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Der Kaplan des Krieges
Mit Messstola über dem Kampfanzug: Frontkaplan Jewgeni Wloch. Foto: Stefan Scholl
Jewgeni Wloch ist Frontgeistlicher der ukrainischen Armee im Donbass

Der Kaplan des Krieges

Im Donbass herrscht Sitzkrieg. Viel Bewegung ist nicht an der Front, aber es wird weiter geschossen, gestorben und gebetet. Auch der ukrainische Feldgeistliche Vater Jewgeni träumt bisher nur vom Frieden.

01.04.2016
  • STEFAN SCHOLL

Die Straßen im Frontgebiet der Ostukraine sind leer, der Asphalt zerlöchert. Wieder taucht ein Blockposten auf, Vater Jewgeni winkt den Soldaten, geht aber kaum vom Gas, sein Fiat Kombi tanzt im Slalom zwischen den Stahlkanten der spanischen Reiter umher. "Ich liebe Autofahren", ruft er. Die Soldaten gaben Vater Jewgeni als erstes den Kriegsnamen "Schumacher", weil er so gern schnell Auto fährt.

Einmal, sagt er lächelnd, habe er auf dem Weg zur Front im Auto geschlafen, im Traum sei ihm das Antlitz Christi erschienen und habe ihn gefragt: "Bist du bereit zu mir zu kommen?" - "Nein, nein, Herrgott, ich bin nicht bereit, ich habe zwei kleine Kinder und noch so viel zu tun", beteuerte der Priester im Traum. "Ich will leben."

Jewgeni Wloch, 37, ist griechisch-katholischer Feldgeistlicher an der Waffenstillstandslinie im Donbass. Ein kräftiger Mann mit Meckifrisur, nur der Schriftzug "Kapelan" über der Brusttasche seines khakifarbenen Kampfanzuges kennzeichnet ihn als Priester. Und das blasse Stoffkreuz daneben.

Bis zum Krieg im Donbass waren in der ukrainischen Armee keine Feldgeistlichen vorgesehen, inzwischen gibt es nach Angaben des Portals Skinija 334 Planstellen. Aber ihre tatsächliche Zahl schwankt, viele Seelsorger dienen freiwillig, auch Vater Jewgeni pendelt mit dem Segen seines Erzbistums zwischen Krieg und Frieden: sechs Wochen bei der kämpfenden Truppe, sechs bis acht Wochen zu Hause. Ohne Rang oder Sold.

Jewgeni ist ein sehr praktischer Frontseelsorger. Jedes Mal, wenn er aus seiner 1400 Kilometer entfernten westukrainischen Gemeinde an die Front zurückkehrt, ist sein Kombi vollgepackt. Er bringt bis zu sechs Tonnen Uniformstücke, Schutzwesten, Medikamente und Bücher mit, die er besorgt hat, aber auch Nachtsichtgeräte, Feldstecher, selbst Scharfschützengewehre. Er hat seinen Soldaten auch eine Tischtennisplatte organisiert und ein Poolbillard. "Gott will durch mich das Gute zu ihnen bringen", sagt er.

Ein Großteil der Soldaten an der Donbassfront kommt aus dem Osten des Landes und gehört zur Russisch-Orthodoxen Kirche, dazu gesellen sich Protestanten, Muslime und Juden, auch einige erklärte Heiden. "Ein MG-Schütze", seufzt Vater Jewgeni, "hat sich den Kodenamen ,Atheist zugelegt."

Aber Vater Jewgeni ist überall beliebt. Die Soldaten und Offiziere begrüßen ihn grinsend mit Handschlag. Ein junger Kommandeur holt sich etwas drucksend Rat für die Züchtigung eines Kämpfers, der sich sinnlos besoffen hat: "Ob es den moralischen Regeln entspricht, wenn wir ihm eine Tracht Prügel verpassen?" - "Alles, was hilft," antwortet der Kaplan, "ist erlaubt." Auf der von Schlaglöchern zerrissenen Trasse kommt uns ein Lada Niwa entgegen.

Jewgeni bremst, auch der Niwa, der mit für Tarnfarbe viel zu grellem Ostereigrün gestrichen ist, hält an. Ein athletischer Kämpfer springt heraus, grinst verwegen wie der junge Clint Eastwood und umarmt den Priester. Er heißt Bogdan und ist als "Der Durchgeknallte" im ganzen Frontabschnitt berühmt.

