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Todesurteil für den Tüftler der Worte

Der Prozess gegen Sokrates als Theaterstück

Rottenburg. Warum stellen unsere Kinder so viele nervige Fragen, statt sinnvollen Beschäftigungen nachzugehen? Das fragen sich Staat (Utha Mahler) und Kirche (Michael Jendry) seit mehr als 2000 Jahren. Aufwiegler zu dieser Fragerei soll Sokrates (Norbert Laubacher ) gewesen sein.

29.05.2012

Am Donnerstagabend war das Todesurteil für den „Tüftler der Worte“ in der Löwenscheuer vor 25 Zuhörern Thema eines Theaterstücks.

„Zu Aufruhr und Revolution“ habe der Philosoph seine Schüler angestiftet, indem er mit ihnen diskutierte, „wieviele Flohfüße weit ein Floh hüpft.“ Wenn der „faule, primitive Hungerleider“, statt „mit dem Habitus eines Küchenphilosophen“ unbescholtene Bürger lächerlich zu machen, ein „solides Handwerk erlernt hätte“, dann bräuchte man nicht vor Gericht zu sitzen, sagte Schauspielerin Utha Mahler in der Rolle des Staats

Sokrates macht sich nicht nur über das Gericht, sonder auch über die Kirche und denn Staat, über Schulen und Demokratie lustig. Die Lüge sei in der Kirche wahrer als die Wahrheit, weil die Wahrheit so verlogen sei. Der Demokratie misstraut er ebenfalls: „Wenn das Volk behauptet, etwas zu wissen, so bestätigt es damit nur ein Scheinwissen.“ Er, Sokrates sei klüger, weil er wisse, dass er nichts weiß und sich auch nicht einbilde, etwas zu wissen.

Wahlen hält Sokrates für untauglich, zu fähige Regierungen zu gelangen. Regieren sei eine Wissenschaft oder Kunst, und man suche sich ja seinen Kapitän auch nicht aus den Passagieren eines Schiffes heraus. Der Ruf nach dem Staat sei „die Notbremse der Mittelmäßigkeit gegenüber der Intelligenz.“ Schulen und Erziehungseinrichtungen seien gänzlich untauglich für die Erziehung der Schüler: „Sie plappern das Gesagte nach und schreiben es sich auf. Wo aber bleibt das Erleben der Erkenntnis?“

Autor und Schauspieler Michael Jendry widerspricht in der Rolle als Kirche: „Kinder sollen glauben, nicht zweifeln.“ Sokrates fragt er, ob er sich für Gott halte. Dessen Antwort: „Wenn ich einer wäre, bräuchte ich mich hier nicht zu rechtfertigen.“ Er wolle die Kinder nur zu selbstständigen Denkern erziehen. Seinen Anklägern wirft er vor, selbst daran schuld zu sein, wenn sich die Jugend gegen sie wende“. Zeit sei eine Frage der Prioritäten. „Wann hatten eure Kinder Priorität gegenüber eurer Karriere?“

Das Stück der drei Schauspieler des Stuttgarter Studiotheaters versucht nicht, den historischen Sokrates-Prozess nachzuspielen, sondern eine zeitlose Diskussion um Erziehung zu führen. Dabei werden Alt-68er Ikonen wie Allen Ginsberg zitiert, aber auch André Heller und Martin Luther.

Für den Zuschauer ist bei dieser Collage allerdings nicht immer nachvollziehbar, welcher Gedanke von welchem Autor kommt. Das passt allerdings zur historischen Figur des Sokrates, der der Nachwelt hauptsächlich als literarische Figur seines Schülers Plato bekannt ist. Vom Prozess des Sokrates gibt es außer der bekannten Darstellung Platos auch noch eine Beschreibung von Xenophon, die erheblich abweicht. Martin Zimmermann

Der Prozess gegen Sokrates als Theaterstück
Utha Mahler (links) und Michael Jendry (Mitte) verurteilten in Horst Fenns Künstleratelier den Philosophen Sokrates (Norbert Laubacher).Bild: Zimmermann

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29.05.2012, 12:00 Uhr

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