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Nur ein Büchlein als Anleitung

Der Krankenpflegeverein wird 100 Jahre alt/Ausstellung über bittere Arznei

÷Auftakt zur Jubiläumswoche des Dußlinger Krankenpflegevereines war am Montag die Ausstellungseröffnung im Rathaus unter dem Titel „Pflege einst und jetzt“. Bürgermeister Thomas Hölsch, satzungsgemäß der zweite Vorsitzende nach dem evangelischen Pfarrer Matthias Adt, fasste die Geschichte des Vereines zusammen. Frank Lauxmann, Leiter der Diakonie Sozialstation erklärte alte Pflegeutensilien.

03.02.2010
  • Susanne Mutschler

Dußlingen. Der Star unter dem medizinischen Gerät, das man im Dußlinger Rathaus noch die ganze Woche über anschauen kann, war ein beschrifteter „Potschamber“ aus einem Dußlinger Haushalt. . Zwischen den verschiedenen Bettpfannen, bedrohlich großen Klistierspritzen und den kleinen, braunen Fläschchen, die aussehen wie jene, aus denen der böse Friederich aus dem Struwwelpeter seine „bittre Arzenei“ eingeflößt bekam, war der blumengeschmückte Topf noch am wenigsten beunruhigend.

„Die Tropfen sind stets bis zu der auf dem Rezept angegebenen Zahl abzuzählen“, heißt es in der ausgestellten „Anleitung zur praktischen Krankenpflege“. Das Büchlein war die einzige theoretische Stütze, die eine Gemeindeschwester hatte. Frank Lauxmann, der die Dußlinger Diakonie-Sozialstation leitet, zitierte daraus, dass sich Medizin zum Schlucken immer in runden Flaschen mit weißem Etikett, die zur äußerlichen Anwendung in sechseckigen mit roten Aufklebern befand. Dass Formalinpuder gegen Fußpilz wirkte, war der Verpackung zu entnehmen, aber gegen welches Leiden wirkte eine Lebertransalbe?

Vieles aus der Frühzeit der Pflege sei schwer auszustellen, erklärte Lauxmann. Als es noch keine Pflegebetten gab, habe man die Bettladen mit untergeschobenen Holzklötzen erhöht. Der Haltegriff für die Kranken sei ein Seil gewesen, das an einem Haken von der Decke hing. „Es gab um 1900 außerhalb der Familie keine organisierte Krankenpflege“, wusste Bürgermeister Thomas Hölsch, und innerhalb der Familie hätten sich die Kranken oft gedulden müssen, bis die Arbeit in der Landwirtschaft getan war.

In dieser Notlage taten sich am 6. Februar 1910 zehn Dußlinger Bürger zu einer ersten „Bürgerinitiative“ zusammen, 290 der damals 2200 Einwohner des Ortes traten dem neuen Krankenpflegeverein spontan bei. Der Unternehmer Johannes Rilling gab ein Darlehen für eine Schwesternwohnung, und Friederike Feyerabend war die erste Gemeindeschwester, die in Dußlinger Häuser kam. 1921 sei der Krankenpflegeverein der Evangelischen Diakonieschwesternschaft Herrenberg beigetreten, erklärte Hölsch.

An der Foto-Stellwand im Rathaus sind die Herrenberger Schwestern an ihren strengen weißen Hauben zu erkennen. Darunter ist Sofie Haussmann, die – so liest man im Heimatbuch – trotz der Bemühungen, den Krankenpflegeverein durch eine NS-Schwesternstation zu ersetzen, im Dienst geblieben sei. Nach dem Krieg tarnte der Ortspfarrer den Verein als „kirchlichen Betreuungsdienst“, bevor von 1950 an wieder offiziell gearbeitet wurde. Die Anerkennung der Pflegearbeit des Vereins durch die Krankenkassen kam erst 1979. Drei Jahre später wurde der Verein Partner der Diakonie Sozialstation.

Als wichtige historischen Rahmendaten nannte Hölsch die Einführung der gesetzlichen Krankenversicherung 1883 für Arbeiter, den Zusammenschluss der Kranken-, Unfall- und Rentenversicherung 1911 und die Einführung der Arbeitslosenversicherung 1927. Die Pflegeversicherung folgte erst 1995. Seither ist die Sozialstation für die ambulante Pflege verantwortlich. „Die Situation in der Alten- und Krankenpflege hat sich grundlegend gewandelt.“

Der Dußlinger Krankenpflegeverein mit seinen ungefähr 400 Mitgliedern habe neben seiner Funktion als passiver Förderverein wichtige Aufgaben behalten. Seit 1998 gibt es unter der Leitung von Emma Ulmer eine 16-köpfige diakonische Gruppe, die Hilfen anbietet, für die im knapp kalkulierten Zeitplan der ambulanten Pflegedienste kein Platz ist. „Soziale Zuwendung ist kein Pflegerecht“, sagte Hölsch.

Der am Montag gezeigte Film des Hobby-Filmers Heinz Dürr zeigte die Gruppe beim Nähen und Flicken, beim Weihnachtslieder-Singen, bei Spaziergängen und bei Hausbesuchen. Auch der „Urlaub ohne Koffer“ gehört zu ihren diakonischen Angeboten, und wenn in Dußlingen Krämermarkt ist, biete die Gruppe ihre Begleitung an, erzählte Emma Ulmer. Allein der Duft wecke bei den alten Leuten Erinnerungen und Lebensfreude.

Info

Unter dem Titel „Wertvoll – im Mutterleib“, heißt das Thema bei Beate Renz am morgigen Mittwoch, 3. Februar, und über „Wertvoll – auch in Krankheit“ spricht der ehemalige Prälat Rolf Scheffbuch am kommenden Donnerstag. Die Vorträge beginnen jeweils um 19.30 im Evangelischen Gemeindehaus.

Der Krankenpflegeverein wird 100 Jahre alt/Ausstellung über bittere Arznei
„Hier werden gesammelt von Mann und Frau Liebesgaben für den Ackerbau. Drum drücket und dränget mit aller Kraft zum Segen der notleidenden Landwirtschaft“, steht in Frakturschrift auf dem alten Nachttopf – er ist in der Ausstellung „Pflege einst und jetzt“ zu sehen, die am Montag im Dußlinger Rathaus eröffnet wurde. Bild: Rippmann

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03.02.2010, 12:00 Uhr

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