Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Mit dem Tod stets offen umgegangen

Der Rottenburger Jochim Böckle lebte über zwei Jahrzehnte mit einem Spenderherz

Der Rottenburger Jochim Böckle lebte 21 Jahre lang mit einem Spenderherz. Im Oktober letzten Jahres starb er. Seine Ängste, sein Leiden, aber auch seine Freude über das wiedergewonnene Leben verarbeitete er in Bildern. Eine Ausstellung in der Café Bar zeigt 16 seiner Werke.

17.01.2015
  • Dunja Bernhard

Rottenburg. Eine lebensbedrohliche Erkrankung brachte Jochim Böckle – der Jök genannt werden wollte, weil er seinen Vornamen nicht mochte – zur Kunst. Anfang der 1990er Jahre diagnostizierten Ärzte bei dem gebürtigen Rottenburger eine infektiös bedingte Erweiterung des Herzmuskels. Nur eine Herztransplantation konnte das Leben des damals 29-Jährigen retten.

Jök Böckle, dessen Leben sich nur noch zwischen Bett und Sofa abspielte, begann Aquarelle zu malen. Porsche, Ferraris und Oldtimer waren die ersten Motive des Kraftfahrzeugmechanikers und Autonarrs. Noch vor der Herztransplantation am 17. Mai 1993 – diesen Tag feierte er jedes Jahr als seinen zweiten Geburtstag – fand eine erste Ausstellung der Aquarelle im Rottenburger Rathaus unter dem Titel „Arbeiten aus der Angst- und Wartezeit“ statt. Jök Böckle wollte mit seinen Bildern auch über den Mangel an Spenderorganen informieren und er fand deutschlandweit Beachtung.

Nicht nur die örtliche Presse, sondern auch das Wochenmagazin „Die Zeit“ und Fernseh- und Rundfunkanstalten berichteten über den Autodidakten. „Er hat sich die Maltechniken alle selbst beigebracht“, sagt seine Frau Christiane Böckle. Später gestaltete er Leinwände mit Acryl-, Öl-, Seidenmalfarben und Gipsbinden. Mal malte er gegenständlich, mal abstrakt. 2012 gewann er den Stuttgarter Handicap-Kunstpreis.

Die Ausstellung in der Café Bar zeigt das erste Bild des Künstlers und Werke aus den vergangenen drei Jahren. „Die 16 Bilder sind alles, was noch da ist“, sagt Christiane Böckle. Alle anderen seien verkauft. Die Ausstellung solle vor allem eine Erinnerung an ihren Mann sein. „Er ist jetzt da oben und reibt sich die Hände“, sagt sie und zeigt zum Himmel. Ausstellungen habe er sehr gern gemacht. Jök Böckle nutzte dieses Forum auch nach der Herztransplantation, um über Organspenden zu informieren. Mit dem Transplantationskoordinator Carl-Ludwig Fischer-Fröhlich zog er durch Schulen und Vereine, um für den Organspendeausweis zu werben. Dass täglich drei Menschen in Deutschland sterben, die durch eine Organspende hätten gerettet werden konnte, ärgerte ihn.

Später könne sie sich vorstellen, diese Informationsarbeit fortzuführen, sagt Christiane Böckle. Jetzt brauche sie dazu aber erst einmal Abstand.

Jök Böckle lernte seine spätere Frau Christiane im Deutschen Herzzentrum in München kennen. Sie war Krankenschwester auf der Intensivstation, auf der der Schwerkranke 1993 lag. Noch vor der Transplantation verlobten sich die beiden. Sie dachte sich damals, mit der Liebe ihres Lebens seien auch zehn gemeinsame Jahre schön. „Jetzt waren es 21 Jahre“, sagt Christiane Böckle.

Er wollte nicht künstlich am Leben erhalten werden

Der Tod ihres Mannes sei trotzdem plötzlich gekommen. Es war nicht das Herz, das seinen Dienst versagte. Er starb an den durch Medikamente verursachten Nebenerkrankungen. Schließlich versagten die Nieren. Ihr Mann habe schon vor der Transplantation gesagt, dass er niemals an die Dialyse wolle oder künstlich am Leben erhalten werden. Seine Familie trug diese Entscheidung mit. Er habe vor allem in den letzten zehn Jahren sehr viele Schmerzen ertragen müssen, sagt seine Frau. „Wenn jetzt noch was dazu kommt, will ich nicht mehr“, habe er gesagt. Im Oktober war es so weit.

Die Ärzte der Tübinger Uni-Klinik hätten Verständnis gezeigt. Innerhalb von 24 Stunden habe er mit Hilfe des Tübinger Projekts nach Hause verlegt werden können, um dort sechs Tage später im Kreis seiner Lieben zu sterben. Vorher seien noch viele Freunde und Verwandte gekommen, um sich zu verabschieden. Er habe für jeden ein Lächeln auf den Lippen und ein nettes Wort gehabt. „Die Kraft, die er in seiner Abgeklärtheit hatte, war irre“, sagt Christiane Böckle. Mit dem Tod sei er immer sehr offen umgegangen. Eine zweite Transplantation wäre für ihn nicht in Frage gekommen. Er habe seine Chance gehabt, hatte er immer gesagt. Nun seien Jüngere dran.

In Jök Böckles letzten Stunden waren nicht nur seine Frau und seine Nichte bei ihm, sondern auch sein bester Freund Peter Greising. Vor 30 Jahren haben die beiden sich im Jugendhaus kennen gelernt und drei Wochen in Ungarn zusammen Urlaub gemacht. „Von da an waren wir die besten Freunde“, sagt Greising. 2009 erfüllte er Jök Böckle einen Traum: eine Reise nach Amerika. Bis New York, dem eigentlichen Ziel, seien sie nicht gekommen, aber bis nach Las Vegas, erzählt er. 2011 scheiterte eine zweite Reise an einer schweren Darmerkrankung von Jök Böckle. Ohne Operation gaben die Ärzte ihm noch drei Monate. „Wir haben noch drei Jahre geschafft“, sagt Christiane Böckle.

Info Die Vernissage zu der Ausstellung von Jochim Böckle (Jök) ist am Samstag, 24. Januar ab 10 Uhr in der Café Bar in der Königsstraße. Zur Eröffnung spricht Helmut Schmitz.

Der Rottenburger Jochim Böckle lebte über zwei Jahrzehnte mit einem Spenderherz
ochim (Jök) Böckle lebte 21 Jahre lang mit einem Spenderherz. Das Thema Transplantation verarbeitete er auch in Bildern, von denen einige nun in der Cafe Bar zu sehen sind. Bild: Privat

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

17.01.2015, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball