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Krimi

Der Mord am Sonntag

46 Jahre Laufzeit, 2282 Leichen – und das in 1000 Folgen. Der ARD-„Tatort“, die erfolgreichste Fernsehreihe Deutschlands, feiert wieder mal ein Jubiläum. Es wird nicht das letzte sein.

12.11.2016

Von GUDRUN SOKOL

„Im Schmerz geboren“: Kommissar Felix Murot (Ulrich Tukur) in der fulminanten Schlussszene. Foto: ARD

Nach 999 Folgen, Einschaltquoten von bis zu 14 Millionen Zuschauern und immer mehr Ermittler-Teams finden sich für den „Tatort“ laufend Anlässe, die Krimireihe zu bejubeln. Folge Nummer 1000 hat jedoch eine besondere Würdigung verdient. Selten lässt sich für einen Verbrecher so leicht Verständnis aufbringen, und selten ist ein „Tatort“ so spannend.

Und das, obwohl „Taxi nach Leipzig“ vergleichsweise einfach gestrickt ist, die Leiche vorschriftsmäßig in der ersten Viertelstunde liegt, der Mörder sofort feststeht und kein problembeladenes Privatleben eines Kommissars stört. Wer Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und Klaus Borowski (Axel Milberg), die gefesselt im Fond eines Taxis sitzen, dabei zuguckt, wie sie versuchen, den Mörder in Schach zu halten, muss weder eine verschachtelte Handlung fürchten, noch überzeichnete Figuren oder abseitige Wendungen.

Glaubwürdigkeit, Lokalkolorit und ein nicht allzu komplizierter Fall, der den Zeitgeist der Bundesrepublik spiegelt: Von diesem einstmals strengen Regelwerk ist Deutschlands langlebigstes Serienformat zuletzt weit abgekommen. Vorwiegend komödiantisch geht es in Münster zu, wo das Duo Boerne/Thiel (Jan Josef Liefers und Axel Prahl) mit meist unkonventionellen Mitteln Mörder jagt und damit vor allem das junge Publikum beeindruckt, zum Rudelgucken in die Kneipe lockt, Stoff für soziale Medien und die Vermarktung des „Tatorts“ (Spiele, Bücher, Apps?.?.?.) liefert.

Die preisgekrönte HR-Folge „Im Schmerz geboren“ mit Ulrich Tukur war 2014 der bisherige Höhepunkt in der Experimentierfreude der „Tatort“-Macher: Der Fall von Kommissar Felix Murot – ein Rache-Drama à la Shakespeare, erzählt im Stil eines Tarantino-Westerns – war großes Theater im Fernsehen und endete in einem Blutbad: 51 Leichen steuerte die Folge zu den bislang 2280 „Tatort“-Toten bei.

Generell ist der „Tatort“ leichenreicher geworden und – entgegen dem Regelwerk von 1970 – brutaler. Vom Grundsatz, dass der Mörder am Ende gefasst sein muss, damit Fernseh-Deutschland gut schlafen kann und gelernt hat, dass sich Verbrechen nicht lohnt, wichen die Verantwortlichen ab: So entkam Lars Eidinger 2012 in „Borowski und der stille Gast“. Und erst Ende Oktober konnten die Münchner Kommissare Leitmayr und Batic in „Die Wahrheit“ den Täter auch nach wochenlangen Ermittlungen nicht fassen. Beide Folgen verlangten eine Fortsetzung.

Warum der „Tatort“ als letztes Lagerfeuer die Fernsehnation eint, ist eine Wissenschaft für sich. Fest steht: Es hat mit der Faszination am Verbrechen zu tun, mit der Lust am gemeinsamen Ritual und dem angestammten Sendeplatz zum Ausklang des Wochenendes. Der „Tatort“ gehöre zum Sonntag „wie Glockengeläut und Verwandtenbesuch“, formuliert es ARD-Programmdirektor Volker Herres.

