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Tübingen am Ende, Erziehung kaputt

Der Kunstsalon präsentierte eine metallische Verbindung aus den Elementen Markus Bella, Jochen Warth und Johanna Herdtfelder

Tübingen. Es krachte, schepperte, quietschte, dröhnte. Punk und neue Musik, dachte man sich da, sind so weit voneinander entfernt, dass sie schon wieder ganz nah Rücken an Rücken stehen. Denn die Welt ist ja bekanntlich eine Kugel.

18.10.2014
  • Peter Ertle

Kugeln gab es übrigens auch beim Kunstsalon im Landratsamt, sie stammten vom Bildhauer Jochen Warth, den Wolfgang Sannwald gleich aufs Podium bitten würde, aber noch spielte die Musik. Und „Le Marquis“ Markus Bella, Mitglied der Band „Die Sache“ und Spiritus Rector der neuen, unabhängigen Musikszene Anfang der achtziger Jahre stand mit dem nötigen Ernst daneben.

Yoga mit der Schweißerbrille

Metallische Musik! Metall war das Stichwort, die Verbindung zu Jochen Warth, „Metall und Poesie“ lautete der Titel dieses Kunstsalons, der wie immer Künste verschiedener Genres zusammenbringen wollte. In diesem Fall die poetischen Kurzgeschichten Johanna Herdtfelders mit den Skulpturen Jochen Warths und der Lieblingsmusik Markus Bellas. Wobei auch Jochen Warth Bluesharp spielt. An so einer Bluesharp ist übrigens auch einiges an Metall. Nur bei Johanna Herdtfelder, in erster Linie als Liedermacherin bekannt – finden wir nichts Metallisches. Zurück zu den Skulpturen Jochen Warths: Am Metall reize ihn, dass er das Material dünn halten, aber auch extrem in die Höhe und Breite arbeiten könne, ohne dass etwas reisst, bricht. Es ist so dermaßen stabil. Und es hält eine Ewigkeit. „Der Käufer meiner Skulpturen muss davon ausgehen, dass sie ihn überleben“, sagte Warth im Gespräch mit Kreisarchivar Wolfgang Sannwald. Schwer und massiv sehen seine Plastiken aus, aber das täusche, so Warth. Wären sie massiv, er könne sie gar nicht alleine bewegen, bearbeiten. Seine Modelle baut er mit Pappe, obwohl es auch Computerprogramme gibt, die so was können, aber das lehnt er ab. „Ich probiere einfach gerne aus.“ Nach seinem Pappeplan flext er dann die Einzelteile aus Stahlplatten heraus und schweißt sie zusammen.

Schweißen kann er so gut, dass er schon Angebote von Handwerksbetrieben bekommen hat. Natürlich: Kein Interesse. Vom Brotberuf her ist er Lehrer in Ofterdingen, „und zwar gern“. Schweißen ist für ihn zwar schon viel Arbeit, wie auf einem Video aus seinem Atelier in Nehren zu verfolgen war. Aber letztlich ist es für ihn eine Art Yoga und damit auch eine spezifische Form von Erholung. „Ich setze die Schweißerbrille auf, sehe diesen glimmende Punkt und bin weit weg.“

Dann durfte wieder Markus Bella ran, spielte ein Stück einer Band namens „Mobile Liebe“, die ihren Bandnamen aus den Rubrikennamen – „Automobile“, „Liebe“ – im Kleinanzeigenteil des Stadtmagazins „Tüte“ fanden. Ein Hang zum Dadaismus sei all diesen Bands eigen gewesen, so Bella, der weitere Namen anderer Bands dieser Zeit präsentierte: „Das Ende Tübingens“ etwa. Oder einfach nur: „Name“.

Anarchos gegen Tanzverbote

Sannwald fragte nach einer politischen Haltung dieser Gruppen, Bella brachte daraufhin die Begriffe „Autonome“ und „Anarchos“ ins Spiel, „aber damals hat das noch niemand so bezeichnet“. Dann zitierte er aus der TAGBLATT-Rezension über die autonome Musikveranstaltung „Totensonntag Tanzverbot“. Die Passage beschreibt den konsternierten Versuch ein paar älterer Linker, die Texte und das gesamte Selbstverständnis des Events zu dechiffrieren. Gelächter.

Doch, es war ein kurzweiliger Abend. Zu dem auch ein kleiner Anarcho-Dadaist im Kindesalter beitrug, der jedes Mal, wenn in Johanna Herdtfelders erster Kurzgeschichte das Wort „Arschloch“ fiel, lauthals ein enthusiastisches „Arschloch!, Arschloch! Oma, die hat Arschloch gesagt!“ rief. Woraufhin die Oma seufzte: „Wieder ein paar Wochen Erziehung kaputt!“

Der Kunstsalon präsentierte eine metallische Verbindung aus den Elementen Markus Bella, Jochen
Passt so ins Ambiente vor Ort, das Landratsamt sollte sie kaufen: eine von Jochen Warths Stahlskulpturen.Bild: Sommer

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18.10.2014, 12:00 Uhr

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