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Im Dienst von James Bond

Der Kepler-Abiturient Reimar Lenz bekommt den Technik-Oscar

Daniel Craig müsste dankbar sein. Er kommt als James Bond im Film „Ein Quantum Trost“ auf Kinoleinwänden brillant rüber. Entscheidend dazu beigetragen hat der ehemalige Tübinger Kepler-Abiturient Reimar Lenz – inzwischen längst Professor und Mitinhaber der Firma Videometrie in München. Er hat den Sensor für den Scanner entwickelt, der bald mit dem „Scientific and Engineering Award“, dem Oscar für Technik, ausgezeichnet wird. Das Gerät digitalisiert analog gedrehte Kinofilme.

04.02.2010
  • Ute Kaiser

Der Kepler-Abiturient Reimar Lenz bekommt den Technik-Oscar
Dieses Trio wird am 20. Februar in Beverly Hills den Technik-Oscar entgegennehmen: Prof. Reimar Lenz (Mitte), der 1974 am Kepler-Gymnasium Abitur gemacht und den nach seiner Tochter Alev benannten Sensor konzipiert hat, Bernd Brauner (links) und Michael Cieslinski von der Münchner Firma Arnold & Richter Cine Technik (ARRI), die den Scanner entwickelt haben. Mit ihm sind analoge Kinofilme digitalisiert worden wie etwa „Das Parfum“ oder „New Moon – Biss zur Mittagsstunde“. Bild: Haas

Jeder Mensch hat irgendein Ziel. Reimar Lenz hatte ein ganz besonderes. „Mein Traum wäre es, den sogenannten technischen Oscar zu gewinnen“, schrieb er 2006 in seinem Lebenslauf für das Klassentreffen der ehemaligen 13d des Kepler-Gymnasiums hinters Stichwort „meine Zukunft / Wo will ich hin?“. Damals glaubte er, „aber dafür tue ich zu wenig“. Damit lag der heute 54-jährige Wissenschaftler und Erfinder gehörig daneben. Denn am 20. Februar, zwei Wochen vor der Oscar-Filmgala, wird er die Auszeichnung der „Academy of Motion Picture Arts and Sciences“ im Luxushotel „The Beverly Wilshire“ bei Los Angeles – bekannt durch den Film „Pretty Woman“ – entgegennehmen.

Etwas Wichtiges hat er bereits erledigt. „Der Smoking ist schon gekauft“, sagt der ehemalige Tübinger, der 2003 zum außerordentlichen Professor der Elektro- und Informationstechnik an der Technischen Universität München ernannt wurde und dort in den Wintersemestern eine Vorlesung über „Digitale Fotografie und Videometrie“ hält. An die TU hatte es ihn nach dem Vordiplom in Elektrotechnik in Stuttgart gezogen. In der bayerischen Landeshauptstadt hat Lenz promoviert und sich nach einem einjährigen Forschungsaufenthalt bei IBM in New York habilitiert. München ist auch der Sitz der Firma „Dr. Lenz Videometrie“, die der Oscar-Gewinner mit seinem anderthalb Jahre älteren Bruder Udo betreibt.

Der Kepler-Abiturient Reimar Lenz bekommt den Technik-Oscar
Obwohl sich Reimar Lenz (rot eingekringelt) schon in der Schule vor allem für Naturwissenschaften interessierte, ging er 1971 mit Klassenkameraden in einen Tanzkurs. Bernhard Strasdeit (zweite Reihe sechster von links) und dessen Freund Thomas Maier (zweite Reihe achter von links) erinnern sich noch gut an die Schulzeit und den Abschlussball im „Museum“-Saal. Privatbild

„Die beiden Lenz-Buben“, glaubt der ehemalige Physiklehrer Hans-Peter Götz, „hätten auch ohne uns Karriere gemacht.“ Der 69-jährige Pensionär, der als Schüler, Referendar und Lehrer 48 Jahre am Kepler-Gymnasium verbrachte, freut sich, wie alle anderen vom TAGBLATT Befragten, mächtig über den Erfolg des ehemaligen (Mit-)Schülers. Reimar Lenz „interessierte sich sehr für Elektronik“. Die habe allerdings damals „noch in den Kinderschuhen gesteckt“.

