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Kulturphänomene (49)

Der Literaturnobelpreis

Morgen wird der Literaturnobelpreis vergeben. Wir hörten eine Weile bei den Diskussionen der Jury zu, klinkten uns dann aber wieder aus. Am Ende waren gerade russische Autoren im Gespräch:

10.10.2012
  • Peter Ertle

„Meine Damen, meine Herren, kommen wir zu den Vorschlägen, mit wem fangen wir seit zwanzig Jahren an?“
„Philip Roth.“
„Richtig. Und warum bekommt er ihn diesmal nicht?“
„Haben wir uns jemals Gründe dafür überlegt?“
„Also gut: Wen ziehen wir diesmal vor?“
„Es sollte jemand sein, mit dem niemand rechnet.“
„Friederike Mayröcker.“
„Nicht Ihr Ernst, oder? Frau, Österreicherin, sehr sprachexperimentell, eigenwillig. Ich sage nur: Jelinek. Das ist für die nächsten dreißig Jahre verbrannt. Deutschsprachig kommt sowieso nicht in Frage. Grass, Herta Müller. Das waren jetzt zu viele. Weitere Vorschläge?“
„Warum nehmen wir nicht Haruki Murakami?“
„Hm. 1994 hatten wir Kenzaburo Oe. Das ist schon ein Weilchen her. Das könnte gehen. Aber haben wir denn keinen Koreaner? Oder Inder. Oder Vietnamesen?“
„Wann war denn der letzte Chinese dran?“
„2000, Gao Xinjian, gebürtiger Chinese, in Frankreich lebend.“
„War der auch genügend systemkritisch? Ein chinesischer Dissident wäre doch das richtige Signal.“
„Was ist mit Afrika?“
„2003 hatten wir Coetzee.“
„Ja, aber das war ein Weißer. außerdem schon relativ bekannt. Haben wir keinen unbekannten Schwarzen? Der Preis hat das ungeheure Potential, einen Außenseiter über Nacht berühmt zu machen.“
„Berühmt? Kennen Sie Jean-Marie Gustave le Clézio?“
(Alle): „Wer?“
„Wir haben ihm 2008 den Preis gegeben.“
(Schweigen)
„Nehmen wir doch Ngugi wa Thiong’o“
(Alle): Wen?
„Ngugi wa Thiong’o“.
„Ist das ein Witz?“
„Nein, ein Kenianer.“
„Hat der nicht den Tübinger Stadtlauf gewonnen?“
(Alle): „Den was?“
„Ich meine den – Stockholmer Stadtlauf, New Yorker Marathon, irgend so einen Lauf.“
„Eben! Bei Kenia denkt ihr nur an Laufen. Das ist Rassismus pur. Ein besseres Argument gibt es doch nicht.“
„Ich hätte schwören können, der läuft Marathon!“
„Das ist Murakami! Glaubt mir: Ngugi wäre ideal.“
„Und wie begründen wir das?“
„Weil er in munterschwarzen Fabeln das vergessene Gesicht der Geschichte gezeichnet hat.“
„Du kannst doch bei einem Afrikaner nicht von schwarzen Fabeln sprechen. So kannst du vielleicht Günter Grass loben, aber nicht einen Kenianer.“
„Stimmt. Ich merke auch gerade, dass das aus dem Jurybegründungswortlaut für Günter Grass stammt. Das können wir nicht mehr verwenden.“
„Nein, lasst uns doch mal realistisch sein: Es muss diesmal ein Amerikaner sein. Der letzte Amerikaner, übrigens auch der letzte Preisträger mit dunklerem Teint war 1993 Toni Morrison.“
„Der hatte ihn aber auch verdient.“
„Sie hatte ihn verdient. Sie. Das war eine Frau. Ich finde, Amerika ist unbedingt wieder dran. Und ich denke, es ist auch mal wieder ein ganz großer Name dran.“
„Also doch Philip Roth.“
„Wir können doch nicht den Buchmachern folgen.“
„Also auch nicht Dylan.“
„Wie ist denn sein neuer? Ich hab’ ihn noch nicht gelesen.“
„Das ist kein Roman, das ist eine CD. Sie heißt ’Tempest‘, was an Shakespeare erinnert, auf dem Cover ist eine antike Skulptur und in den Songs geht es um alte römische Könige. Es ist die Ich-bin-ein-Denkmal-Her-mit-dem-Literaturnobelpreis-CD. Da dürfen wir nicht mitmachen.“
„Rowling!“
„Also wenn hier diese Shades-Of-Grey-Tante ausgezeichnet wird, trete ich zurück.“
„Shades Of Grey: Ist das nicht ein Song von Dylan?“
„Ruhe! Bitte nur konstruktive Vorschläge. Wir waren bei Big Names.“
„Hölderlin“.
„Deutschsprachig. Außerdem darf der Preis seit 1974 nur noch an lebende Autoren verliehen werden. Von einem Jurymitglied erwarte ich ein Mindestmaß an Vorbereitung.“
„Aber Lessing hat ihn vor Jahren doch auch bekommen.“
„Das war Doris Lessing. Ich möchte mich hiermit ausdrücklich nochmal für Amerika stark machen. Gibt es Vorschläge in der Richtung?“
„Warum denn nicht Joyce Carol Oates?“
„Ich bin für Don DeLillo.“
„Cormac McCarthy.“
„Dieser Kommunistenjäger? Ist der nicht auch schon tot?“
„Lennon ist tot. McCartney lebt.“
„Lenin? Der würde den Preis auch nicht bekommen, wenn er noch lebte. Aber stimmt: Was ist eigentlich mit den Russen?“

Der Literaturnobelpreis
Ngugi wa Thiong’o

Der Literaturnobelpreis
Cormac McCarthy

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10.10.2012, 12:00 Uhr

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