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Hintergrund

Der Konkurrenzkampf im Gesundheitssystem

25.10.2016
  • MARTIN HOFMANN

Reformen Durch zahlreiche Gesetzesänderungen haben Regierungskoalitionen das Gesundheitssystem umgekrempelt. Statt einen Wettbewerb um die beste Versorgung kranker Menschen zu organisieren, wurde vor allem ein Konkurrenzkampf um das Geld aus dem Gesundheitsfonds entfacht. Die Maßnahmen:

Diagnose-Code Dies ist eine internationale Klassifizierung von Krankheiten, herausgegeben von der Weltgesundheitsorganisation WHO. Ihr Ziel: Die Entwicklung von Krankheiten und anderen Gesundheitsproblemen mit einem einheitlichen System zu erforschen. Diese drei- vier- und fünfstellige Buchstaben- und Ziffernfolge ist in Deutschland in abgewandelter Form zur Jahrhundertwende eingeführt worden. Sie dient heute als Grundlage für die Abrechnung. Es geht vor allem um Diagnosen.

Zusatzbeitrag Die 120 Krankenkassen müssen vermeiden, höhere Zusatzbeiträge von ihren 70 Millionen Versicherten zu verlangen als ihre Mitbewerber. Sonst wandern Mitglieder zu günstigeren Kassen ab. Ihre Möglichkeiten: Patienten weniger Leistungen gewähren. Sinkt dieses Niveau aber zu weit ab, müssen sie ebenfalls mit Kassenwechsel Versicherter rechnen. Also gilt es, weniger für Kliniken, Ärzte, Therapeuten, Arzneimittel, Heil- und Hilfsmittel auszugeben. Mit Rabattverträgen haben sie dies bei Arznei, Heil- und Hilfsmitteln zum Teil mit Erfolg versucht. Als Alternative bleibt: Einnahmen erhöhen. Das heißt, mehr Geld aus dem Gesundheitsfonds zu holen, als ihnen zusteht.

Krankenhaus Die 1950 Kliniken erhalten Fallpauschalen für ihre Patienten. Diese DRGs (Diagnosis Related Groups) fassen ähnlich teure Operationen und Prozeduren zusammen. An rund 200 Krankenhäusern wird ermittelt, was eine Behandlung im Schnitt kostet. Diesen Betrag bekommen alle Krankenhäuser. Da Krankheiten sehr individuell verlaufen, also teurer oder preiswerter sein können, muss jede Klinik den passenden Mix an Fällen finden. Größere Häuser beschäftigen längst Mediziner, die nur kodieren, damit ihre Klinik kein Geld verliert.

Da bestimmte Eingriffe finanziell einträglich sind, will jedes Krankenhaus diese vermehren. Zahlen belegen, dass in Deutschland solche Operationen viel häufiger stattfinden als in vergleichbaren Ländern. Das zentrale Ziel der DRG-Einführung war Kostendämpfung. Die stationäre Versorgung der Patienten ist von 2009 bis 2015 um 27 Prozent teurer geworden. Die Arbeit in den Kliniken hat sich massiv verdichtet, vor allem für das Pflegepersonal.

Arztpraxis Seit 2009 erhalten Praxisärzte pro Kassenpatient eine Quartalspauschale, einen Festbetrag für die Behandlung über drei Monate. Ein Allgemeinarzt erhält 45 Euro, der Gynäkologe 16, ein Hautarzt 18 und ein Augenarzt knapp 20 Euro. Daneben erhalten die Ärzte diverse Zusatzhonorare, etwa für Ultraschall- oder Präventionsuntersuchungen. Allerdings haben diese Zahlungen für jede Facharztgruppe eine Obergrenze. Daneben bekommen Ärzte Geld über Extra-Verträge, die ihre Verbände oder die Kassenärztliche Vereinigung mit Kassen abgeschlossen haben. Meist geht es um Disease-Management-Programme (DMP) für chronisch Kranke – Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. 10 000 solcher DMP-Verträge gibt es. Die Ausgaben: rund zwei Milliarden Euro. Die Kassen prüfen die Qualität der Programme und erhalten für Patienten mehr Geld aus dem Gesundheitsfonds.

Praxisärzte werden also nicht für Patientenbehandlungen bezahlt. Ökonomisch sind für sie als Selbstständige die Patienten die besten, die einmal im Quartal kommen. Sonst lässt sich noch über Ausschlussdiagnosen Geld verdienen, falls das Budget nicht erschöpft ist. Mehr Patienten zu versorgen, bringt wenig. Der Festbetrag sinkt bis auf 10 Prozent, wenn eine festgesetzte Zahl pro Quartal überschritten wird.

Finanzausgleich Von der Umverteilung profitieren vor allem die Allgemeinen Ortskrankenkassen. Sie erzielten 2014 über den „Risikostrukturausgleich“ einen Überschuss von 880 Millionen Euro, Ersatz- und Betriebskassen verzeichneten rund 900 Millionen Euro Unterdeckung.

Lösungsvorschlag Tansparency international fordert, alle Geldströme offenzulegen und das System zu regionalisieren – auf Länderebene. Vorstandsmitglied Wolfgang Wodarg, selbst Arzt: Das schafft Übersicht und senkt Bürokratiekosten um ein Vielfaches. Er warnt die Ärzte vor Falschkodierung. „Das ist Korruption und seit 2016 strafbar.“ Dies zu beweisen dürfte aber schwierig sein.

Martin Hofmann

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25.10.2016, 06:00 Uhr

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