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Der marktgerechte Patient

Filmpremiere

Der Patient als Ware

Drastische Schilderungen aus deutschen Kliniken: Im Kino Museum wurde „Der marktgerechte Patient“ erstmals gezeigt.

09.11.2018
  • Marco Keitel

Gleich die erste Szene des Films löst Betroffenheit aus: Der kleine Dominik, noch im Säuglingsalter, liegt verkabelt auf der Intensivstation einer Münchner Klinik. Er braucht eine neue Leber. In kaum einem mitteleuropäischen Land seien die Wartezeiten für Organtransplantationen bei Kindern länger als in Deutschland, gibt der behandelnde Chefarzt zu Protokoll.

Etwa 80 Interessierte hatten sich am Donnerstagabend im Kino Museum eingefunden, um sich die Deutschlandpremiere des Dokumentarfilms von Leslie Franke und Herdolor Lorenz anzusehen und danach mit dem „Tübinger Bündnis für mehr Personal in unseren Krankenhäusern“ über die Zustände in deutschen Kliniken zu diskutieren.

„Mit kranken Kindern lässt sich kein Geld verdienen“, sagt Christoph Klein, Direktor der Kinderklinik der Universität München, im Film. Seit 2003 werden Krankenhäuser mit Fallpauschalen vergütet. Für jede Diagnose gibt es einen Fixpreis. Um Gewinn zu machen, seien viele Ärzte seitdem dazu angehalten, möglichst schwerwiegende Diagnosen zu stellen und Patienten möglichst früh wieder zu entlassen. Ein Kranker, der mehrere Tage zur Nachpflege auf der Station bleibt, bedeutet Verlust.

Gleichzeitig holen sich Kliniken Wirtschaftsberater ins Haus, die versuchen, für mehr Gewinn die Personalkosten zu reduzieren. Der Druck auf die einzelnen Pflegerinnen und Pfleger wird dadurch immer größer. Patienten, Ärztinnen und Krankenpfleger sind allesamt Verlierer einer Entwicklung, an deren Ende schwarze Zahlen stehen sollen.

Die Folgen dieser Entwicklung illustriert „Der marktgerechte Patient“ mit vielen Beispielen. „Als wir das erste Mal hierherkamen, dachte ich, wir sind im Vorhof zur Hölle“, erzählt die Mutter eines krebskranken Kindes den Filmemachern. Aus Pflegemangel, so sagt sie, könnten die Bedürfnisse der Kinder nicht erfüllt werden.

Von unterbesetztem Pflegepersonal berichtet auch ein älterer Mann, der für eine Operation in die private Asklepios Klinik St. Georg in Hamburg ging. Zum vereinbarten Zeitpunkt sei er dort angekommen und habe ein völlig verwaistes Krankenhaus vorgefunden. Nach einiger Wartezeit sei er plötzlich von einer gestressten Krankenschwester dazu gedrängt worden, schnellstmöglich zum OP-Saal zu kommen, sagt der Mann. Sowohl vor als auch nach der Operation, habe er kaum Chancen gehabt, die behandelnden Ärzte zu sprechen: Die Visiten hätten jeweils nur ein bis zwei Minuten gedauert. Außerdem habe er kaum Nachpflege erhalten, bevor er nach kurzer Zeit wieder entlassen wurde, sagt der Patient.

Diese Beispiele untermauern Franke und Lorenz, die an Aufklärung, nicht an Skandalisierung denken, in ihrem Film mit Statistiken: Die durchschnittlichen Liegezeiten von Kranken wurden in Deutschland in den letzten Jahren fast halbiert. Währenddessen wird in Deutschland mehr operiert als in den meisten anderen Ländern. Viele OPs bringen hohe Fallpauschalen. Außerdem werden in deutschen Kliniken immer mehr Notfälle abgelehnt, weil sich diese oft finanziell nicht lohnen. Der Film zitiert etwa einen Fall, in dem ein Mann, der aus sechs Metern Höhe gestürzt war, von der Notaufnahme eines Krankenhauses abgelehnt wurde. „Werde niemals krank“, ruft eine Zuschauerin im Kino Museum nach der Hälfte des Films in den Saal.

Dass es auch anders geht, zeigt im Film der Fall des Klinikums Dortmund. Dort hat man die Beraterfirmen gefeuert und arbeitet seitdem zusammen mit den Mitarbeitern an langfristigen Lösungen. Zur größeren Zufriedenheit aller Beteiligten: Pflegekräfte haben weniger Stress, Patientinnen und Patienten dürfen, wenn nötig, auch mal ein paar Tage länger im Krankenhaus bleiben.

Beiträge aus dem Plenum

Beiträge aus dem Plenum

Eine Zuschauerin, die am Tübinger Universitätsklinikum beschäftigt ist, berichtete nach dem Film, dass es auch dort große Probleme in Folge des Pflegemangels gebe. Außerdem sei es für gebrechlichere Menschen schwierig, überhaupt einen Platz zur Nachsorge zu finden: „Die Rehas nehmen nur selbstständige Patienten an“, so die Frau. Birgit Peter vom „Tübinger Bündnis für mehr Personal in unseren Krankenhäusern“ stellte abschließend klar: „Wir wollen ein Gesundheitssystem, das die Bedürfnisse aller erfüllt.“ Für einen ersten Schritt in diese Richtung dürften mit der Gesundheitsversorgung keine Profite mehr gemacht werden.

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09.11.2018, 19:50 Uhr

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