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Prozess: Gestörte Persönlichkeit, aber schuldfähig

Der Psychiater wies auf die Schutzbedürftigkeit, aber auch die Macht der Angeklagten hin

Die Gutachter hatten gestern im Nusser-Mordprozess das Wort. Die gerichtsmedizinische Untersuchung des Opfers und die psychiatrische Untersuchung der Täterin beschäftigten das Schwurgericht. Die Angeklagte selber erklärte am Ende, wie unverstanden und allein sie sich fühle.

18.12.2012
  • Ulla Steuernagel

Tübingen. Eine Zeugin trat noch auf. Die 29-jährige Schwiegertochter der Angeklagten war bis vor kurzem in der psychiatrischen Klinik stationär behandelt worden. Nach ihrer Entlassung wurde sie noch einmal vor Gericht geladen, doch die Hoffnung auf eine Zeugenaussage bestätigte sich nicht. Nein, sie wolle nicht aussagen, sagte die junge Frau, die als Angehörige das Recht auf Zeugnisverweigerung hat, und nein, sie wolle auch nicht, dass ihre Aussage bei der Polizei ins Verfahren eingeführt werde. Damit reagierte sie exakt so wie ihr Mann, der Sohn der Angeklagten und Adoptivsohn des getöteten Zahnarztes.

Die gerichtsmedizinische Analyse bestätigte die bisherige Rekonstruktion des Tathergangs. Der Gerichtsmediziner hatte minutiös die Einschüsse am Körper des Opfers und die Projektile untersucht und kam zu dem Ergebnis, dass der erste Schuss, den die Frau auf dem Beifahrersitz abgab, den Oberschenkel des Opfers traf. Der zweite trat von hinten in den rechten unteren Brustkorb ein. Der nächste Rückenschuss verletzte dann schon Herz und Lunge, und der vierte durchtrennte die Hauptschlagader. Dem Opfer war es kurz zuvor gelungen, die Tür zu öffnen. Der Mann kippte auf die Straße. Der sechste Schuss war dann von der Art, die ein Zeuge als „Hinrichtung“ beschrieben hatte: Die Angeklagte verließ das Auto, setzte ihrem Mann die Waffe ans rechte Ohr und schoss ihm durch den Schädel. Von den sechs Schüssen, die die Frau innerhalb weniger Sekunden abgab, waren drei tödlich, so der Gerichtsmediziner Prof. Frank Wehner.

Die toxikologische Untersuchung von Opfer und Täterin ergaben keine Hinweise auf Alkohol-, anderen Drogenkonsum oder Medikamente.

Schon vor der Ehe depressive Störungen

Mit Interesse wartete das Publikum im vollen Schwurgerichtssaal auf die psychiatrische Beurteilung der Frau, die während der Verhandlung kaum einmal hoch guckte und nur ab und zu die Haare aus dem Gesicht strich, um den Vorhang sofort wieder fallen zu lassen. Der Psychiater Peter Winckler, dies hatte sie zuvor einmal bemerkt, sei der einzige Mensch, der sie annähernd verstehe. Am Ende seines fast zweistündigen Vortrags schien sie sich dessen nicht mehr so sicher.

Der Psychiater, der sein Gutachten auf eine lange Reihe von Gesprächen mit der Angeklagten gründete, sah keine Anhaltspunkte für eine schwere psychotische Störung oder ein eingeschränktes Denkvermögen. Er kam zu dem Schluss, dass die 49-Jährige voll schuldfähig ist.

Allerdings fand er etliche Zeichen für eine Persönlichkeitsstörung. In der Weinerlichkeit der Angeklagten bis hin zu heftigen Weinattacken sah er weniger eine schwere Depression, diese äußere sich eher in einer „emotionalen Starre“. Die Angeklagte erlebte er auch nicht nur als „das Hascherl, das sich wie ein Grashalm im Wind bewegt“. Die Frau habe eine sehr durchsetzungsfähige Seite, die auch in der Zeugenaussage der Tochter des Opfers deutlich geworden sei. Der Psychiater bezeichnete dies als „sthenische Komponente“, also als ein wütendes und herrschsüchtiges Verhalten.

Andererseits litt sie schon seit Jahren, noch bevor sie den Tübinger Zahnarzt in ihrer Heimat Bulgarien kennenlernte, an depressiven Verstimmungen, an psychosomatischen Beschwerden wie Schmerzen aller Art, Herzrasen und Zittern und hyperventilierte schnell. Schon als Kind, so hatte die Angeklagte bei ihrem zweiten Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik in Tübingen gesagt, sei sie „kapriziös gewesen, verhätschelt worden und habe immer ihren Willen bekommen“.

Ihr erster Aufenthalt in der Psychiatrie war schon kurz nach der Hochzeit Ende 1997, kein Indiz für eine glückliche Beziehung. Zuvor hatte es einen heftigen Streit zwischen den Eheleuten gegeben, und die Angeklagte war auch in der Klinik kaum zu bändigen gewesen. Anlass des Dramas war, dass Nusser nicht den Ehevertrag unterschreiben wollte und ihr der Ehering nicht gefallen habe. Diese Neigung zu theatralischen Auftritten, Inszenierungen und affektiven Überreaktionen lasse auf eine „histrionische Persönlichkeitsstörung“ schließen, diagnostizierte der Psychiater und übersetzte: „Freud nannte das Hysterie.“ Die Mischung aus Depressivität und überbordenden Affekten bilde die Problematik der Angeklagten ab. Sie selber beschreibe sich als jemand, der immer unglücklich ist und unter einem Gefühl der Verlorenheit leide.

Der Psychiater wunderte sich, dass die Frau trotz anhaltender körperlicher und seelischer Beschwerden so wenig dagegen unternahm. Aber das sei wohl mit einem „sekundären Krankheitsgewinn“ zu erklären. Die Beziehung zwischen Nusser und seiner Ehefrau bezeichnete Winckler als „sehr verzwickt“. Mit Sicherheit gebe es da „eine Außendarstellung, die anders ist als das Innenverhältnis“. Aber über Hörigkeiten könne man nur spekulieren. Der Mann sei, obwohl nach außen der Beschützer, im Beziehungsgefüge wohl der Schwache gewesen. Es habe „erstaunlich lange“ gedauert, bis er ausgeschert sei.

Aus dem intensiven Ohnmachtsgefühl habe die Angeklagte am Tattag den Entschluss zum Machtgewinn und destruktiven Agieren gefasst. „Eine ganz traurige, griechisch-tragödische Fehlentwicklung“, so Winckler. Dass es eine Affekttat war, schloss der Psychiater aus: „Sie wusste, was sie tat, davon bin ich überzeugt.“

Im Anschluss sprach die Angeklagte mehr als während der gesamten Verhandlung. Niemand kenne sie, aber alle verurteilten sie – und wörtlich: „Es gibt auf der Welt keine zweite Person mit den gleichen Gedanken.“ Ihr Wunsch sei: Endlich das Urteil, und „dann will ich meine Autobiografie schreiben“.

Die Verhandlung wird morgen 8.30 Uhr mit den Plädoyers fortgesetzt.

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18.12.2012, 12:00 Uhr

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