eine paar Frauen gebetet. Wir sind da vielleicht zwei, drei Minuten drinnen gewesen. Und wir sind extra am Eingang geblieben, weil ich zu meinem Kollegen gesagt habe, wenn es hier Panik gibt, will ich nicht irgendwo in der Mitte stehen. Aber alle waren unheimlich besonnen. Dann haben wir eine Detonation gehört. Ein dumpfer Schlag, den die Luftabwehr-Rakete verursacht hat. Und nach fünf Minuten durften wir wieder raus. Und dann ging das Leben weiter wie vorher. Nur, dass die Menschen etwas aufgeregter miteinander gesprochen haben. Und am Himmel sah man noch die Rauchwolke, an der Stelle, an der die Rakete abgeschossen wurde.

Was haben Sie vom israelischen Bombardement mitbekommen?

Wir selbst nichts. Aber die freiwilligen Helfer aus aller Herren Länder im „Tent of Nations“ erlebten eine schlaflose Nacht. Vom Hügel dort oben sieht man bis zum Gazastreifen, den die israelische Armee unter Beschuss genommen hatte. Die Helfer hatten dort eine Silvesternacht der anderen Art.

Haben Sie vor der Reise darüber nachgedacht, nicht zu fliegen?

Wir haben die Flüge vor zwei Monaten gebucht, da war die aktuelle Entwicklung noch nicht abzusehen, weswegen wir uns schon überlegt haben, ob wir fliegen sollen. Wir haben uns dann über die Lage informiert, unter anderem auf der Internetseite des Auswärtigen Amtes. Die Reisewarnungen dort betreffen jedoch in erster Linie den Gaza-Streifen. Deshalb sind wir geflogen. Von Stuttgart über Istanbul nach Tel Aviv.

Hatten Sie keine Angst?

Ich war eher gespannt, was da auf mich zukommt. Mein Kollege ist auch sehr erfahren. Aber trotzdem wussten wir die Situation nicht richtig einzuschätzen. Der Nachrichtenfluss dort ist auch nicht so wie bei uns. Andererseits habe ich auch das Gefühl, dass die ganze Sache bei uns überspitzt dargestellt wird. Über meine Frau habe ich ja mitbekommen, was so gemeldet wurde.

Also täuscht die Berichterstattung hierzulande?

Ja, es ist ganz anders, als es hier in den Medien rüberkommt. Da hat man ja den Eindruck, im ganzen Land herrscht Krieg, was allerdings nicht der Fall ist.

Was bedeutet aus Ihrer persönlichen Perspektive diese neuerliche Gewalt für den Friedensprozess im Nahen Osten?

Die Situation kann man ganz schwer beurteilen. Die kleinste Kleinigkeit reicht, schon sind die Ängste da. Es herrscht ein unheimliches Misstrauen auf beiden Seiten. Das sitzt so tief, dass es kaum eine Lösung gibt. Und die Leidtragenden dieses Konflikts sind leider wieder die Schwächsten in der Gesellschaft, die Frauen und Kinder.

Auch Ihre Rückfahrt nach Tel Aviv verlief nicht reibungslos.

Ja, schon der Checkpoint nur einen halben Kilometer entfernt von unserem Hotel war komplett geschlossen. Also mussten wir durch Bethlehem durchfahren. Als wir den Mietwagen ein Stück entfernt vom Flughafen abgestellt hatten, kam der erste Raketenalarm und nach der Sicherheitskontrolle dann der nächste. Die Hamas schießt Raketen bevorzugt auf Tel Aviv, um dort den Flugverkehr zu stören. Da haben die Sicherheitskräfte kurz die sonst sehr belebte Aufenthaltshalle geräumt und die Menschen in die Seitengänge gedrängt. Aber es ging alles gut und wir sind heil ins Flugzeug gekommen. Die Maschine auf dem Rückflug war übrigens viel größer als die auf dem Hinflug. Ich schätze mal, die Fluggesellschaft hat den Flug völlig überbucht und dann eine größere Maschine gebraucht, weil doch ein paar Leute mehr schnell raus wollten aus Israel.

Info: Albrecht Dietz ist Techniklehrer an der Horber Gemeinschaftsschule und will gemeinsam mit seinen Sindelfnger Lehrer-Kollegen Jörg Jud und Markus Stahl helfen, im „Tent of Nations“ die Vision einer Berufsschule wahr werden zu lassen. Über dieses Projekt berichten wir in einer unserer nächsten Ausgaben.

Der Ihlinger Albrecht Dietz über seine Reise ins Konfliktgebiet Westjordanland
Alle ganz besonnen: Dieses Bild hat Albrecht Dietz in Ostjerusalem gemacht, als er in einem Schutzraum auf das Ende des Rakenalarms wartete.

Der Ihlinger Albrecht Dietz über seine Reise ins Konfliktgebiet Westjordanland
Albrecht Dietz Bild: Spiekermann

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17.07.2014, 12:00 Uhr

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