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Kulturphänomene

Der Punkt

Der Punkt ist die kleinste Einheit, so sahen das schon Pythagoras und Euklid. Er ist das lebensweltliche, anschauliche und umgangssprachliche Pendant zum physikalischen Elementarteilchen. Er ist, neben Linie, Fläche und Raum, eine Dimension der Mathematik wie der Malerei (hier kommt noch die Farbe hinzu), steckt als Grundbaustein in den anderen Dimensionen. Sprachlich tritt der Punkt überall dort auf, wo etwas passiert, wo Zustände wechseln: Der Kipppunkt, der Siedepunkt, der Brennpunkt, der Dreh-und Angelpunkt.

07.11.2012
  • Peter Ertle

Er tritt auf, wo etwas beginnt oder nicht mehr weiter geht: Der Anfangspunkt. Der Gipfelpunkt. Der Höhepunkt. Der Wendepunkt. Der Tiefpunkt. Der Endpunkt. Stets liefert er eine präzise Ortsangabe: In Tübingen verabreden sich Jugendliche gern am Treffpunkt S-Point. Der Anhaltspunkt wiederum ist ein ganz bestimmter Punkt in Sachsen-Anhalt.

Der Punkt ist auch die kleinste Einheit jedes unserer gedruckten Bilder, jedes unserer gedruckten Buchstaben. Er heißt hier nur anders: Pixel. Der Farbpunkt braucht allerdings andersfarbige Punkte, aufs Prinzip reduziert: Der schwarze Punkt braucht den weißen Punkt, also die Abwesenheit des Punktes, um im Zusammenspiel komplexe Bilder zu ermöglichen.

Der Punkt spielt auch in der Schrift eine große Rolle, er markiert das Ende des Satzes. Im übertragenen Sinn meint „Punkt!“ so viel wie basta oder Schluss oder „dem ist nichts hinzuzufügen“, es ist die akustische Unterstreichung des eben Gesagten. Die sprachliche Doppelbedeutung ist allerdings ein deutscher Sonderfall. Im Englischen zum Beispiel lautet das Wort hierfür nicht point sondern: period.

Der Punkt war schon mal mehr wert. Im Fußball bekamen Mannschaften für einen Sieg früher zwei Punkte. Um einen größeren Anreiz für Risiko und damit für attraktive Spiele zu schaffen, wird der Sieg seit 1995 mit drei Punkten honoriert. Durch die Aufwertung des Siegs erfuhr der Wert des einen Punktes, den man früher wie heute für ein Unentschieden erhält, einen Kurssturz: Eine Mannschaft, die ausschließlich unentschieden spielte, landete früher im Mittelfeld. Heute wäre sie akut abstiegsgefährdet.

Ohne Punkt Punkt wäre mit Komma Strich das Angesicht noch nicht fertig. Zwei kleine schwarze Punkte sind beim Menschen das Fenster zur Welt: Die Pupillen. Punkte begegnen uns überall, auf windpockigen Gesichtern, Marienkäfern und reifenden Bananen, auch auf Würfeln. Und in einer Kartei in Flensburg. Dort will niemand Punkte. Im Gegensatz zur Börse, dort klettern Großunternehmen lieber einige Punkte nach oben als nach unten.

Alles, was sich weit genug von uns entfernt ist irgendwann nur noch ein Punkt am Horizont. Aus der Nähe kann sich jeder Punkt als reich differenzierte Welt, als Kosmos entfalten. Unterm Mikroskop. Oder wenn man nur lange und genau genug darüber nachdenkt. Oder im Teleskop. Zum Beispiel die Oberfläche des Mars. Der knifflige Tagesordnungspunkt 5. Das Innenleben der Halsschlagader, dieser pochende Punkt. Der Ungeheuerkopf einer Milbe in zigfacher Vergrößerung.

Oder der punktförmige Schmerz, das Loch im Zahn, das unsere Zunge als Krater wahrnimmt, eine Sonderform des Punkts, ein Nicht-Punkt mit Rand drumrum. Von außen betrachtet, im Badezimmerspiegel, ist der Krater nur ein kleines Loch, ein Pünktchen. Bei Pünktchen fällt einem immer Anton ein. Leicht kommt man von einem Punkt zum andern. Vom Schmerz ist im Badezimmerspiegel nichts zu sehen. Jedes Innenleben ist groß. Auch nachts wirkt alles größer als tagsüber. Die Nacht ist die Innenseite des Tags, sein aufgeschlagenes Futter, sein Loch. Nachts leben wir im Innern eines großen schwarzen Punktes.

An dieser Stelle des Artikels gelang es ihm nicht mehr, auf den Punkt zu kommen, denkt sich der Leser – und hat recht. Den Punkt verliert man eben leicht aus den Augen. Beim Kleinstpunkt Elektron versagen die Kategorien von Geschwindigkeit und Ort, stellte Heisenberg fest. Je näher man hinschaut, desto fremder blickt es zurück, befand Walter Benjamin ganz generell. Der Punkt ist nur, dass dieses Zitat fast schon zu verbraucht ist, um es hier noch einmal verwenden zu wollen.

Wir verweisen lieber auf den Ausspruch des deutschen Mathematikers David Hilbert, der einmal sagte, man könne statt Punkte, Geraden und Ebenen jederzeit auch Tische, Stühle und Bierseidel sagen.

Der Punkt

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07.11.2012, 12:00 Uhr

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