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Dettingen·Gewässerentwicklung

Der Natur freien Lauf lassen

Bei Dettingen wurden im Herbst 43 Jahre alte Querbauwerke aus dem Neckar entfernt. Die örtlichen Fischer sehen auch Nachteile.

20.04.2019

Von Alisa Swoboda

Ein Bagger holt die Stahlbewehrung aus dem Fluss.

Aufmerksamen Spaziergängern ist es bereits aufgefallen: Der Neckar hat bei Dettingen eine Veränderung erlebt. Zwei Kaskaden wurden schon im Herbst 2018 ausgebaggert. Der Fischereiverein Dettingen hatte kritisch angemerkt, dass dadurch die Forellen nicht mehr den Dießener Bach zum Laichen hinauf ziehen können.

Axel Pälchen vom Regierungspräsidium Karlsruhe erklärte im Gespräch mit der SÜDWEST-PRESSE das nicht ganz so plötzliche Verschwinden der Schwellen: Es geschah im Zuge der Umsetzung der EU-Wasserrahmenrichtlinie. Sie soll in der gesamten EU den guten ökologischen Zustand der Gewässer sicherstellen.

Um zu verstehen, warum die Kaskaden bei Dettingen dem entgegenstanden, muss man wissen, woher sie kamen. Das war zu Beginn der Planungen selbst beim Regierungspräsidium niemandem mehr bekannt. Klar war nur: Die Kaskaden sind künstlich. Wie man recherchierte, wurde 1975 die Bundesstraße an dieser Stelle verbreitert. Damals beschrieb der Neckar dort eine scharfe Linkskurve, die im Zuge von Bauarbeiten begradigt wurde. Das Längsgefälle wurde dadurch größer, und der Neckar floss dort schneller. Damit dieses Gefälle keinen Schaden anrichtet, verbaute man dort die beiden Kaskaden. Dadurch wurde der Neckar ausgebremst.

Laut Pälchen geht man heute nicht mehr so vor. Statt mit Begradigungen zu arbeiten, setze man mittlerweile auf „ingenieurbiologischen Verbau“. Dabei sichert man Stelle vor allem mithilfe von Pflanzen. Bäume werden zum Beispiel so gefällt, dass sie gesichert im Wasser liegen bleiben. Man bezeichnet sie als Raubäume. Sie bieten Lebensräume für Jungfische, außerdem fördern sie die Renaturierung.

Die Entscheidung, die Kaskaden zu entfernen, fiel nicht von jetzt auf gleich. Zwei Jahre hatte man in Karlsruhe vorgearbeitet. Das beinhaltete auch Ortstermine in Dettingen, zu denen betroffene Vereine wie örtliche Naturschutzorganisationen und auch der Fischereiverein eingeladen waren. Laut Pälchen sei man erst aktiv geworden, nachdem klar war, dass es keine Einwände gebe.

Die künstlichen Querbauwerke wurden nun entfernt. Mit ihnen verschwanden auch die Schwellen und Stauungen, die durch sie verursacht wurden. Dass die Stauhaltungen nun beseitigt wurden, sei für den Neckar wichtig gewesen, so Pälchen. Sie bestanden aus massivem Stahlbeton und einer Menge Stahl und waren einen dreiviertel Meter hoch. Über die Schwierigkeiten beim Ausbaggern sagte Pälchen: „Da kam Stahl heraus, den nicht einmal der große Kettenbagger herausreißen konnte“. Der Abriss beider Schwellen kostete insgesamt 7000 Euro.

Nun kommen auch sogenannte Makrozoobenthos, verschiedene Kleinlebewesen, wieder an dieser Stelle durch. Diese Wirbellosen halten sich auf dem Gewässerboden („Benthal“) auf und sind nicht kleiner als einen Millimeter, also mindestens so groß, dass man sie gerade noch mit bloßem Auge erkennen kann. Darunter fallen Krebse, Insekten, Schnecken, Muscheln, Würmer, Egel, Strudelwürmer und Schwämme. Je nachdem, welche und wie viele Arten an Makrozoobenthos in einem Gewässer vorkommen, lässt sich die Gewässergüte bestimmen.

Die neue Beschaffenheit des Neckars an dieser Stelle sei übrigens nicht nur für die Umwelt, sondern auch für Kanu-Fahrer ein Gewinn. Ein Schild wies bis zur Entfernung der Kaskaden dort vorbeifahrende Sportler zum Aussteigen an, da Lebensgefahr bestand. Dieses Risiko besteht jetzt nicht mehr.

Bezüglich der Anmerkung der Dettinger Fischer, dass die Forellen nicht mehr zu ihrem Laichplatz gelangen können, sagte Pälchen, die Problematik sei ihm neu. Auch die Fischereisachverständige des Regierungspräsidiums sei voll des Lobes gewesen. Laut Axel Pälchen muss man prüfen, ob es tatsächlich ein Problem gibt. Für den Fall, dass dem dann tatsächlich so ist, äußert er sich klar: „Sollte sich das herausstellen, müssen wir da nachbessern.“ Die Dettinger Fischer planen jedenfalls ihrerseits bereits einen Gesprächstermin mit dem Regierungspräsidium.

Die Schwelle im Neckar bei Dettingen vor dem Umbau. Bilder: Regierungspräsidium Karlsruhe

Die untere Schwelle nach der Entfernung der Querbauwerke.

Inzwischen entferntes Querbauwerk im Neckar bei Dettingen.

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Erstellt:
20. April 2019, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
20. April 2019, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. April 2019, 01:00 Uhr

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