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Die älteste Kapelle ist auch die jüngste

Der Musikverein Hailfingen wird 200 Jahre alt

Noch gibt es im ganzen Landkreis Tübingen nicht viele Vereine, die eine zweihundertjährige Geschichte vorweisen können. Jetzt gehört auch der Musikverein Hailfingen zu diesem exklusiven Club: 1811 gegründet, hat der Gäu-Stadtteil die älteste Musikkapelle zumindest im Rottenburgischen. Und dabei soll in Hailfingen schon Ende des 18. Jahrhunderts ein Sextett von Bürgern öffentlich musiziert haben. Gefeiert werden kommendes Wochenende aber 200 Jahre – unter anderem mit dem Kreismusikfest am Sonntag und einem Auftritt der Puhdys, nicht nur für Fans eine lebende Rock-Legende, am Freitagabend. Wir schauen weit zurück in die Vereinshistorie.

15.09.2011
  • Yvonne Arras

Hailfingen. Kaum hatte Sebastian Kaiser, Orgelbauer und Musiker, 1811 eine Musikantenkapelle gegründet, tönte diese auch schon zehnstimmig. Vorläufer allerdings war eine sechsköpfige Blaskapelle, die laut Vereinschronik nachweislich bereits im 18. Jahrhundert bestanden hat. 1842 löste Johannes Wellhäuser Kaiser als Dirigent ab. Mit einer großen Zahl auswärtiger Feiern und Festlichkeiten erreichte der noch junge Verein die „Glanzzeit des 19. Jahrhunderts“, als die jene Jahre heute in den Annalen verzeichnet sind. Wellhäusers Tod 1861 bedeutete „eine fast lähmende Verringerung der Mitglieder“.

Der Musikverein Hailfingen wird 200 Jahre alt
Aus dem Jahr 1891 stammt dieses älteste erhaltene Bild der Hailfinger Musikkapelle. Und man weiß auch noch, wen es zeigt. Von links nach rechts saßen damals Anton Kern, Thomas Grammer, Robert Kaiser, Hugo Kaiser, Jakob Kaiser, Andreas Hammer, Wendelin Kaiser, Dirigent Philipp Grammer, Pius Kaiser, Johannes Walz, Anton Kittel und Anton Kaiser dem Fotografen.Bild: Musikverein Hailfingen

Ein Jahr später, 1862, kam Simon Hammer. Mit ihm wuchs die Kapelle wieder auf zwölf Stimmen und erspielte sich bei Auftritten im Raum Herrenberg, Calw, Nagold, Tübingen einiges Ansehen. Philipp Grammer, Dirigent ab 1881, bemühte sich erstmals (und noch vergeblich), eine gesonderte Jugendkapelle aufzustellen. Andreas Hammer, Vorstand ab 1891, konnte eine drohende Spaltung gerade noch abwenden.

Erst die Zwanziger brachten Stabilität

Alois Kaiser, einer der ältesten Aktiven, manövrierte den fast lahmgelegten Verein zäh, aber erfolgreich durch die Jahre des Ersten Weltkrieges. Nach Kriegsende schienen neue Mitglieder, neue Instrumente, Umbesetzungen und Abspaltungstendenzen schier unlösbare Probleme darzustellen. Allen Umständen zum Trotz nahm schließlich Andreas Hammer 1919 nochmals das Steuer des Vereins in die Hand, hielt reihenweise Proben in engsten Räumen, kaufte Instrumente. Diese Ära gilt heute als Wendepunkt in der Vereinsgeschichte.