Götz oder sein Kollege Roland Westermayer haben in dem späteren Elektrotechnik-Spezialisten die Begeisterung für Physik geweckt. Auf ungewöhnliche Weise – durch Nachsitzen. Reimar Lenz, der „kaum eine Schulstunde geschwänzt“ hat, erinnert sich, dass er einmal zur Strafe in der Physiksammlung Widerstände sortieren musste. Danach habe er „ständig dort rumgehangen“. Mit gerade 14 Jahren hat er mit seinem Bruder Udo und dem Mentor Ulrich Tietze, ebenfalls ein Kepler-Schüler, einen Zähler für Fruchtfliegeneier gebaut und – schon damals zielstrebig und geschäftstüchtig – an ein Tübinger Institut verkauft.

Westermayer, der die 13d bis zum Abi im Jahr 1974 unterrichtete, hat die Klasse nur noch vage vor Augen. Reimar Lenz habe im Physiksaal „wahrscheinlich in der ersten Reihe rechts vorne gesessen“. Nachdrücklich ins Gedächtnis des Lehrers eingeprägt hat sich dagegen die Diskussionsfreude der Klasse „mit Maoisten, Moskautreuen und einem Jungunionisten“. Die Atmosphäre sei aber „nicht unangenehm“ gewesen. „Es waren bewegte Zeiten“, sagt auch Lenz, der sich als „eher konservativ“ einstuft.

Die politischen Ansichten der Revoluzzer in der Klasse hinderten ihn nicht, mit ihnen Mathe zu büffeln. Davon profitierte auch Bernhard Strasdeit, genannt „Strasse“. Der heutige Landesgeschäftsführer der Linken und Tübinger Kreisrat hat „eine Mischung aus Bewunderung und Distanz empfunden“ für einen, der „ein derartiges Käpsele in den Naturwissenschaften war“. Strasdeit meint sich zu erinnern, dass Lenz dennoch ab und zu mit Klassenkameraden in deren Lieblingslokalen „Zom Kies“ und „Steinlach“ nahe bei der Schule und der Neckarbrücke „einen trinken gegangen“ sei.

Beim von Lenz organisierten ersten Klassentreffen 32 Jahre nach dem Abi hat auch Strasdeits Kumpel Thomas Mayer seinen ehemaligen Mitschüler Reimar wiedergesehen. Der Physiker ist über Berlin mittlerweile in Darmstadt gelandet. Dort unterrichtet er an der Technischen Universität Materialwissenschaft. 1971 hatte er als Klassensprecher den Kurs in der Tanzschule von Lou Weigele organisiert. Seiner Erinnerung nach habe Reimar Lenz sich damals alles „eher über den Kopf“ erschlossen. Auch das Tanzen. Nach Mayers Erinnerungen soll er gesagt haben, „jetzt habe ich es verstanden, man muss nur abwechselnd das linke und das rechte Bein heben“.

Nicht vergessen hat Mayer auch eine Episode im Englisch-Unterricht. Lenz hätte nach zwei Jahren mit der Familie in den USA – als zehnjähriger Bub lebte er in Arizona, als 13-jähriger in Oregon – die Fremdsprache perfekt beherrscht. Doch weil er nicht mit Oxford-Akzent redete, hätte der „sehr sympathische Kerl“ keine Eins bekommen. Das findet Mayer noch heute „engstirnig“. Der Technik-Oscar-Gewinner weiß noch, wie er mit Mayer fürs Mathe-Abi gelernt hat. Manches fiel auch ihm schwer. „Ich bin nicht der Theoretiker wie mein Vater, ich muss es mir vorstellen können.“ Sein Vater Prof. Friedrich Lenz hat mit Prof. Gottfried Möllenstedt 1987 den renommierten und hoch dotierten Körber-Preis für ein richtungsweisendes Verfahren der Elektronenmikroskopie bekommen. Sohn Reimar, wie sein Bruder von der Studienstiftung des deutschen Volkes gefördert, errang vor dem Oscar schon zahlreiche Preise. Sein Diplom in München schloss er mit Auszeichnung ab. „Udo hat immer die Schaltpläne entwickelt, ich bin eher der Praktiker“, so Lenz.

