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Vielleicht ist die Lösung, einmal aufzuhören, danach zu fragen

Der Journalist Johannes Gerloff lebt in und schreibt über Israel

Johannes Gerloff ist Journalist und lebt in Jerusalem. FLUGPLATZ-Mitarbeiterin Jael Gerloff, seine Nichte, hat ihn nach seiner Meinung, seinen Aufgaben und Ideen zur jetzigen Situation im Nahen Osten befragt.

10.07.2012

Wie lange bist du schon in Israel?

Wir leben als Familie seit 1994 in Jerusalem. Aber den Nahen Osten mit Schwerpunkt Israel habe ich seit 1983 bereist und immer wieder längere Zeitabschnitte hier gelebt.

Was ist deine Aufgabe dort?

Seit 1999 arbeite ich als Korrespondent des Christlichen Medienverbundes KEP und der Nachrichtenagentur Israelnetz. In diesem Rahmen schreibe ich für ganz unterschiedliche Zeitungen in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Tschechien.

Was fällt dir zum Stichwort „Nahostkonflikt“ als erstes ein?

Klischees und Stereotypen, die eine sachliche Beurteilung erschweren, wenn nicht gar verhindern.

Welche Rolle spielt die Religion in diesem Konflikt?

Eine sehr große. Ohne religiösen Antrieb gäbe es heute wohl kein jüdisches Volk mehr und hätte dieses Volk in den vergangenen 150 Jahren wohl auch keine Heimat ausgerechnet in dieser Gegend gesucht. Und ohne Religion ist der Hass der arabischen und islamischen Welt auf das jüdische Volk und seinen Anspruch auf das Land zwischen Mittelmeer und Jordan nicht zu erklären.

Wer sind „die Siedler“?

Israelis aller sozialen und religiösen Prägungen,[...] die sich aus ganz unterschiedlichen Gründen dafür entschieden haben, in den Gebieten zu wohnen, die vor 1967 zu Jordanien gehört haben. Insgesamt sind das etwa 600 000 Menschen, also fast zehn Prozent der Bevölkerung Israels.

Was ist die „Hamas“?

Die „Islamische Widerstandsbewegung“, im Arabischen heißt die Abkürzung „Hamas“, die aus der ägyptischen Muslimbruderschaft hervorgegangen ist und im Januar 2006 mit überwältigender Mehrheit die ersten freien Wahlen unter der palästinensischen Bevölkerung gewonnen hat. Sie ist der palästinensische Zweig der Bewegung, die zurzeit als „Muslimbrüder“ oder auch „Salafiten“ im Rahmen des Arabischen Frühlings die Arabische Welt demokratisch „erobert“.

Wer sind die „Ultraorthodoxen“?

Juden, die ihre Tradition sehr ernst nehmen und ihr Leben daran ausrichten wollen. Manche von ihnen lehnen den Staat Israel strikt als „Gotteslästerung“ ab und bezeichnen die Zionisten als „Zionazis“. Aber es gibt auch Ultraorthodoxe, die dem Staat Israel sehr loyal gegenüber stehen und Militärdienst leisten.

Und überhaupt: Wer ist als Gruppe wichtig in Israel?

Noch viel mehr Gruppen als die hier genannten. Die jüdische Bevölkerung ist aus über 120 Ländern eingewandert und repräsentiert ein sehr breites kulturelles und religiöses Spektrum. 1,5 Millionen von 7 Millionen Israelis sind übrigens Araber, die meisten Muslime. Manche sind sehr lautstarke Gegner des jüdischen Staates. Andere wählen zionistische Parteien, lassen sich in zionistische Parteien wählen, leisten Wehrdienst und sind in allen Schichten und Parteien von Politik und Gesellschaft bis in die höchsten Ränge vertreten.

Gibt es eine Lösung?

Vielleicht ist die „Lösung“, einmal aufzuhören, nach einer Lösung zu fragen?! Wir haben uns in Europa entschieden, Grenzstreitigkeiten und nationalistische Auseinandersetzung ungelöst zu lassen und ein gemeinsames Europa aufzubauen. Warum schlägt das niemand für Nahost vor? Ansonsten sehe ich keine Lösung, weil es hier letztendlich nicht um Lebensraum oder Selbstbestimmung geht, sondern um sehr tief verwurzelten, ganz unterschiedlich motivierten Hass.