Der Musikverein Hailfingen wird 200 Jahre alt
Blasmusik-Idylle unter Bäumen: Der Hailfinger Musikverein bei einem Sommerständchen Anfang der 1930er Jahre.Bild: Musikverein Hailfingen

Mit einer runderneuerten Satzung, die den Vorstand vom Dirigenten trennte, starteten die Musiker ab 1929 wieder durch. Erster Vorstand damals war Bernhard Wellhäußer, Dirigent für ein Jahr Max Kaiser. Johannes Ulrich, Kaisers Nachfolger am Pult ab 1930, führte die Kapelle von Erfolg zu Erfolg. 1931 in den Verband Schwarzwaldgau aufgenommen, erspielten sich die Hailfinger im selben Jahr beim Gaumusikfest in Eutingen den 1a-Preis in der Mittelstufe mit der Note „vorzüglich“. Eine Leistung, die die Musikanten gleich beim nächsten Gaumusikfest in Hirschau wiederholten.

Unverkennbar waren die Ambitionen des Vereins nach seiner Wiedergeburt mächtig gewachsen. Beim ersten Bundesmusikfest in Freiburg im Juni 1933 ergatterten die Blasmusiker den 1a-Preis in der Mittelstufe, trotz Konkurrenz aus Württemberg, Schweiz und Elsass. Wertungsspiele endeten damals meist „vorzüglich“. Und es wurde repräsentiert: Am 26. Juli 1936 feierte der Verein mit einem glänzenden Musikfest sein 125-jähriges Bestehen, Festdamen und großer Umzug durch den ganzen Ort inklusive.

Das Wachstum der Kapelle kostete allerdings Geld. Erst ein Sparprogramm erfüllte 1937 den Wunsch einer eigenen Uniform. Dirigent Johannes Ulrich, Vorstand ab 1938, manövrierte den Verein noch durch die letzten Friedensjahre der NS-Herrschaft. Dann legte der Zweite Weltkrieg das Vereinsleben beinahe lahm, und bald war abermals Neuaufbau angesagt: Josef Teufel, Vorstand ab 1946, bildete laut Chronik in „mühevoller Kleinarbeit“ eine siebenköpfige Nachwuchskapelle an – als Ergänzung zur 14-köpfigen Kapelle der Aktiven.

Der Musikverein Hailfingen wird 200 Jahre alt
Uniformen gab’s erst vier Jahre später: die Hailfinger Musiker in Marsch-Zivil, wahrscheinlich beim Bundesmusikfest 1933 in Freiburg.Bild: Musikverein Hailfingen

Ablenkung vom allgegenwärtigen Wiederaufbau („wenigstens für ein paar Stunden“, wie die Chronik schreibt) bot 1949 der erste Fasnetsumzug im Ort. Obwohl Teufel die Zahl der aktiven Musiker zu stabilisieren verstand, wechselte 1950 die Spitze erneut. Unter dem neuen Vorsitzenden Johannes Bleier trat der Verein wieder erfolgreich zum Wertungsspiel an. Richtig aufwärts aber ging es, seit 1952 Karl Bengel, Musikdirektor der Stadtkapelle Rottenburg und nicht nur wegen seines Narrenmarsches eine lokale Legende, den Dirigentenstab übernahm. Beim Bundesmusikfest in Aalen 1954 vollbrachte die Hailfinger Kapelle schon wieder musikalische Glanzleistungen.

Als in den 50er und 60er Jahren auch in Hailfingen neue Vereine entstanden, stellte das den Vorstand der Musiker vor Herausforderungen. Die musikalische Geschäftigkeit ließ zeitweilig nach, nicht aber die kulturelle Bedeutung des Vereins. Mit 172 Mitgliedern wuchs er unter Martin Grammer, Vorsitzender ab 1960, zur regionalen Größe. Unter Grammer verständigten sich die Musikvereine Bondorf, Seebronn und Hailfingen auf das „Dreier-Treffen“ – ein jährlich den Austragungsort wechselndes gemeinsames Fest, um die Nachbarschaft zu stärken. In den neunziger Jahren lebte es, nun als Jugendkonzert, als fester Termin im Jahreskalender wieder auf.