Der Scharfschütze war wegen eines Magendurchschusses ausgemustert worden, er kam mit gezückter Handgranate ins Rekrutierungsamt, um wieder in die Armee aufgenommen zu werden. Vor einem Jahr drangen er und paar Gefährten in das schon gefallene Dorf Debalzewo ein, um die letzten Kameraden, die sich dort versteckt hielten, auf Schleichwegen rauszuholen.

Jetzt beklagt sich Bogdan über die verräterischen Generäle, die ihre Truppen zuvor absichtlich viel zu spät aus dem immer enger werdenden Frontvorsprung Debalzewo abgezogen hätten. Er klagt über die Korruption des eigenen Bataillonskommandeurs und über die der Politiker in Kiew: "Wir werden mit dem Gewehr in der Hand nach Kiew fahren, um diesen Präsidenten zu beseitigen." - "Ihr wollt ihn umlegen?" - "Nein, absetzen, damit es Neuwahlen gibt."

Korruption und Verrat gehören zu den Hauptthemen der Frontsoldaten im Donbass. Es heißt, der besagte Kommandeur verschiebe ganze Lastwagen mit Dosenfleisch an die Separatisten. Der habe sich inzwischen einen Mercedes und einen BMW zugelegt, schimpft auch Vater Jewgeni.

"Viele der Soldaten sind voller Wut", erzählt er. "Sie sind böse auf die ganze Welt, ihre besten Freunde sind neben ihnen gefallen, sie haben Depressionen, sehen kein Ende dieses Krieges. Viele haben auch den Glauben an Gott verloren." Oft dauere es Wochen, bis sie sich öffneten, dann aber redeten sie einen halben Tag lang.

Inzwischen nennen die Soldaten Jewgeni "Padre". "Beten Sie, Padre, und alles wird gut!"

Was er von Christi Gebot der Feindesliebe halte, von Widerstand ohne Gewalt, von Pazifismus? "Das Böse ist böse, wie sollen wir es aufhalten, wenn nicht mit Gewalt?" Vater Jewgeni schaut jetzt etwas verständnislos. "Sonst bleibt von der Ukraine nichts übrig, und von Europa auch nicht."

Die Feldgeistlichen selbst nehmen keine Waffe in die Hand. "Meine Waffe ist das Kreuz", sagt der Padre. "Wenn der Priester bei Artilleriebeschuss als letzter in Deckung geht und dabei lächelt, hilft das den Soldaten auch."

Die Front schweigt heute, nachts aber hört man das ferne Rülpsen schwerer Artillerie, deren Kaliber gegen alle Minsker Vereinbarungen verstoßen. Gestern haben die ukrainischen Streitkräfte an der gesamten Frontlinie 54 feindliche Feuerüberfälle gezählt, zu wenige eigentlich für einen richtigen Krieg, zu viele aber für einen Waffenstillstand oder gar einen Frieden.

So führt man Sitzkrieg, eines der vier Todesopfer der Brigade in den vergangenen zwei Wochen starb an Grippe, viele Kämpfer flüchten vor der Langeweile in den Suff, im Bataillonsstab gibt es jetzt eine Ausnüchterungszelle.

Auf dem Rückweg nimmt der "Padre" einen kranken Krieger der Aufklärungskompanie ins 15 Kilometer entfernte Lazarett mit. Verdacht auf Lungenentzündung, der Soldat schwitzt vor Fieber. Vater Jewgeni klagt, es gebe zu wenige Medikamente.

Wie die anderen Offiziere und Soldaten weiß auch er nicht, wann dieser Halbkrieg mal ein Ende hat. Wie die meisten glaubt er, die Russen würden noch einmal eine Großoffensive starten. Aber der Padre erzählt, er habe auch einen sehr weltlichen Traum: "Ich will einmal nach Deutschland. Auf den deutschen Autobahnen gibt es ja keine Geschwindigkeitsbegrenzung, da kann ich mal richtig Gas geben." Vater Jewgeni sehnt sich nach ganz friedlich produziertem Adrenalin.

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01.04.2016, 06:00 Uhr

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