Ist es deiner Meinung nach wichtig, hier persönlich Position zu beziehen?

Wir sind in Deutschland viel zu schnell dabei, eine Position zu beziehen. Viel wichtiger ist meiner Meinung nach, sich zu informieren und wirklich zu verstehen, wie die Menschen hier denken, bevor wir eine Position zu beziehen. Und warum muss man eigentlich immer eine Position beziehen?

Kannst du ein paar Sätze zum Thema „Mauer“ sagen?

Das ist schwer, nur „ein paar Sätze“ zum Thema „Mauer“ zu sagen, weil damit vor allem aus europäischer Sicht so viele Emotionen verbunden sind. „Mauer“ ist übrigens erklärtermaßen ein Propagandabegriff, wie auch der Begriff „Zaun“, obwohl „die Mauer“ zu mehr als 90 Prozent aus „Zaun“ besteht…, weshalb Journalisten, die das bemerkt haben, vom „Sperrwall“ oder der „Barriere“ sprechen.

Was macht die Mauer mit den Menschen?

Sie trennt Menschen. Sie schränkt ihre Bewegungsfreiheit ein. Sie hinterlässt einen sehr hässlichen, bedrückenden Eindruck. Aber sie bietet auch Sicherheit, und – weil sie Extremisten das terroristische Handwerk gelegt hat – auch wirtschaftliche Entfaltungsmöglichkeiten. „Die Mauer“ dürfte einen entscheidenden Teil dazu beigetragen haben, dass in der Palästinensischen Autonomie in den vergangenen Jahren ein Wirtschaftswachstum von acht bis elf Prozent zu verzeichnen ist. Das bedeutet jetzt allerdings nicht, dass sie nicht viele negative Auswirkungen auf die Menschen auf beiden Seiten hat.

Wann wird es endlich einen Palästinenserstaat geben?

Wenn die Palästinenser den wollen. Tatsache ist heute, dass Israel einen Palästinenserstaat will, um die Palästinenser los zu werden, während die Palästinenser aus ganz unterschiedlichen Gründen keinen Staat mehr wollen. Wichtiger als die Frage, ob es einen Palästinenserstaat geben wird, und wann, ist wohl die Frage, was jemand mit „Palästinenserstaat“ meint. Einen Palästinenserstaat, der so unabhängig ist, als gäbe es kein Israel, wird es nie geben. Dazu ist das Land viel zu klein und die Menschen sind viel zu sehr aufeinander angewiesen.

Gibt es noch etwas Wichtiges, was ich zu fragen vergessen habe?

Es gäbe noch viel zu fragen und viel zu sagen. [...] Aber ich hätte auch Gegenfragen. Etwa: Warum interessiert man sich in Deutschland eigentlich so sehr für Israel und seinen Konflikt mit den Palästinensern? Warum sind andere Konflikte im Nahen Osten, die seit Jahrzehnten toben und weit mehr Todesopfer gefordert haben, so wenig interessant? Warum hat man in Deutschland so feste, vorgefasste Meinungen und so wenig kontroverse Diskussionen im Blick auf den israelisch-arabischen Konflikt? Warum habe ich das Gefühl,[...] dass man die Probleme hier in dieser Region unverhältnismäßig aufbauscht, übertreibt, und viel emotionaler und schwarz-weiß denkender ist, als die Leute hier? Warum bemühen wir uns nicht viel mehr um Ausgleich – oder sehen gar nicht, dass unser Einfluss oft polarisierend und radikalisierend wirkt? Diese meine Fragen sind kein Vorwurf, sondern echte Fragen, weil die meisten Deutschen, denen ich begegne, eher für Ausgleich und ein Miteinander sind als für Konfrontation und Trennung.

Fragen: Jael Gerloff, 16

Der Journalist Johannes Gerloff lebt in und schreibt über Israel
Johannes Gerloff

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10.07.2012, 12:00 Uhr

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