Seit 1962 spielen auch Frauen mit

Grammer schob in seiner Vorstandszeit noch mehr an: Seine Idee, den Musikverein die Begleitung bei Erstkommunionen übernehmen zu lassen, wurde zum festen Usus bis heute. Und sein Engagement sorgte 1962 auch dafür, dass die ersten Frauen an die Instrumente kamen – hier gehörten die Hailfinger zu den Pionieren auf der Blasmusik-Szene.

Nach Martin Grammers Tod 1963 ging es, zunächst unter Vorstand Hugo Kaiser und dem Dirigenten Musikdirektor Max Muschiol, weiter aufwärts. 1964 wurde der Musikverein ins Vereinsregister eingetragen, Ende der Sechziger erhielt er ein neues Probelokal. 1970 schließlich bekamen die Hailfinger, aus Anlass ihres 150-jährigen Bestehens bei der Hauptversammlung des Bundes Deutscher Volksmusiker die kurz zuvor von Bundespräsident Heinrich Lübke gestiftete Pro Musica-Medaille verliehen.

In den folgenden Jahren festigte der Verein unter wechselnden Vorständen sein Ansehen, baute auf Jugendarbeit, pflegte Traditionen und Auftritte zu verschiedenen Festlichkeiten und nahm weiter an Wertungsspielen und Musikfesten teil. 1986 rief Robert Ugele die alljährliche Krautnudel-Hocketse rund um das Hailfinger Rathaus ins Leben. Gebührend gefeiert wurde auch das 180-jährige Bestehen. Im April 1995 leistete sich der Musikverein Hailfingen schließlich eine zeitgemäße Uniform.

Der 190-Jahr-Feier im Jahr 2001 mit ihren zahlreichen Veranstaltungen prägte bereits Werner Vogt seinen Stempel auf, der seit 1997 als Vereinschef amtierte, aber schon 2002 unerwartet starb. In diesen wenigen Jahren allerdings gab er der Vereinsführung ganz neue Impulse. Mit thematisch ausgerichteten Workshops im Vorfeld von Vereinssitzungen wollte Werner Vogt den Musikverein dazu fit machen, besser für die Herausforderungen einer sich rasant verändernden Gesellschaft gerüstet zu sein.

Ein Nachfolger fand sich nicht gleich. Der Zweite Vorsitzende Holger Teufel leitete den Verein zunächst kommissarisch, bis Gottfried Löffler 2005 das Zepter übernahm. Unter seiner Ägide wurde unter anderem die in die Jahre gekommene Satzung überarbeitet. Im Blick hatte Löffler zudem die Jugendarbeit: Er stieß nicht nur eine Blockflötenausbildung für Kinder ab der ersten Schulklasse an, sondern leitete auch eine Kooperation zur musikalischen Früherziehung mit dem örtlichen Kindergarten in die Wege. Löffler legte darüber hinaus die Grundsteine für die 200-Jahr-Jubiläumsfeier, sorgte frühzeitig dafür, dass Hailfingen den Zuschlag fürs Kreismusikfest 2011 erhielt.

Dirigieren wird den Musikverein dabei Andreas Großberger, musikalischer Leiter seit 2008 in der Nachfolge von Joachim Schöpe. Seit Gottfried Löffler 2010 die Leitung aus der Hand gab, führt den Verein eine Troika: Die drei Ersten Vorsitzende Marc Swoboda (Verwaltung), Wolfgang Schmid (Finanzen) und Frank Wild (Kapelle), teilen sich in die Verantwortung.

338 Mitglieder zählen heute zum Verein, davon spielen 54 aktiv in den Kapellen. Mit einem Durchschnittsalter von 26,4 Jahren gehören die Hailfinger zu den jüngsten Kapellen in Baden-Württemberg. Allerdings fließt auch besonders viel Engagement in die Jugendarbeit ein. Von der musikalischen Früherziehung bis zur Instrumentalausbildung fördert der Verein bereits Kinder ab 11 Jahren. Dank 40 Stimmen in der Jugendkapelle, weiteren 15 Anfängern und acht Jugendausbildern scheint er für die Zukunft gut gerüstet.

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15.09.2011, 12:00 Uhr

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