Großen Anteil an dem, was aus ihm geworden ist, schreibt er dem Kepler-Gymnasium und der TU München zu. Dort gab es ein Studienmodell Kybernetik am Lehrstuhl für Nachrichtentechnik. Die „extrem freie Forscherstimmung“ umschreibt er so: „Was treibt an mir vorbei, was kann ich nehmen?“ Nur beim Streben nach dem Oscar sei er „zielgerichtet“ gewesen, „sonst eher weniger“. Die Idee, die in dem lichtempfindlichen Sensor für den Filmscanner „Arriscan“ zum Tragen kam, hat Lenz vor mehr als 20 Jahren entwickelt. Grob gesagt geht es darum, mehrere Bilder um Bruchteile von Bildpunkten zueinander verschoben aufzunehmen und zu nur einem Bild mit deutlich höherer Auflösung zusammenzusetzen. So gelang schon vor 20 Jahren die Herstellung einer Digitalkamera mit über 20 Millionen Bildpunkten.

Dieses Verfahren legte den Grundstein für die Firma, die Lenz mit seinem Bruder 1989 gründete. Der Betrieb in einer Künstlervilla stellte weltweit die ersten hochauflösenden Stillbildkameras her. Den preisgekrönten „Arriscan“ hat er mit Michael Cieslinski und Bernd Brauner von der Firma Arnold & Richter entwickelt. Sie hat fast ein Abonnement auf Technik-Oscars. Die aktuelle Statue ist die 16. Mit mehr als 120 der Scan-Geräte, die acht mal schneller arbeiten als noch vor fünf Jahren, werden weltweit jährlich etwa 200 Filme bearbeitet – die Neuverfilmung von „King Kong“ ebenso wie „Die Päpstin“ oder „Der Baader Meinhof Komplex“. Die Maschine tastet aber auch 100 Jahre altes, stark beschädigtes Material ab. Eine Sekunde Film besteht aus 24 Bildern, bei anderthalb Stunden macht das rund 130 000 Bilder.

Das Herzstück der je nach Ausführung zwischen 200 000 und einer halben Million Euro teuren Geräte, der Sensor, ist nach Lenz’ 28-jähriger Tochter Alev benannt. Sie wird ihren Vater mit seiner Lebensgefährtin, der ebenfalls preisgekrönten Filmregisseurin Dagmar Knöpfel, und deren 13-jähriger Tochter Dido zur Verleihung begleiten. Die Kosten für die Reise muss die Familie selbst tragen. Der Oscar ist nicht dotiert, sondern nur eine Frage der Ehre. Seine Dankesrede muss der passionierte Volleyballer und Skifahrer mit Faible für ferngesteuerte Modellhubschrauber noch formulieren.

Zwei Tage vor seinem Geburtstag am 10. Januar hat Lenz von der Entscheidung der Jury erfahren – ganz traditionell aus einem Brief nach dem Familienurlaub auf Teneriffa. „Ich wusste also erst nicht, ob man mir zum Geburtstag oder zum Oscar gratuliert.“ Vor gut einem Jahr, um 18 Uhr an Heiligabend, hatte er das entscheidende Interview mit der Academy. Deren Vertreter befragten ihn fast eine Stunde lang in einer Telefonkonferenz. Später hat Lenz in Kalifornien einen Gutachter getroffen. Trotz der Auszeichnung, die ihm viele Anrufe von Zeitungen oder Besuche von TV-Teams einbringt, fühlt Lenz sich nicht als sehr wichtige Persönlichkeit.

Der Erfolg ließ ihn nicht abheben. „Liebe Klassenkameraden, ich wollte Euch gerne mitteilen, dass ich im Februar nach Beverly Hills fliegen muss . . . bin natürlich stolz ’drauf.“ So lapidar teilte Lenz per Mailverteiler mit dem Betreff: „Neuigkeiten von einem Mitschüler“ seinen ehemaligen Nebensitzern, Hintermännern und Lernpartner die Nachricht vom wahr gewordenen Traum mit.

Obwohl der Erfinder erst mit fünf Jahren nach Tübingen kam und wegen des Studiums die Stadt am Neckar verlassen hat, fühlt er sich immer noch als Tübinger. Vor allem wegen seiner Eltern kommt er „immer mal wieder am Wochenende“ in die Stadt, in der durch Nachsitzen die Grundlagen für seine Karriere gelegt wurden. Nachdem er jetzt sein Ziel erreicht hat, muss er sich ein neues setzen. Oder pragmatisch im Fragebogen für ein nächstes Klassentreffen den Punkt „meine Zukunft / Wo will ich hin?“ ersatzlos streichen.

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04.02.2010, 12:00 Uhr

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