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Andreas Wilkens aus Tübingen

Der Mann, der mit den Haien taucht

Wo andere entsetzt aus dem Wasser flüchten, freut sich Andreas Wilkens: Nichts hört der Tübinger lieber als „Hai in Sicht“. Jedes Jahr geht er mit den Tieren tauchen.

03.09.2010
  • Kathrin Schoch

Tübingen. Die mächtigen Bullenhaie tauchen lautlos aus der dunklen Tiefe auf, schwimmen zögerlich auf die Taucher zu, umkreisen sie immer enger und stupsen ab und zu neugierig an ihre Kameras. Was für viele Schwimmer und Taucher eine Horrorvorstellung ist, lässt Andreas Wilkens‘ Herz höher schlagen. Seit zehn Jahren sucht der 40-Jährige bei seinen Tauchgängen den absoluten Kick, sprich die Haie. „Das Erlebnis, so ein Tier in freier Natur zu betrachten, das ist was ganz Tolles“, sagt der Tübinger. Der Tauchgang vor zwei Jahren, bei dem ihn plötzlich 20 bis 25 Bullen- und Schwarzspitzenhaie umringten, zählt für ihn zu einem der schönsten Erlebnisse.

Vom Käfigtauchen hält Wilkens nichts

Der Mann, der mit den Haien taucht
Ein solch mächtiger Schwarzspitzenhai kann einen unerfahrenen Haitaucher schon mal gründlich erschrecken. Andreas Wilkens ist begeistert von den Tieren. Privatbild

Jedes Jahr bucht Wilkens einen Tauchurlaub und versinkt für ein, zwei Wochen in einer anderen Welt. Tiger-, Hammer- und Schwarzspitzenhaie, Makos und Bullenhaie sind nur ein paar der Arten, denen er dabei schon ganz nahe gekommen ist. Immer mit dabei hat er seine Videokamera und einen Fotoapparat.

Sein beliebtestes Tauchrevier ist Südafrika, weil hier beste Bedingungen herrschen: die Wassertemperatur, die Riffe mit ihrer großen Artenvielfalt und die gute Sicht. Auch auf den Kapverden und den Niederländischen Antillen war er schon, in Australien, Florida und Ägypten. Dort allerdings, sagt er, sei es eher ein Glückstreffer, einen Hai zu sehen.

Was Wilkens in Ägypten zudem nicht gefällt, sind die geführten Käfig-Tauchgänge für die Touristenmassen: Die Tiere werden mit Fischen angelockt, vom Käfig aus lassen sie sich dann beobachten. Das jedoch sei reißerisch und gefährlich für die Haie, kritisiert Wilkens. Mit täglichen Fütterungen bringe man auch das natürliche Gleichgewicht durcheinander. „Wenn ich Tiere im Käfig sehen will, gehe ich in den Zoo.“

Er bevorzugt eine ökologisch vertretbarere Variante, bei der die Haie mit einer Flüssigkeit und Fischresten angelockt werden. Zu fressen gibt es die aber nicht, weil sie in einer fest verschlossenen Trommel stecken. Dann kommt es darauf an, wie lange die Haie aushalten. „Oft geht uns nach 60, 80 Minuten die Luft aus und wir müssen raus aus dem Wasser, obwohl die Tiere noch da sind“, erzählt Wilkens.

Angst hat er vor den Jägern nicht, aber Respekt. „Es sind wilde Tiere, die man nicht berechnen kann.“ Doch wer sich an die Regeln halte, sei unter Wasser sicherer als auf der A 8, meint er mit einem Lächeln.

Der Mann, der mit den Haien taucht
Andreas WilkensBild: Sommer

Dennoch, seine Frau und die siebenjährige Tochter seien froh, wenn er wieder heil nach Hause kommt.

Wichtig ist – wie bei jedem anderen Tauchgang auch – eine gute Vorbereitung: Welche Zeichen werden zur Verständigung unter Wasser verwendet, wie verhält man sich in einer brenzligen Situation? Rückt einem ein Tier zu nahe, wedelt man am besten mit der Hand, weiß Wilkens. Die entstehende Druckwelle empfindet der Hai als unangenehm. Auch ein Luftschwall durchs Atemgerät irritiert die Tiere und hält sie auf Abstand. Nicht anfassen, nicht herumzappeln und die Tiere im Auge behalten, rät der Tübinger. „Wenn plötzlich hinter dir ein Hai auftaucht, dann erschrickst du schon mal.“

Das weiß er aus eigener Erfahrung: Bei seinem ersten Tauchgang mit Haien auf den Kapverden war da plötzlich ein großer Hammerhai vor ihm, ein beeindruckendes, fünf Meter langes Exemplar. „Ich hab’ mir fast in die Hose gemacht und weiß nicht, wer schneller weg war, er oder ich“, gesteht Wilkens grinsend. Er kennt die Anzeichen für einen bissfreudigen Hai gut: Vor dem ersten „Probebiss“ kommt das Tier ganz nahe und streift den Taucher. Ihn packte vor zwei Jahren ein Tier an der Flosse und zog ihn leicht nach unten. „Da kommt kurz das Adrenalin hoch.“

Dabei schmeckten Menschen den Haien gar nicht: Nach dem ersten Bissen lassen sie meist von ihren Opfern ab. Das hilft denen allerdings nicht immer: Wen es schwer getroffen hat, der verblutet. In Versuchung führen vor allem Schwimmer und Schnorchler die Haie – von unten sehen die Freizeitsportler wie potenzielle Beutetiere aus. Besonders wichtig ist deshalb, dass Taucher aufrecht im Wasser stehen, sagt Wilkens: „Das kennt der Hai nicht, so ist man kein Opfer für ihn.“

Jede Sekunde sterben drei Haie

Die schaurigen Geschichten von Haiangriffen stecken in vielen Köpfen, bedauert Wilkens. Und dazu kommen reißerische Filme wie „Der weiße Hai“ – da könnte der Vertriebsdirektor einer Versicherung aus der Haut fahren. Dabei endeten jährlich nur fünf bis 15 Unfälle mit Haien tödlich. „Alle haben Angst vor Haien, aber wieso eigentlich? Der Hai ist das böse Tier und wird entsprechend behandelt“, ärgert er sich. Die Jagd auf die Tiere hat dazu geführt, dass viele Arten vom Aussterben bedroht sind. „Jede Sekunde sterben drei Haie. Das muss man sich mal vorstellen.“

Wilkens will das Image der Haie verbessern. Kindergarten- und Schulkindern hat er schon von seinen Taucherlebnissen berichtet, außerdem unterstützt er Petitionen gegen Fangaktionen. Manch ein Tauchanbieter oder Reisebüro wirbt mit seinen Videos um Kunden, auch der US-amerikanische „Discovery Channel“ wollte schon Filmmaterial von ihm. Diese Zusammenarbeit klappte aber nicht, weil man sich nicht über die Konditionen einig wurde. Andreas Wilkens freut sich über das Interesse. Er will möglichst vielen Menschen zeigen, was für tolle Tiere Haie sind. „Vielleicht ändert sich dann ihre Einstellung“, hofft er.

Wilkens wird bald wieder abtauchen: Im Oktober steht die nächste Tauchreise an, es geht mal wieder nach Südafrika.

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03.09.2010, 12:00 Uhr

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