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Der Klare aus Fernost
Einige der hochprozentigen Baijiu-Sorten haben bis zu 60 Prozent Alkoholgehalt. Foto: Felix Lee
Alkohol

Der Klare aus Fernost

Er schmeckt nach vergammeltem Käse und Fußschweiß – und ist doch die meistgetrunkene Spirituose der Welt: Baijiu – Getreideschnaps aus China.

07.01.2017
  • FELIX LEE

Die meisten Chinesen feiern eigentlich kein Weihnachten. Doch die Dorfbewohner des kleinen Orts Baijiucun in der zentralchinesischen Provinz Henan hatten vor einigen Jahren den Einfall, einen Tag zu wählen, den sie dem Schnaps widmen wollen. Das Wort Baijiu heißt auf chinesisch Schnaps. Und wenn das Dorf schon so heißt, ließe sich das doch bestens vermarkten. Und da in vielen Teilen der Welt am 25. Dezember gefeiert wird, erkoren sie diesen Tag zu ihrem Feiertag – dem Baijiu-Tag.

Mit Baijiu lässt sich derzeit in China viel Geld verdienen. Genau übersetzt heißt Baijiu klarer Alkohol. Hierzulande wird Baijiu häufig mit „Reisschnaps“ übersetzt. Doch tatsächlich wird nur ein kleiner Teil aus Reis gebrannt. Verwendet wird für Baijiu auch Weizen, Mais, vor allem aber eine bestimmte Sorte Hirse, die ihren Ursprung in Afrika hat, in China aber schon seit vielen Jahrhunderten bekannt ist. Die Baijiu-Sorten sind schier endlos. Kein Wunder. So ziemlich jedes Dorf in China betreibt seine eigene Destillerie. Landesweit gibt es mehrere Zehntausend. Auch der Alkohohlgehalt variiert. Einige Baijius haben 40 Prozent, die meisten aber zwischen 50 und 60 Prozent Alkohol.

Dabei wurde noch vor Kurzem dem Baijiu das Ende vorausgesagt. Baijius gab es vor allem auf den Festbanketten, die hohe Beamte und Parteikader gerne abhielten. „Ganbei“ – der Aufruf das Glas zu trocknen oder „Quanjiu“ – den Gegenüber zum Trinken zu überreden – beide Aufforderungen führten zu wahren Alkoholexzessen.

Parallel zu Chinas rasantem wirtschaftlichen Aufstieg war allerdings auch das Ausmaß der Bestechung in die Höhe geschossen. Diese üppigen Banketts mit reichlich Baijiu galten bald als Inbegriff der Korruption. Für so manch edlen Baijiu wurden Beträge von umgerechnet mehreren Tausend Euro bezahlt.

Seit einigen Jahren geht die chinesische Führung unter Staats- und Parteichef Xi Jinping rigoros gegen Korruption vor – und damit auch gegen den auf den Banketts reichlich fließende Baijiu. „2014 war mit Abstand das schlechteste Jahr für die Baijiu-Industrie“, wird ein Baijiu-Unternehmer in der staatlichen Zeitung China Daily zitiert.

Überhaupt galt unter der zumeist westlich orientierten jungen Generation in den Großstädten Baijiu als nicht mehr zeitgemäß. Neben korrupten Parteikadern ist Baijiu auch beliebter Fusel unter Bauern und Wanderarbeitern. Und von denen will sich die zu Wohlstand gekommene Mittelschicht in den Großstädten abgrenzen. Sie bevorzugen in den hippen Bars und Clubs von Peking oder Shanghai Whiskey, Gin oder süße Spirituosen, mit denen sich fruchtige Cocktails mischen lassen. Dafür bietet sich Baijiu nicht an. Der Geschmack ist zu eigen. Eine häufige Umschreibung des Geschmacks unter den in Peking lebenden Ausländern von „Erguotou“, einem Baijiu aus Peking, etwa lautet: Gammeliger Käse oder Fußschweiß.

Doch nun wächst der Baijiu-Absatz bereits das zweite Jahr in Folge. Nach Angaben des staatlichen Spirituosenverbands wurde 2015 ein Zuwachs von fast 4,5 Prozent verzeichnet. 2016 soll er noch höher ausgefallen sein. Mehr als 13 Milliarden Liter wurden verkauft – und damit mehr als Wodka, von dem weltweit nicht einmal halb so viel verbraucht wird. Baijiu macht mehr als 38 Prozent des weltweiten Spirituosenverkaufs aus, davon allerdings nicht einmal ein Prozent außerhalb Chinas.

Schicke Bars in Hongkong, Tokio, Sydney und Singapur sind inzwischen auf den Geschmack gekommen, und in New York hat kürzlich ebenfalls die erste Baijiu-Bar eröffnet. Wer sich in China diesem gewöhnungsbedürftigen Getränk verweigern möchte – etwa auf einem dieser berüchtigten Banketts – dem sei ein Trick verraten: Nach dem Anstoßen nur nippen. Solange das Glas voll ist, kann auch nicht nachgeschenkt werden.

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07.01.2017, 06:00 Uhr

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