Vor allem hat der Erfolg damit zu tun, dass öffentlich-rechtliches Fernsehen noch etwas kosten darf: Knapp eineinhalb Millionen Euro pro „Tatort“-Folge sind angesetzt. Dafür bekommt man anständige Drehbücher, erfahrene Autoren und Regisseure – und eben auch junge Kollegen, die versuchen, die Grenzen des Genres auszureizen. „Der Tatort verträgt viel“, meint dessen Erfinder Gunther Witte (81).

Natürlich steuern die Darsteller ihren Teil bei. Und Top-Schauspieler haben ihren Preis. Dass die Jubiläumsfolge ausgerechnet mit den am besten bezahlten Kommissaren besetzt ist, wird kein Zufall sein. Nach branchenüblichen Schätzungen, die „Bild“ kürzlich veröffentlicht hat, bekommt Furtwängler pro Folge 220?000 Euro, Milberg immerhin 115?000 Euro.

Die beiden, die sich auch privat gut verstehen (sie ist die beste Freundin seiner Frau), geben im 1000. „Tatort“ perfekt das nordisch-spröde Geiselpaar. Er versucht sich als Taktierer, sie als Macherin. Er beschwichtigt, sie provoziert. „Diese Frau hat die Sensibilität eines Schneepflugs“, lässt Borowski die Zuschauer wissen und beschimpft sie direkt: „Sie unfassbare Idiotin.“

Zwei rohe Eier zum Einstand

Zwar sind die Kommissare Autoritäten, die jeden Sonntag in ein Millionenpublikum transportieren, was Gut ist und was Böse und wo die Grenze von Norm und Moral liegt. Sie dürfen sich aber ihre Schwächen leisten: für Alkohol wie Kommissar Steier aus Frankfurt (Joachim Król), für Angeberei (Liefers als Professor Boerne) und für Kraftausdrücke.

Eines seiner ersten Worte war „Scheiße“, und zum Einstand verschlang er zwei rohe Eier als Frühstück – da wussten die Zuschauer 1981 sofort, woran sie bei Horst Schimanski waren. Der Ruhrpott-Proll machte den im Juli mit 77 Jahren gestorbenen Götz George zur TV-Legende.

Starke Typen spielen im „Tatort“ die Hauptrolle. Regionale Eigenheiten werden betont, verschiedene Milieus beleuchtet. Thematisiert wird, was gesellschaftlich relevant ist. Und da hat man in 1000 Folgen so einiges abgearbeitet, was Stoff für ganze Bücher hergibt. Viele Themen wurden naturgemäß mehrfach aufgegriffen: Gewalt gegen Kinder, Prostituierte und Obdachlose, Müll- und Lebensmittel-Skandale, Verbrechen von Geistlichen und anderen vermeintlich Guten.

Im Jubiläumsfall geht es um einen ehemaligen Elite-Soldaten (Florian Bartholomäi), der unter den Folgen seines Afghanistan-Einsatzes leidet. Getrieben von Rachsucht aus verschmähter Liebe nimmt er Geiseln, bei denen es sich zufällig um Polizisten handelt. Der Krimi ist ein Spiel mit Ur-Ängsten: Verirrt-Sein bei Vollmond im dunklen Wald, ein unheimliches Knurren im Nacken, ein einsamer Schuppen, der von angriffslustigen Wölfen umstellt ist. Fehlt nur, dass die Leiche am Ende die Augen wieder aufschlägt.

Das tut sie in einem „Tatort“ natürlich nicht – noch nicht. Jeder Fall müsse in der Realität denkbar sein: Die Maxime, die WDR-Dramaturg Gunther Witte 1970 ausgab, gilt nach 1000 Folgen nur noch bedingt. Was dem „Tatort“ viel Spielraum für die Zukunft lässt.

Die Jubiläumsfolge: Kommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und Klaus Borowski (Axel Milberg) werden als Geiseln genommen. Foto: ARD

„Reifezeugnis“: Kommissar Finke (Klaus Schwarzkopf) befragt Sina Wolf (Nastassja Kinski). Foto: ARD

„Taxi nach Leipzig“: Kommissars Paul Trimmel (Walter Richter, rechts) mit Paul Albert Krumm. Foto: ARD

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Erstellt:
12. November 2016, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
12. November 2016, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. November 2016, 06:00 Uhr

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