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Willi Rudolf zum Hohle Fels und dem Mössinger Polizeiposten

Der Mobilisierer

Die politische Atempause ist fast vorbei: Zeit für Willi Rudolf, mal zu einem Gespräch im heimischen Garten einzuladen. Seine Themen: die Mössinger Bauwerke, die Behinderten, die Busse und sein Buch.

29.08.2012
  • Eike Freese

Man mag zu den Standpunkten des Regionalpolitikers Willi Rudolf (FWV) stehen wie man will – von eingeschränkter Mobilität kann beim 67-Jährigen jedenfalls nicht die Rede sein. Berlin, Stuttgart, Tübingen, Mössingen, Öschingen: das sind die konzentrischen Kreise, die Rudolf mit seinem summenden Rollstuhl inzwischen zieht. Immer im Auftrag der Behindertenrechte unterwegs – der Rechte anderer, aber seiner eigenen natürlich auch.

„Als selbst Betroffener besteht natürlich immer die Gefahr, dass man die Dinge da draußen über Gebühr auf sich selbst bezieht“, sagt Rudolf. Und meint damit etwa den Fehlschluss, Rollstuhlfahrern größere Aufmerksamkeit zukommen zu lassen als etwa Seh- oder Hörbehinderten. Mit den Jahren, so Rudolf, könne er in seinen Ämtern als Behinderten-Experte in diversen Gremien allerdings immermehr Überblick beweisen. Aus einem einfachen Grund: „Ich bin nicht mehr der Jüngste. So langsam bin ich 67. Da lassen zwangsläufig auch die Sinne nach: das Hören und das Sehen.“

Und doch: Dazu, Fehler in der Behindertenpolitik auch im Kleinen zu finden, reichen Rudolfs Sinne noch bestens aus. Der Behindertenbeauftragte des Kreises hält die Augen auf, egal ob in Berliner Bussen, am Stuttgarter Flughafen, am Tübinger Bahnhof oder im Mössinger Stadtverkehr. „Es gibt überall etwas zu tun“, sagt Rudolf. Und fängt an, zu erzählen: Von gehbehinderten Passagieren etwa, die in Leinfelden immer noch ins Flugzeug getragen werden müssen, wenn sie die Gangway benutzen. „Das ist mittelalterlich“, so Rudolf, „da gibt es etwa in Spanien schon ganz andere Lösungen“.

Nach Willi Rudolfs langen Ausführungen kann man sich in etwa zusammenreimen, worin zum Beispiel der Unterschied besteht zwischen der Karsthöhle Hohler Fels in Schelklingen und dem Öschinger Rathaus: die eine ist bestens zugänglich für Gehbehinderte, das andere hat so seine Macken.

Wahren Pfusch sieht der Kreis-, Stadt- und Öschinger Ortschaftsrat aber in der Mössinger Pausa und vor allem am neuen Polizeiposten in der Karl-Jaggy-Straße (siehe Infokasten rechts). „Es ist ja schön, dass die Polizei von sich denkt, fit und sportlich zu sein“, so Rudolf. „Aber wenn ich mir das Haus so angucke, muss ich sagen: Man braucht schon viel Intelligenz, um auf so viele dumme Ideen zu kommen.“

Eine kluge Idee war es indes offenbar, vor rund zwei Jahren mit der Journalistin Hiltrud Schwenzer seine Erinnerungen „Geht nicht, gibt’s nicht“ herauszubringen. „Ist inzwischen fast ausverkauft“, darf Rudolf berichten. Der gebürtige Öschinger denkt gerade über ein neues Werk nach. Das könne dann etwa „Über den Umgang mit Nichtbehinderten“ heißen, schmunzelt er. „Die Unsicherheiten sind ja auf beiden Seiten da“, sagt Rudolf.

„Es verunsichert etwa, wenn man den ganzen Tag zuhause ist, weil man aufgrund fehlender Angebote das Heim einfach nicht verlassen kann.“ Und Vorurteile, die gebe es schließlich auch auf Seiten Behinderter. Nicht nur Nichtbehinderten gegenüber, wie Rudolf betont. „Eins ist doch klar“, sagt der 67-Jährige: „Auch Behinderte haben Macken.“

Der Mobilisierer
Bücherschreiber, Behindertenbeauftragter und selbst Betroffener: Kreisrat, Stadtrat und Ortschaftsrat Willi Rudolf am Mössinger Busbahnhof.Bild: Franke

Zu tun gibt es überall etwas, aber der Behindertenbeauftragte des Kreises sieht im Mössinger Pausa-Gelände, im neuen Polizeiposten und bei Bussen und Bahnen derzeit den größten Handlungsbedarf. So ist in der umjubelten Pausa-Tonnenhalle in Rudolfs Augen etwa das begehbare Podest vor dem Eingang des Regionalverbands nur ungenügend gesichert. Schwarzer Stein, unmarkiert, ohne Geländer und etwa kniehoch. „Das ist gerade für Sehbehinderte eine große Stolperfalle“, so Rudolf. Im neuen Mössinger Polizeiposten in der Karl-Jaggy-Straße sieht Rudolf noch mehr Barrierefreiheits-Pfusch am Werk: Der sei zwar ebenfalls hoch gelobt, doch für Gehbehinderte nur schwer zu erreichen. Vom Parkplatz führt kein ebener Zugang zum Gebäude, der Behindertenparkplatz bietet keine garantierte Breite, die Klingel ist für manchen Rollstuhlfahrer zu hoch, die Außenkamera kann ihn zudem nicht erfassen. „Es geht noch viel weiter“, so Rudolf. „Ich frage mich, wie es zu einer solchen Summierung von Fehlleistungen kommen konnte.“ Im Personennahverkehr erhofft sich Rudolf verbindliche Regeln im Nahverkehrsplan, der demnächst im Kreistag zur Debatte steht. „Bei der Neuausschreibung von Linien muss verpflichtend festgeschrieben sein, dass dass Linienbusse mit Klappen für Rollstuhlfahrer ausgerüstet sind“, so Rudolf. Unser Bild oben zeigt so eine Busklappe, die, so Rudolf, „ohne großen Aufpreis zu haben ist“.

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29.08.2012, 12:00 Uhr

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