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Ein eigener Marsch für Tübingen

Der Musikverein feiert seinen 100. Geburtstag

Für die Chronik des Musikvereins Derendingen hat Hermann Dobler in Archiven gewühlt und Vereinskameraden auf ihren Dachböden stöbern lassen. Sogar seine Mutter hat er eingespannt. Und Spannendes zutage befördert. 100 Jahre alt ist der Musikverein in diesem Jahr.

13.04.2011

Tübingen. Hermann Dobler bläst im Musikverein Derendingen die Tuba, „ein wunderbares Instrument“, sagt er. So wenig die Kapelle auf die Tuba verzichten kann, so wenig kann es der Verein auf seinen ehemaligen Vorsitzenden. Der nämlich ist ein leidenschaftlicher Hobby-Archivar. Nicht nur, weil er vieles aufhebt, auch weil er gerne stöbert und dabei allerlei herausfindet.

Vor 25 Jahren hat er eine Festschrift für den Musikverein verfasst, zu dessen 75-jährigem Bestehen. Es ist damals eine typische Vereinschronik geworden, aus der Dobler in den vergangenen zwei Jahren aber weit mehr gemacht hat. Zum 100. Geburtstag des Musikvereins erscheint nun ein Buch mit 206 Seiten, das mehr als nur die Vereinsgeschichte beleuchtet. Dobler sammelte gar so viel, dass es zu einer eigenen Ausstellung reicht. „Sterne über Tübingen“ heißt sie und wurde am Freitag, 15. April, im Stadtmuseum eröffnet.

Tübinger Marsch in der Uraufführung

Der Ausstellungstitel ist der Titel des einzigen Tübinger Marsches, den es gibt – und der eigens für den Musikverein Derendingen komponiert wurde. Geschrieben hat ihn 1961 der Rottenburger Otto Heinrich Springer – der Vater des Künstlers und Komponisten Günter Springer, der immer die Rottenburger Fasnetslieder komponiert.

Erhalten von dem Marsch waren nur handschriftliche Noten – und davon nur Teile. „Der wurde wahrscheinlich nie gespielt“, sagt Hermann Dobler. Aber zum 100-Jahr-Jubiläum wurde er endlich aufgeführt – beim Konzert am Samstag, 30. April, in der Turnhalle Derendingen. Günter Springer hat den Marsch dafür rekonstruiert und für 36 Instrumente gesetzt – genau passend für den Musikverein Derendingen.

Beim Stöbern hat Dobler aber nicht nur Noten entdeckt. Erhalten sind sämtliche Protokolle von Sitzungen, interessanter Stoff, „bei dem man auch vieles zwischen den Zeilen lesen kann – Privates und so“, sagt Dobler. Er hatte jedoch ein Problem: Er konnte die alten Protokolle gar nicht lesen. Die altdeutsche Schrift „sah aus wie kyrillisch“. Auch Fritz Kern, ebenfalls früher im Vorstand und sozusagen der „zweite Chronist“ neben Dobler, war aufgeschmissen. „Einer der Schriftführer hatte eine winzig kleine Schrift, das war kaum zu entziffern.“ Hilfe kam von Doblers Mutter, die dem Sohn Blatt für Blatt vorlas – als Diktat.

Für das Buch hat Dobler nun aber mehr als Protokolle gesichtet. „Es sollte mehr sein als die Vereinsgeschichte – und etwas mit Tübingen zu tun haben.“ Das wäre nun einfach gewesen, wenn Tübingen auch einen Musikverein hätte. Hat es aber nicht. Nur Lustnau und Derendingen haben eigene Kapellen. Warum das so ist, das fand Dobler nun heraus.

Es hat etwas mit seiner zweiten Leidenschaft zu tun, der Eisenbahn. In einem Zeitungsartikel von 1861 fand er Erhellendes. Damals fuhr der erste Zug nach Tübingen, und er wurde mit großem Trara begrüßt, unter anderem vom „Klang der Janitscharen“, so die „Tübinger Chronik“. Die Janitscharen, erklärt Dobler, waren die Elitetruppe im Osmanischen Reich. Es handelte sich um zum Islam (zwangs-)konvertierte Christen. Die türkische Militärmusik wurde allgemein „Janitscharenmusik“ genannt – und aus ihr sei, so Dobler, die Blasmusik entstanden, wie sie heute noch gespielt wird. „Man sieht den Ursprung noch am Schellenbaum bei den Umzügen der Musikvereine“, so Dobler. Deren Form sei der türkische Halbmond.

Eine solche Militärkapelle gab es also offenbar auch in Tübingen. Und als die Stadt 1874 Garnisonsstadt wurde, stellte das Militär eine eigene Kapelle. Die gab Platz- und Streichkonzerte, spielte Blas- und Tanzmusik. „Dadurch gab es keinen Bedarf für eine andere Kapelle“, sagt Dobler.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, als sich sowohl in Derendingen als auch in Lustnau die während der Nazi-Diktatur verbotenen Musikvereine neu gründeten, entstand in Tübingen kein neuer Musikverein. „Außer uns“, so Dobler, „aber da waren wir Derendinger ja auch schon Tübinger geworden“.

Und zwar welche, die bei besonderen Anlässen immer noch gerne angefragt werden. „Wir haben auch bei der Einsetzung von OB Palmer gespielt“, sagt Kern nicht ohne Stolz.

Ausstellung und Jubiläumskonzerte

Die Ausstellung „Sterne über Tübingen“ im Stadtmuseum Tübingen, Kornhausstraße 10, ist von Samstag, 16. April, bis Sonntag, 22. Mai, zu sehen. Das Museum ist dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet.

Der Musikverein Derendingen lud am Samstag, 30. April, um 20 Uhr in die Turnhalle Feuerhägle zum Jubiläumskonzert. Das Festwochenende (im Zelt) ist am 1. und 2. Juli mit „Herrn Stumpfes Zieh & Zupf Kapelle“ (1. Juli, 20 Uhr), den „Neuen Schwaben Musikanten“ und der Blaskapelle Gloria (2. Juli, 20.30 Uhr). Karten im Vorverkauf unter www.musikverein-derendingen.de und Telefon 01 76 / 58 34 60 36.

Der Musikverein feiert seinen 100. Geburtstag
1913 posierte die „Musikkapelle Derendingen“, die erst später ein Verein wurde, für eine Postkarte. Es ist das erste Bild, das es von der Kapelle gibt. Darauf zu sehen sind: (vordere Reihe von links) Jakob Jetter, Christian Sautter, Wilhelm Schaupp, August Hayes, (mittlere Reihe von links) Karoline Wohlbold, Wilhelm Wohlbold, Eugen Gutbrod, Wilhelm Kemmler, Wilhelm Wohlbold, Christian Kemmler, Marie Wohlbold, (hintere Reihe) Konrad Sautter, Hermann Herdle, Karl Nußbaumer. Die beiden Frauen waren keine Musikerinnen.

Der Musikverein feiert seinen 100. Geburtstag
Hermann Dobler.

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13.04.2011, 12:00 Uhr

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