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Prof. Theodor Haering empfahl sich höchstwahrscheinlich selbst als Ehrenbürger

Der Philosoph als Anonymus

Prof. Theodor Haering hat sich „mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit“ selbst als Ehrenbürger vorgeschlagen. Zu diesem Ergebnis kommt ein wissenschaftliches Gutachten. Am 9. Dezember 1954 hatte ein Anonymus angeregt, dem damaligen Stadtrat die Ehrenbürgerwürde zu verleihen.

20.12.2008

Von Manfred Hantke

Tübingen. Seit mehr als 50 Jahren liegt der mit Schreibmaschine getippte anonyme Brief in der Akte des Tübinger Ehrenbürgers Theodor Haering im Tübinger Stadtarchiv. Den Eingang des vom 9. Dezember 1954 datierten Briefes vermerkten der damalige Stadtdirektor Gustav Asmuß und der bis Ende Dezember 1954 amtierende OB Wolfgang Mülberger.

„Darf ich mir eine Anregung erlauben, obwohl sie vielleicht offene Türen einrennt?“ So beginnt der anonyme Schreiber seinen Brief an den Schultes. Dann stellt er fest, wie „untrennbar überall Haerings Name mit unserer Stadt verbunden“ sei und wie viel sie „diesem Manne“ und dessen Schriften über Tübingen verdanke.

Insbesondere nennt der Anonymus die „Rede auf Alt-Tübingen“ und das Buch „Der Mond braust durch das Neckartal“. Das große Vertrauen, das Haering „in allen Kreisen der Stadt“ genieße, habe die Wahl in den Tübinger Gemeinderat (1953) bewiesen. Da erscheine nicht nur ihm, sondern auch „vielen anderen“ der 70. Geburtstag als „der rechte Augenblick“, Haering „auch äusserlich durch Verleihung des Ehrenbürgerrechts den verdienten Dank der ganzen Stadt auszusprechen.“

Der Schreiber versteht seinen Vorschlag nur als „Anregung“. Die Entscheidung liege allein beim OB und dem Gemeinderat, betont er. Nicht einmal den Anschein eines Drucks wolle er erwecken. Deshalb „erlaube“ sich der Autor, anonym zu bleiben. Auch, weil er ja nur im Namen eines überwiegenden Teils seiner Mitbürger spreche, „mein Name also nichts zur Sache tut“.

Als der Autor dieser Zeilen den Brief im Stadtarchiv entdeckte, fiel ihm die Ähnlichkeit mit den Briefen Haerings auf. Auch Stadtarchivar Udo Rauch hegte gleiche Gedanken. Um Klarheit zu schaffen, wurden Gutachter beauftragt. Deren Ergebnis ist deutlich: „Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit“ ist der anonyme Verfasser Haering selbst. So der Befund der Experten für Computergestützte Sprachanalysen Uwe Wirtz aus Köln und Prof. Raimund Drommel aus Forst im Westerwald.

Drommel hat sich auf dem Gebiet der Sprachwissenschaftlichen Kriminalistik ein Renommee erarbeitet und war bereits Gutachter für den Generalbundesanwalt. Die Sprachspezialisten verglichen den anonymen Brief mit Briefen von Theodor Haering sowie mit bildungsgleichen zeitgenössischen Autoren. In ihrem über 30 Seiten langen Ergebnisgutachten stufen sie den Wahrscheinlichkeitswert bei +3,5 ein. Ein hoher Wert, der ganz nahe am Limit liegt. Denn die Skala reicht nur bis +4. Dass der Wert nicht noch höher ausgefallen ist, liege an den fehlenden Datenbanken der Schriftsprache aus den 50er Jahren, so die Gutachter.

Wirtz und Drommel führten unter anderen den so genannten Ellegard-Test durch. Er ermittelt statistisch, wie viele Deutsche der 50er Jahre ein gemeinsames schriftsprachliches „Teilprofil“ haben wie der Anonymus und Haering. Dazu gehören Merkmale, die in beiden Textmengen systematisch vorkommen und voneinander unabhängig sind. Bei diesem Test liege die Wahrscheinlichkeit, dass Haering den Brief selbst geschrieben habe, sogar „bei über 99 Prozent“.

Bei ihrer Analyse untersuchten die Gutachter die optische Gestalt der Briefe, Satzbau und Grammatik, Wortschatz und Wortgebrauch, Wort- und Satzlängen, Tipp- und Rechtschreibfehler. Auch sortierten sie die Wörter nach ihrem passiven Gebrauch, ihrem „Emotionsgehalt“ (rational, emotional) und ihrem „Sprachklima“ (nüchtern, emotional, konservativ, progressiv).

Ergebnis: Der Individualstil des Anonymus und Haerings sei „auf sämtlichen Analyseebenen kompatibel, so dass Herr Prof. Dr. Theodor Haering der Urheberschaft des Anonymschreibens überführt werden kann“, heißt es im Gutachten.

Professor und Mitglied der NSDAP

Theodor Haering wurde am 22. April 1884 in Stuttgart geboren. 1895 zog die Familie nach Tübingen. Von 1928 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs war Haering Ordentlicher Professor am Tübinger Philosophischen Seminar. Er trat 1937 der NSDAP bei. Wegen seiner NS-Verstrickung stufte die Universitätsspruchkammer den Professor 1948 als „Mitläufer“ ein. Durch das 131er Gesetz wurde er 1951 rehabilitiert – viele der durch die Entnazifizierung aus den Ämtern entlassenen ehemaligen Beamten erhielten somit wieder einen Einstellungsanspruch. Von 1953 bis 1957 saß Haering im Tübinger Gemeinderat. Am 11. November 1957 erhielt er bei der Verabschiedung aus dem Gremium die Ehrenbürgerwürde. Haering starb am 15. Juni 1964 und wurde auf dem Stadtfriedhof beigesetzt.

Der Tübinger Philosophie-Professor Theodor Haering wurde durch seine populären Werke einem breiten Publikum bekannt.

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Erstellt:
20. Dezember 2008, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
20. Dezember 2008, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. Dezember 2008, 12:00 Uhr

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